Schweizer Entwicklerin von Krebsimpfstoffen Madiha Derouazi gewinnt Europäischen Erfinderpreis 2022

Schweizer Entwicklerin von Krebsimpfstoffen Madiha Derouazi gewinnt Europäischen Erfinderpreis 2022
Madiha Derouazi (r.) und Elodie Belnoue. (Foto: EPO)

München – Das Europäische Patentamt (EPA) hat die Schweizer Biotechnologin Madiha Derouazi und die französische Immunologin Elodie Belnoue mit dem Europäischen Erfinderpreis 2022 in der Kategorie «Klein- und mittelständische Unternehmen» ausgezeichnet. Der Preis ist einer der renommiertesten Innovationspreise Europas und wird jährlich an herausragende Erfinder aus Europa und darüber hinaus verliehen.

Geehrt werden die beiden Forscherinnen für die Entwicklung einer neuen Plattform zur Herstellung von therapeutischen Impfstoffen, die es ermöglicht, die Komponenten eines Impfstoffs individuell zusammenzusetzen. Ihre Impfstoffplattform könnte eine neue Ära in der Behandlung von Krebs einläuten, weil die auf dieser Plattform hergestellten Impfstoffe eine Immunreaktion auslösen, wie sie bisher noch nicht beobachtet werden konnte.

Starke Immunreaktion
Die auf diese Weise hergestellten Impfstoffe regen das Immunsystem dazu an, eine starke Immunreaktion auf die Krankheit zu erzeugen, d.h. Krebszellen im Körper des Patienten zu erkennen und zu zerstören. Andere Forscher haben bereits versucht, therapeutische Krebsimpfstoffe zu entwickeln, konnten aber entweder keine starke Immunreaktion hervorrufen oder die Impfstoffe waren nur bei wenigen Patienten wirksam.

„Diese bemerkenswerte Erfindung hat das Potenzial, viele Leben zu retten», sagt EPA-Präsident António Campinos. „Es schien lange Zeit unmöglich, aber Madiha Derouazi und Elodie Belnoue haben mit Einfallsreichtum und Beharrlichkeit einen neuen Weg zur Behandlung von Krebs geschaffen.“

Impfstoffe zur Krebsbekämpfung
Während viele Impfstoffe zur Vorbeugung von Krankheiten eingesetzt werden, kommen therapeutische Impfstoffe bei der Behandlung bereits ausgebrochener Krankheiten zum Einsatz. Krebserkrankungen unterdrücken häufig die körpereigene Immunreaktion. Die Aufgabe eines therapeutischen Krebsimpfstoffs besteht daher darin, die körpereigenen Abwehrmechanismen zu aktivieren und so die Krankheit zu bekämpfen.

Die Erfindung von Derouazi und Belnoue vereint drei wesentliche Bestandteile eines Impfstoffs in einem einzigen Protein, so dass die Plattform zur Herstellung von Impfstoffen verschiedener Krebsarten verwendet werden kann. Sie sind für den Einsatz neben Behandlungen wie Chirurgie, Chemotherapie und Strahlentherapie vorgesehen.

Derouazi und Belnoue nutzen nun die KISIMA-Plattform zur Herstellung ihres ersten Impfstoffs, der metastasierenden Darmkrebs behandeln soll. Der Impfstoff befindet sich derzeit in einem frühen Stadium der Erprobung am Menschen, wobei dieser sowohl allein als auch in Kombination mit immunstärkenden Medikamenten an Patienten getestet wird.

Die Versuche sind ein grosser Schritt für Derouazi, die sich erstmals während ihrer Postdoc-Zeit mit Krebsimpfstoffen beschäftigte. Sie meldete 2012 ein Patent für die Plattform an, als sie an der Universität Genf arbeitete, und gründete das Spin-out-Unternehmen AMAL Therapeutics, um sie zu entwickeln und zu vermarkten. Belnoue war ihre erste Mitarbeiterin. Im Juli 2019 erwarb das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim AMAL Therapeutics für 425 Millionen Euro, seinerzeit der grösste Verkauf eines Biotech-Unternehmens in Europa.

Für Derouazi standen bei ihrer Forschung immer die Patienten im Mittelpunkt. „Der wichtigste Moment in meinem persönlichen Leben, aber auch für AMAL Therapeutics und das gesamte Team war der 30. Juli 2019, als der erste Patient mit unserem Impfstoff behandelt wurde. Wir erhielten um 22 Uhr eine SMS mit der Nachricht, dass der Patient behandelt worden war, und ich habe geweint. «AMAL» bedeutet «Hoffnung» auf Arabisch, und das ist es, was wir den Krebspatienten bringen möchten.“

Madiha Derouazi
Nach ihrem Biologie-Studium an der Universität Genf erwarb Madiha Derouazi im Jahr 2000 einen Master of Science in Biotechnologie an der Technischen Universität Berlin. 2005 promovierte sie in Biotechnologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Darauf folgte die Postdoc-Phase am CNRS in Frankreich. Währen dieser Zeit fiel die Entscheidung, die weitere Forschungsarbeit auf Krebs zu konzentrieren. Als Derouazi 2009 ein unabhängiges Krebsimpfstoffprojekt am Universitätsspital Genf leitete, wurde sie von der dortigen Laborleitung darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihre Arbeit patentieren sollte. Dies führte zur Gründung von AMAL Therapeutics, wo Derouazi weiterhin CEO ist.

Elodie Belnoue
Elodie Belnoue schloss 1996 ihr Studium der Biochemie an der Universität Paris XI mit einem Bachelor of Science ab. Darauf folgte ein Master of Science in Immunologie an der Universität Paris V, wo sie 2002 auch in Immunologie promovierte. Nach ihrem Studium arbeitete Belnoue in der immunologischen Abteilung des Pariser Cochin-Instituts an der Evaluierung von Immuntherapien für Lebertumore. 2003 zog sie nach Genf, um als Postdoktorandin im Zentrum für Neonatale Vakzinologie und Immunologie zu arbeiten. Seit 2014 ist Belnoue als leitende Wissenschaftlerin bei AMAL Therapeutics tätig und koordiniert die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. (EPO/mc/pg)

AMAL Therapeutics

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