Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Die KI kann mich mal
Von Robert Jakob
Neulich hatte mich der Schalk gepackt, und ich habe der Künstlichen Intelligenz in Gestalt von Chat GPT eine gemeine Falle gestellt. Ich präsentierte ihr je eine wertvolle Briefmarke und eine wertlose und vertauschte die Argumente, die für die Klassifizierung sprachen, in Bezug auf die Abbildungen. KI stolperte in die Falle, da die Bildanalyse extrem knifflig war. Offenbar wollte Chat GPT mir schmeicheln und lobt meine falsche Zuordnung als korrekte Voranalyse, um mich bei guter Laune zu halten.
A Fool with a Tool stays a Fool
Ein Werkzeug ist nur dann nützlich, wenn man clever damit umzugehen weiss. Das gilt auch für Bücher. Darum ist ein im Verlag Kremayr & Scheriau gerade erschienenes Buch zum Gebrauch der Künstlichen Intelligenz sehr nützlich. Die Autorin Barbara Obberrauter-Zabransky versteht es, mit treffenden Vergleichen dem Leser die Eigenheiten und Eigentümlichkeiten der KI näher zu bringen. Mit «Carsharing für Algorithmustraining» beschreibt sie beispielsweise die Methode, wie KI sich selbst weiterbildet.
Wir hatten im medizintechnischen Labor bereits in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts an selbstlernenden Analysesystemen erste Gehversuche dazu gemacht. Heute ist die Programmierung tausendmal weiter. Die künstliche Intelligenz macht nichts anderes als Erkennungsmuster zuzuordnen. Insofern denkt sie nicht, sondern ordnet ein und kombiniert, und dabei greift sie auf immer grössere Datensätze zurück. Chiptechnisch und historisch verdankt sie ihren Erfolg den Grafikkarten.
Generativ heisst nicht generell
Die Autorin beschreibt nach einem kurzen historischen Abriss die besten Anwendungsmöglichkeiten, aber auch die Beschränkungen der KI, und das alles in ungemein unterhaltsamer Weise. Gut auch, dass sie mit dem Mythos abrechnet, die Künstliche Intelligenz würde Millionen von Arbeitsplätzen kosten: Reisserische Titel wie «KI bringt Massenarbeitslosigkeit», so das erste Zitat aus dem umfangreichen Literaturverzeichnis, welches allein zehn Prozent des Buches ausmacht, sind pure Fehlspekulation. Bisher hat jede noch so neue Technologie lediglich zu einer Verschiebung der Arbeit geführt. Die KI erleichtert die Textgeneration, wird aber den Schriftsteller nicht überflüssig machen. Eher geht es den Photoshop-Artisten an den Kragen. Umgekehrt werden ganz neue Berufe entstehen oder bestehende einen Schub durch KI erhalten, wie beispielsweise die Landschaftsplaner. Prima, dass Barbara Obberrauter-Zabransky in vielen Kapiteln die planerischen Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz herausstreicht. Auch dem Stromverbrauch und den Folgen für die Demokratie widmet Sie längere Berechnungen und Überlegungen.
Von der Wundertüte bis zur Büchse der Pandora
Ärgerlich sind natürlich die Betrügereien, die mit KI sehr erleichtert werden, sei es durch Meinungsmanipulation via Botshit, Deepfakes und AI slops, bis hin zu täuschend echten Enkeltrickkampagnen. Barbara Obberrauter-Zabransky will mit ihrem Buch auch Berührungsängste nehmen. So widmet sie ein ganzes Kapitel dem richtigen Umgang von KI in den Schulen. Statt das Hilfsmittel zu verteufeln, gehört es im Unterricht genutzt, denn zuhause benutzen es die Schüler ja ohnehin. Alle grossen KI-Firmen haben ausserdem Lerntools im Angebot, die nicht nur beeindrucken, sondern sich selbst auch ständig weiterentwickeln.
Das Buch schliesst mit einem persönlichen Blick in die Kristallkugel, deren Vorhersagen ich mir genau so vorstelle. Es ist, entgegen dem Titel, ein Plädoyer für den vergnügt-überlegten Gebrauch dieser extrem nützlichen Technik. Für mich hat KI die grössten Stärken in der Bilderkennung. Aber Gott ist die KI nicht, denn sie macht krasse Fehler, selbst wenn man sie mit exakten Angaben füttert. So schickte ich ihr ein Bild meines defekten Ölbrenners und fragte, wo das Kabel zur Flammensonde versteckert sei, um dieses dann auszutauschen. Ich rupfte das verkehrte Teil heraus und hielt dadurch ein abgerissenes Kabel in der Hand, weil KI trotz genauem «Prompting» bei der Bildanalyse dummerweise rechts mit links verwechselt hatte.
Angaben zum Buch:
Barbara Oberrauter-Zabransky: Die KI kann mich mal, by Kremayr & Scheriau. ISBN 978-3-218-01497-7
Bei Kremayr & Scheriau:
https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/die-ki-kann-mich-mal/
Euro 25
Bei Orell Füssli:
https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1077213044
CHF 38.90