Unbeliebt und unterbewertet: Was jetzt angesagt ist
Momentan zeigt sich die Wasseroberfläche an den Märkten ganz ruhig. Aber unter der Oberfläche brodelt es. Ja, es sind sogar gewisse Wirbel zu beobachten. Was tun?
Von Dr. Hendrik Leber, Geschäftsführer ACATIS Investment/ Leiter Portfoliomanagement
Wie können Investoren von der scheinbaren Ruhe am Markt profitieren? Sie können den Volatilitäts-Index kaufen. Wenn der Stress dann zunimmt, ist das ein gutes Investment. Können Investoren auch Korrelation kaufen? Auch die Korrelation an den Märkten ist im Moment sehr gering. Doch jede Aktie hat ihre eigene Dynamik. Wer mit (baldigem) Stress an den Kapitalmärkten rechnet, kann jetzt mit solchen Anlagen davon profitieren. Diese zwei unübliche Investments sind Beispiele, wie Investoren abseits des Mainstream interessante Renditen entdecken können.
Ein Kaufmann vor 600 Jahren lebt es vor
Wie kommt ein Anlagefonds zum Namen Datini? Dahinter steckt eine mehr als 600 Jahre alte Geschichte. Francesco di Marco Datini war ein Kaufmann etwas ausserhalb von Florenz im toskanischen Prato im 14. Jahrhundert. Er stand für Klugheit, Weitblick und Profitabilität. Francesco di Marco Datini (1335-1410) war ein klassischer Selfmademan. Ein grosser Palast zeugt bis heute von seinem Wirken. Dies geht aus einem Buch hervor, das «Im Namen Gottes und des Geschäfts» heisst, weil Francesco di Marco Datini immer so seine Buchhaltung unterschrieben hat. Durch Zufall wurde nach Jahrhunderten die vollständige Geschäfts- und Privatkorrespondenz des Kaufmanns unter einer Treppe seines heute noch erhaltenen Palazzos entdeckt. Francesco di Marco Datini war viel auf Reisen und in seinem Alltag bewegte sich zwischen Ehe, Geschäfte, Profit und Gott. Während Datini in Florenz seinen Geschäften nachging, wachte seine junge Frau Margherita in Prato über Haus und Hof.
Erfolg dank Benchmark-Freiheit
Investoren können diese Tugenden heute im modernen Kontext widerspiegeln. Dazu gehören Geduld und Haltedauer: Gut analysierte Positionen können so häufig über viele Jahre im Portfolio verbleiben. Es gilt die Benchmark-Freiheit: Anlageentscheidungen basieren rein auf fundamentalen Opportunitäten. Der Fokus liegt auf tragfähige Megatrends und wesentliche Werttreiber moderner Volkswirtschaften. Dazu gehören technologische Ermöglicher mit geschützten Marktpositionen und hohen Burggräben. Ein gutes Auge gehört dem Lollapalooza-Effekt: Überdurchschnittliche Wertsteigerungen entstehen dort, wo mehrere fundamentale Kräfte wie technologischer Fortschritt, wachsende Märkte und überlegene Geschäftsmodelle zusammenwirken und exponentielles Wachstum ermöglichen.
Investieren wie ein Gärtner
Pflanzen, Jäten, Säen: Wie das Wachstum in der Natur können sich auch Investoren verhalten. Pflanzen bedeutet investieren, bevor der Markt das Potenzial erkannt hat. Dazu braucht es Weitblick, weil eine Haltedauer von fünf bis zehn Jahren sind nicht ungewöhnlich ist. Statt den grossen Techaktien hinterher zu rennen, können Investoren auf wichtige Zulieferer sezten. Sie ermöglichen die technische Infrastruktur für die KI. Ein Beispiel ist das Unternehmen Hamamatsu, das Sensoren, Lichtquellen und Laserstysteme liefert, die unter anderem in der Halbleiterindustrie eingesetzt werden. Oder Bloom Energy, dessen Festoxid-Brennstoffzellen die Energieversorgung von Rechenzentren sichern. Das Jäten bedeutet, dass nicht alle Investmentthesen immer aufgehen. Da geht es darum, die Gewinner zu behalten und höher zu gewichten. Säen schliesslich ist ein Hinweis auf Diversifikation. Allzu grosse Positionen im Portfolio sollen vermieden werden, in dem das Risiko auf zahlreiche Investitionen verteilt wird. Die beste Allokation des Kapitals erfolgt nach dem Chancen-Risiko-Verhältnis.
Wie würde Datini den Markt heute einschätzen?
Bei den Technologiewerten ist heute eine Angst zu beobachten: «Fear of missing out» – die Angst, etwas zu verpassen. Es ist ein schon fast uferloser Optimismus bei den Investitionen in Künstliche Intelligenz zu beobachten. Beispiele wie das IPOs von SpaceX zeigen, dass Fundamentalfaktoren komplett ignoriert werden. Es wird fast nur noch kurzfristig gehandelt. Die Fundamentalanalyse sieht da ehrlicherweise kurzfristig etwas alt aus. Doch langfristig ergibt sich immer ein anderes Bild. Datini würde heute den Blick auf vernachlässigte Bereiche richten: Das Gesundheitswesen war nach der Corona-Pandemie lange Zeit unbeliebt – das ist im aktuellen Umfeld eine grosse Chance. Auch Softwareunternehmen wurden aufgrund der neuen KI-Modelle in Sippenhaft genommen – da kann punktuell aufgestockt werden. Dann zeichnet sich Stress auf der Zinsseite ab – bei US-Zinsen und bei Private Debt. Wenn immer Stress in der Luft liegt, gilt es aus Problemen Chancen zu machen. Zu solchen Chancen gehören momentan Inflation, Volatilität, Zinsstrukturkurve und Bitcoin.