Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Die Qual mit der Wahl

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Die Qual mit der Wahl
Hat sich in die Nesseln gesetzt: Annalena Baerbock, Co-Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. (Foto: ©Urban Zintel)

Die wie amerikanische Reality-TV-Shows daherkommenden Streitgespräche im Vorfeld der Bundestagswahl haben wenig Inhalt, aber einige Flausen offenbart.

Ich muss gestehen, mein Herz schlägt grün. Meine Kids muss ich aber hin und wieder auf den Boden der Realität zurückholen, wenn sie die Welt retten wollen. Der denkwürdigste Satz aus dem armen Fundus der Trielle (der deutschen TV-Dreikämpfe der Möchtegernekanzler) kam für mich ausgerechnet aus dem Munde der Grünen-Kandidatin. Die zu früh als natürliche, weil weibliche Merkelnachfolgerin, gehypte Annalena Baerbock sprach’s: «Jedes Verbot ist auch ein Innovationstreiber». Sie meinte damit in erster Linie die grüne Energie- und Klimapolitik mit besonderem Augenmerk auf das Ende des Verbrennungsmotors.

Für die Presse ein gefundenes Fressen. Alle stürzten sich auf die von Baerbock in der Attitüde der Kindergartenpädagogin vorgetragene Aussage. Hier einige der Kommentare:

«Wahrer Fortschritt gedeiht nur in Freiheit» (die erwartete Plattitüde aus dem Hause NZZ), «Gewaltige Anmassung» (die WELT, wie immer etwas hölzern), «Ohne die Mauer hätte es die vielen abenteuerlichen Fluchten mit dem selbstgebastelten Ballon oder dem umgebauten West-Auto nicht gegeben» (die WELTWOCHE, sarkastisch).

Baerbocks Gedanke zur Innovation, wenn’s denn einer ist, ist nicht neu. Vor genau dreissig Jahren hat Management-Legende und Harvard-Professor Michael Porter die These aufgestellt, dass strikte Umweltmassnahmen die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen verbessern können. Und zwar dann, wenn die Neuerungen gut genug sind, um die Prozesse besser und schlanker zu gestalten. Das hängt natürlich von allerlei Bedingungen ab. Wenn beispielsweise Ressourcen in Form von Energie und Material gespart werden, wirkt sich das für ein Unternehmen unterm Strich gut aus.

Entscheidend ist immer die Gesamtbilanz sowohl für Unternehmen als auch für die ganze Gesellschaft. Deshalb ist die genaue Berechnung von externen Schäden und externem Nutzen unternehmerischen Handelns und deren Zuordnung so wichtig. Wenn es durch umweltfreundliche Innovationen keinen geringeren Energie- oder Ressourcenverbrauch gibt, nutzen sie wenig oder schaden sogar.

Plattitüden und Verallgemeinerungen
Der Wahlkampf in Deutschland ist ein «Banalkampf». Pauschalisierungen dominieren den Diskurs. Insofern war Annalenas Aphorismus, dass jedes Verbot auch ein Innovationstreiber sei, eine masslose Übertreibung. Das Wörtchen «jedes» war fehl am Platz. Verbote können die Fantasie beflügeln, weil man nach Wegen sucht, sie zu umgehen oder Probleme auf andere Weise anzugehen. Vielfach wirken Verbote aber auch lähmend. Psychologisch führen sie zu Trotz und Widerstand.

Janine Wissler, Co-Parteivorsitzende der Linken will Inlandsflüge und Verbrennungsmotoren verbieten. Ich selbst fliege gerne, habe aber einmal aus Umweltschutzgründen auf einen vom Hessischen Rundfunk bezahlten Flug von Zürich nach Frankfurt verzichtet und fuhr mit der Bahn, was ich eigentlich hasse. Sollte ein Flugverbot kommen, werde ich das nächste ‘mal lieber noch schnell einmal jetten.

Überhaupt: Dogmatische Verkrampfung ist in der Umweltpolitik fehl am Platz. Ausser der Weltwoche leugnet wohl niemand die Erderwärmung. Aber in einer Welt mit schon jetzt acht Milliarden Einwohnern ist allein das katabole Endprodukt des Menschen, nämlich Kohlendioxid aus seinen Lungen, nicht wegzudenken. Es ist schlicht und ergreifend ein normaler Ausstoss. Wenn meine Kinder wieder mal verlangen, dass ich auf ein Steak verzichte, wegen des hohen Wasser- und Energieverbrauchs bei seiner Herstellung, und weil Kühe Treibhausgase ausfurzen, antworte ich, dass alle Menschen zusammen zehn Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr ausatmen. Auch diese 10 Mia. Tonnen CO2 pro Jahr müssen erst mal wieder in den Lebeweltkreislauf zurückfliessen oder in CO2-Senken gebunden werden. Eine mögliche Lösung wäre, wenn ich mich in eine Pflanze verwandelte. Nein, ernsthaft: Alles ist eine Frage des Gleichgewichts. In der Kreidezeit war es 10 Grad wärmer. Damals lebte der Tyrranosaurus rex und in der Atmosphäre brodelte es. Für uns Menschen wäre das kein gutes Umfeld zum Leben gewesen. Die Stoffwechselprozesse und der Stoffaustausch zwischen Tieren und Pflanzen waren heftig und die Naturgewalten auch. Aber auch da hatte die Natur ihr eigenes Gleichgewicht gefunden, halt damals ohne den Homo sapiens.

Die Menschheit wird in den nächsten Jahren Wege finden, eine Verminderung von Treibhausgasen (dazu zählt bei weitem nicht nur Kohlendioxid) mittels vernünftiger Lenkungsabgaben und ohne überzogene Verbote wie Fahrverbote für Explosionsmotoren durchzusetzen.

Strom wird ohnehin das neue Erdöl
Um 1900 fuhren übrigens in den USA doppelt so viele Elektroautos als Benziner. Lediglich das plötzlich spottbillige Erdöl führte zur Trendumkehr. Öl zu verbrennen, statt diesen tollen Rohstoff zu verarbeiten, ist ein Jammer, ist Erdöl doch das Produkt einer Millionen Jahre dauernden Biomasseproduktion, einem Gleichgewichtszustand, von dem wir heute profitieren können. Wenn Strom billig ist, werden sich die eAutos ohnehin am Markt durchsetzen. Dann braucht es keine Oberlehrermethoden mit Verboten, um die Leute zu erziehen. (Der Autor hat übrigens über Kohlendioxid-fixierende Enzyme promoviert und ist Aktionär des Versorgers E.ON)

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