Schweizer Stellenmarkt: 27% weniger Stellenausschreibungen seit Corona-Krise

Monica Dell’Anna
Monica Dell’Anna. (Foto: zvg)

Zürich – Unternehmen schreiben im 2. Quartal 2020 27% weniger Stellen aus als kurz vor der Corona-Krise. Dies zeigt die wissenschaftlich fundierte Erhebung des Adecco Group Swiss Job Market Index des Stellenmarkt-Monitors der Universität Zürich. Alle Berufsgruppen erleben einen Einbruch im Stellenangebot, jedoch in unterschiedlichem Ausmass. Die Stelleninserate für Berufe von Technik und Naturwissenschaften (-17%) sowie von Bau und Ausbau (-18%) sind am wenigsten eingebrochen, während jene für Berufe des Gastgewerbes und der persönlichen Dienstleistungen (-39%) am stärksten zurückgingen. Es sind alle Grossregionen stark vom Rückgang der Stelleninserate betroffen, wobei die lateinische Schweiz eine leicht stärkere Abnahme verzeichnete als die Deutschschweiz.

Der Einbruch auf dem Schweizer Stellenmarkt nach dem 16. März 2020, dem Startdatum der ausserordentlichen Lage in der Schweiz, zeigt sich deutlich in der aktuellsten Entwicklung des Adecco Group Swiss Job Market Index (Job Index): Die Zahl der Stelleninserate im 2. Quartal 2020 liegt ganze 27% tiefer als im 1. Quartal 2020. Die Stelleninserate für den Job Index des 1. Quartals 2020 wurden kurz vor dem 16. März 2020 erhoben, sodass der Quartalsvergleich die Situation vor und während Corona optimal aufzeigt[1]. «Der Einbruch im Vergleich zum Vorquartal ist abrupt und in seinem Ausmass vorerst stärker als in vergangenen Krisen wie der Bankenkrise, bei der der Effekt weniger plötzlich eintrat. Dies weil in der aktuellen Krise praktisch von einem Tag auf den anderen nahezu alle Teile des öffentlichen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens stillgelegt werden mussten, um eine unkontrollierbare Ausbreitung von COVID-19 zu verhindern. Entsprechend besonders betroffen sind aktuell jene Berufe, bei denen der persönliche Kontakt im Vordergrund steht und sehr zeitnah gewirtschaftet wird, wie beispielsweise im Gastgewerbe und den persönlichen Dienstleistungen», kommentiert Anna von Ow vom Stellenmarkt-Monitor Schweiz. «Positiv ist, dass die Talfahrt gestoppt werden konnte. Die Anzahl Stelleninserate hat sich seit dem abrupten Einbruch innerhalb der ersten drei Wochen auf tiefem Niveau eingependelt. Wir können aber noch nicht von einer deutlichen Wende sprechen. Dennoch besteht Hoffnung auf eine vergleichsweise rasche Erholung. Die Schweiz schliesst nämlich im internationalen Vergleich der Reaktionen auf die Pandemie mit ihren sehr schnell einsetzenden wirtschaftspolitischen Massnahmen sehr gut ab, wie eine Studie der Adecco Gruppe zeigt», erläutert Monica Dell’Anna, CEO der Adecco Gruppe Schweiz.

Besonders betroffen: Gastgewerbe und persönliche Dienstleistungen (-39%)
Die Schutzmassnahmen führten dazu, dass das öffentliche soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben nahezu stillstand. Unter anderem blieben beispielsweise Restaurants, Coiffeursalons und Kleiderläden gänzlich geschlossen. Entsprechend drastisch sinkt die Zahl der Stellenausschreibungen in den Berufen des Gastgewerbes und der persönlichen Dienstleistungen (-39%). Zu dieser Berufsgruppe gehören beispielsweise Service- und Küchenpersonal, Hauswirtschaftsberufe oder Berufe der Körperpflege.

Auch in den Berufen des Handels und Verkaufs ist der Rückgang massiv (-35%). Zu dieser Berufsgruppe zählen beispielsweise Detailhandelsangestellte oder Kassierer/-innen. Damit erreicht der Berufsindex von Handel und Verkauf, der bereits vor Corona vergleichsweise niedrige Werte aufwies, aktuell seinen Tiefstwert seit Beginn der Messreihe im Jahr 2012.

Berufe von Büro und Verwaltung erreichen zurzeit ein seit dem Start der Indexreihe im Jahr 2012 nie dagewesenes Tief. Die Berufe von Büro und Verwaltung verzeichneten bereits seit längerem eine unterdurchschnittliche Entwicklung. Zudem fällt der Rückgang von -35% in dieser Berufsgruppe auf den ersten Blick überraschend stark aus, da Massnahmen wie Homeoffice oder Distanzierungsregelungen in diesen Berufen, beispielsweise im Vergleich zu Berufen im Gastgewerbe, in vielen Fällen einfacher einzuführen sind. Zu diesen Berufen gehören unter anderem kaufmännische Berufe sowie Berufe der Werbung und des Marketings.

In den Berufen von Management und Organisation kann ein ebenso starker Rückgang von -35% beobachtet werden. Zu dieser Berufsgruppe gehören u.a. Geschäftsführer/-innen in der Gastronomie, Unternehmer/-innen, leitende Beamte/-innen und Projektleiter/-innen, aber auch Personal- und Organisationsfachleute.

