Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Survival of the fittest

Coronavirus
Darstellung Coronavirus mit Mutation. (Adobe Stock)

Von Robert Jakob

Räuber-Beute-Beziehungen verlaufen zunächst nach dem in der Wirtschaft bekannten Schweinezyklus. Das gilt auch für das Coronavirus.

Gibt es viel Beute, lockt das Räuber (Gewinner) an. Die Räuber nehmen zu, und der Gewinn (Beute) wird weniger. Daraufhin kommt es zu einem Populationseinbruch bei den Räubern. Die Räuberdichte nimmt ab, bis sich die Beute wieder erholt. Das Spiel wiederholt sich. Aber nicht bis in alle Ewigkeit, denn irgendwann kommt es zu einer evolutionären Anpassung. Räuber und Beute finden ein Gleichgewicht mit geringeren Schwankungen. Dadurch haben beide weniger Stress. Dies gelingt durch Co-Evolution. In der Natur läuft dieses Spiel seit Jahrmillionen ab.

Das Problem mit SARS-CoV2 ist für uns Menschen dabei nicht nur, dass wir die Beute sind und das Virus der Räuber, sondern dass auch der Zeitrahmen eine grosse Rolle spielt. Zwar gibt es beim Mechanismus der Evolution auch schnelle Anpassungen, aber selbst diese spielen sich meist in der Grössenordnung von vielen Jahren und Jahrzehnten ab. Das liegt daran, dass Mutationen zwar recht häufig vorkommen, es aber Zeit braucht, bis sie sich in den Organismen etablieren.

Ein Beispiel
Weil Trophäenjäger bevorzugt Tiere mit prächtigen Hörnern schiessen, dezimierten diese in der kanadischen Wildnis den Bestand an Dickhornschafen. Zunächst passierte nicht viel, aber irgendwann traten Mutationen im Genom für die Hornbildung auf, Schafe mit mickrigeren Hörnern kamen auf die Welt und konnten sich stärker als die ursprünglichen Dickhornschafe vermehren, weil die Jäger sich nicht mehr für sie interessierten. Der Vorgang dauerte jedoch einige Jahrzehnte.

Im Vergleich zu Menschen oder Säugetieren mutieren RNA-Viren um ein Vielfaches leichter. Es macht also Sinn, bei der Co-Evolution auf den Räuber zu wetten. Experten gehen bei einer Gesamtlänge des Sars-CoV-2-Erbguts von nur etwa 30’000 Basenpaaren von mehreren Mutationen pro Monat aus. Zum Vergleich: Grippe-Viren mutieren im selben Zeitraum noch zwei- bis viermal häufiger. Das ist mit ein Grund, weshalb die klassische Grippeschutzimpfung so oft versagt. Die Mutation ist aber auch eine Chance für die Co-Evolution. Erste Erkenntnisse liefert die Omikron-Variante von SARS-CoV-2.

Hier kam es zu Mutanten mit höherer Übertragbarkeit (Transmission) und Immunflucht (Evasion) aber geringerem Ausprägungsgrad (Virulenz). Im Moment scheint der Vorteil der geringeren Virulenz zu überwiegen, denn Omikron hat die weit tödlichere Delta-Variante verdrängt. An SARS-CoV-1, das vor knapp zehn Jahren «wütete», starben sogar 800 von 8000 Erkrankten. Die fallspezifische Todesrate liegt jetzt bei SARS-CoV-2 hundertmal tiefer.

Mittlerweile gibt es 5 Untervarianten von Omikron, der neusten Varianten im viralen Giftcocktail. Die neueste Untervariante hört auf den Namen BA.5, ist die fünfte nacheinander und auf dem besten Weg, zumindest in unseren Breiten, alle anderen zu überflügeln. In Deutschland gibt es fast nur noch Omikron und mehr als die Hälfte der Neuinfektionen geschieht mit BA.5. In der Schweiz gibt es sowieso nur noch Omikron.

1 x 1 ist genauso viel wie 10 x 1/10
Sieht man sich die fallspezifischen Todesraten an, ist Jubel leider nicht angebracht. Pro Infektion sterben zwar ein gutes Zehntel weniger Patienten im Vergleich zu den Alpha- bis Delta-Zeiten. Dafür gibt es Abertausende mehr Kranke. Mathematisch ist 1 x 1 halt genauso viel wie 10 x 1/10. Lag in den ersten Coronawellen die Sterblichkeit weit über einem Prozent der nachgewiesenen Fälle, liegt sie jetzt weit unter einem Promille. Tendenz weiter sinkend.

Die milderen Verläufe mit den Omikron-Subvarianten sind im Moment ein Glücksfall. Denn die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 nimmt zu. In Deutschland hat sie sich innert eines Monat verdreifacht. Leicht gesunken ist hingegen die Zahl der Toten. Dennoch besteht kein Grund zur Entwarnung. Es gibt weiterhin auch zahlreiche schwere und tödliche Verläufe. Die Mehrzahl der guten Verläufe ist hauptsächlich auf den wachsenden Immunschutz zurückzuführen. Rund die Hälfte der Bevölkerung hatte bereits Covid19 und zusätzlich sind 70 Prozent der Bevölkerung geimpft. Beides schützt vor schlimmeren Folgen. Das ist gut so und wird weiterhin wichtig sein.

Aber da die Immunevasion Teil des Cocktails ist, den die Evolution uns auftischt, wissen wir nicht, was uns im nächsten Coronaspätherbst erwartet. Da die Co-Evolution von Mensch und SARS-CoV-2 noch sehr, sehr kurz ist, kann im Herbst sowohl eine harmlose Mutante als auch eine sehr virulente auf uns warten. Das entscheidet kein göttlicher oder menschlicher Plan, sondern Genosse Zufall. Immunisierung und neue Medikamente werden uns zu einem nicht unerheblichen Teil vor dem Tod durch Covid19 schützen, aber das SARS-CoV-2 wird uns noch viele Jahre begleiten.


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Das Titelbild ist eine modellierte Darstellung des Kampfes unseres Immunsystems gegen ein Virus. Immunglobuline (ypsilonförmig) und Zellsysteme attackieren den Feind.

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