Stelleninserate für Informatikberufe nehmen um 26% ab. Zu dieser Berufsgruppe gehören beispielsweise Programmierer/-innen oder Analytiker/-innen.

Was Berufe von Gesundheit sowie von Unterricht und öffentlichen Dienstleistungen betrifft, so beträgt der Rückgang je 22%. Zu den Gesundheitsberufen gehören beispielsweise Physiotherapeuten/-innen oder Krankenpflegeberufe. Zu den Berufen von Unterricht und öffentlichen Dienstleistungen zählen unter anderem Berufe des Rechtswesens, der Fürsorge und Erziehung, Lehrpersonen und Medienschaffende.

Wenn man die Industrie- und Transportberufe näher anschaut, so liegt die Zahl der Stelleninserate im 2. Quartal 2020 um gut einen Fünftel (-21%) tiefer als im 1. Quartal 2020. Damit sinkt der Indexwert dieser Berufsgruppe auf das Niveau von Ende 2015. Zu dieser Berufsgruppe gehören beispielsweise Berufe der Metallbearbeitung und -verarbeitung, des Maschinenbaus oder des Fahrzeug- und Gerätebaus.

Weniger stark betroffen: Berufe von Bau und Ausbau (-18%) sowie Technik und Naturwissenschaften (-17%)
Mit -17% gehen die Stellenausschreibungen für Berufe von Technik und Naturwissenschaften im Vergleich am wenigsten zurück. Dieser Berufsgruppe gehören beispielsweise Hoch- und Tiefbautechniker/-innen und -zeichner/-innen an.

Auch Berufe von Bau und Ausbau (z.B. Maurer/-innen, Elektromonteure/-innen oder Sanitärplaner/innen) gehen mit -18% vergleichsweise weniger stark zurück.

Einbussen von etwas weniger als einem Fünftel im Vergleich zum 1. Quartal 2020 weisen mit -19% die Berufe von Finanz und Treuhand (z.B. Buchhalter/-innen, Berufe des Bankenwesens oder des Versicherungsgewerbes) auf.

«Die Stelleninserate sind in allen Berufsgruppen eingebrochen. Dabei sind auch Berufe betroffen, die sich fürs Home Office besonders gut zu eignen scheinen oder Berufe, die keinen direkten Kontakt zu anderen Menschen bedingen (z.B. in der Informatik oder teilweise im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich). Diese Entwicklungen zeigen, wie vernetzt die Schweizer Wirtschaft funktioniert und wie einschneidend die Verunsicherung und Verhaltensregeln für eine grosse Zahl der Berufe waren. Betriebe mussten je nach Situation der Handelspartner/-innen (Kunden und Auftraggeber/-innen) teilweise stark heruntergefahren werden, weil beispielsweise Projektfinanzierungen in Frage gestellt wurden oder Lieferketten unterbrochen worden waren», kommentiert Anna von Ow vom Stellenmarkt-Monitor Schweiz.

«Wir gehen davon aus, dass durch die aktuelle Situation Transformationsprozesse beschleunigt werden, sodass Produktions- und Arbeitsprozesse weiter automatisiert und digitalisiert werden. Wir beobachten diese Entwicklung bereits seit mehreren Jahren. Die Zahlen des Job Index unterstreichen diese Entwicklung und die neusten Entwicklungen im Zusammenhang mit Corona haben diesen Transformationsprozess sogar beschleunigt», ergänzt Monica Dell’Anna.

«Die aktuelle Situation dürfte besonders auch für Personen aus Berufen, die im Rahmen unserer Studie seit Längerem rückläufig sind, schwierig sein. Dies ist der Fall für einen Teil der Büro- und Verkaufsberufe. Hilfreich sind in diesem Zusammenhang von den Unternehmen und der Politik aktiv geförderte Weiterbildungsangebote und Umschulungsmöglichkeiten» kommentiert Anna von Ow vom Stellenmarkt-Monitor Schweiz.

Stellenmärkte aller Schweizer Grossregionen erleiden wesentliche Rückgänge
Im 2. Quartal 2020 zeigt sich, dass alle Schweizer Grossregionen im Vergleich zu vor der Corona-Krise ähnlich starke Einbussen in der Anzahl Jobinserate aufweisen. Die auch in Bezug auf die Corona-Fallzahlen stärker betroffene lateinische Schweiz weist dabei einen leicht stärkeren Rückgang in der Anzahl Stelleninserate auf als die Deutschschweiz.

Mit einem Minus von je 29% drosseln die Unternehmen der Genferseeregion sowie des Espace Mittelland ihre Ausschreibungspraxis am stärksten im Vergleich zum Vorquartal. In der Nordwestschweiz gehen die Stellenausschreibungen um 28% zurück. Etwas weniger stark gehen die Stellenausschreibungen im Grossraum Zürich (-25%), in der Zentralschweiz (-25%) und in der Ostschweiz (-24%) mit einem Minus von je rund einem Viertel zurück. (Adecco/mc/ps)

[1] Die Werte des Adecco Group Swiss Job Market Index (Job Index) beruhen auf umfangreichen vierteljährlichen Inserateauszählungen, welche zur Vergleichbarkeit über mehrere Jahre hinweg jeweils während einer Stichwoche (Messungen fürs 1. Quartal 2020 um die Kalenderwoche 9 herum) durchgeführt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.