Studie zeigt detailreiches und nuanciertes Gesamtbild der Universität Basel während der NS-Zeit

Studie zeigt detailreiches und nuanciertes Gesamtbild der Universität Basel während der NS-Zeit
Der emeritierte Basler Geschichtsprofessor Christian Simon hat sich mit der Geschichte der Universität Basel von 1933 bis 1945 befasst, als in Deutschland die Nationalsozialisten an der Macht waren. (Foto: Eleni Kougionis / Unibas)

Von Urs Hafner, Universität Basel

Der Historiker Christian Simon hat die Geschichte der Universität Basel während der Herrschaft der Nationalsozialisten erforscht. Die Professorenschaft tat sich schwer, zum deutschen Hochschulsystem auf Distanz zu gehen, sagt er.

Urs Hafner: Herr Simon, 1933 kamen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht. Haben die Basler Professoren als verantwortungsvolle Intellektuelle die Basler Regierung vor der drohenden Gefahr aus dem Nachbarstaat gewarnt?

Christian Simon: Es war im Gegenteil die Politik, welche die Universität dazu anhielt, zum nazifizierten Hochschulsystem Deutschlands auf Distanz zu gehen. Die linke Mehrheit in der Basler Regierung verbot der Universität, an Hochschulfeiern in Deutschland teilzunehmen, und Erziehungsdirektor Fritz Hauser verurteilte den Antisemitismus.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Wissenschaftler?

Als Historiker versuche ich zu erklären, warum die Wissenschaftler so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. Manche Professoren wollten nicht sehen, wie kriminell das neue Regime war, und haben die Judenverfolgung zunächst verharmlost. Andreas Heusler, der Altgermanist, bewunderte Hitler bis 1938, weil er Deutschland zur alten Grösse führen werde. Auf der anderen Seite steht der Rechtsphilosoph Arthur Baumgarten, der sich unter dem Eindruck, das Bürgertum habe sich den Nazis angedient, vom Liberalen zum Kommunisten wandelte und die Verbrechen Stalins leugnete.

Wieso kritisierten die Gelehrten und Forschenden den Nationalsozialismus nicht mit deutlichen Worten?

In den Augen der meisten Professoren kam die Gefahr für die bürgerliche Ordnung seit der Russischen Revolution und dem schweizerischen Generalstreik von 1918 von den Sozialisten und Kommunisten. Weil sie einen Umsturz fürchteten, unterschätzten sie den Faschismus. Zudem war die Universität Basel eingebunden in die deutsche Universitätslandschaft: Fast jede Karriere führte über ein Studium und eine akademische Position in Deutschland, man war Mitglied in deutschen Studentenschaften und Fachvereinen, publizierte in deutschen Verlagen und pflegte Freundschaften mit deutschen Kollegen. Dazu kam das Ideal der Trennung von Wissenschaft und Politik, ohne die keine unvoreingenommene Wissenschaft gedeihen könne.

«Die Professoren hielten an der Illusion fest, nichts mit der Politik am Hut zu haben.»

Christian Simon

Die Wissenschaftler wollten unpolitisch sein – und waren es gerade deshalb nicht?

Die Professoren hielten an der Illusion fest, nichts mit der Politik am Hut zu haben, auch wenn sie an Tagungen mitwirkten, wo sie zwischen SA-Uniformen unter Hakenkreuzfahnen sassen und Reden über die Prinzipien der «arischen Wissenschaft» hörten. Schliesslich waren sie überzeugt, die linke Erziehungsdirektion wolle ihre Universität zu einer gewöhnlichen Schule herabstufen. Sie kämpften für die Freiheit der Lehre und Forschung, die 1937 im neuen Universitätsgesetz garantiert wurde.

Wie handelten die linken Professoren?

Die überwiegende Mehrheit der Professorenschaft war bürgerlich eingestellt. Unter ihr gab es vereinzelt sehr wohl Kritik an der Hitler-Diktatur, zum Beispiel vonseiten der evangelischen Theologen und der Juristen. Die Theologen erlebten, wie ihre Kollegen im totalitären Deutschland drangsaliert wurden. Ihr Glaube führte sie dazu, die Übergriffe der Nazis auf die Kirche zu verurteilen. Die Theologische Fakultät nahm Kollegen auf, die Deutschland verlassen mussten, unter anderen Karl Barth. Er war eine wichtige Stimme gegen den Nationalsozialismus. Humanistische Altertumsforscher sahen die europäische Kultur und die Freiheit des Individuums bedroht.

Wie argumentierten die von Ihnen erwähnten Juristen?

Sie verteidigten den Rechtsstaat und die Demokratie. Besonders imponiert mir die Abwehr der Nazi-Ideologie durch den Biologen Adolf Portmann: Er wehrte sich gegen den Missbrauch von Zoologie und Evolutionslehre und wies nach, dass die Rassenlehre eine Pseudowissenschaft war.

Wie haben sich die Studierenden positioniert?

Es gab eine kleine sozialistische Gruppe, welche die Presse über nationalsozialistische Umtriebe an der Universität informierte. Das war die Ausnahme. Für die radikale Abwehr waren die Studierenden schlecht gerüstet, weil sie dem Liberalismus und der Demokratie nicht zutrauten, mit der Krise der Gegenwart fertigzuwerden. Sie glaubten, ökonomische Interessengruppen würden das Parlament dominieren und der Gegensatz von «links» und «rechts» verunmögliche den Ausweg aus der Wirtschaftskrise. In der Politik vermissten sie Moral und Idealismus. Viele hofften auf einen autoritären Schweizer Staat.

Welchen Rat geben Sie heutigen Forschenden für den Umgang mit Kolleginnen und Kollegen aus Russland oder China?

Historische Arbeiten qualifizieren ihre Autoren nicht, die Gegenwart zu beurteilen, und die Vergangenheit unterscheidet sich immer vom Heute. Für mich ziehe ich dennoch eine Lehre: Man soll mit Forschenden, die unter Diktaturen leben, so lange in Verbindung bleiben, als man überzeugt ist, dass der Kontakt nicht vom Regime instrumentalisiert wird. Der fachliche und menschliche Austausch mildert ihre Isolation und kann helfen, sowohl sie als auch uns auf die Zeit nach der Diktatur vorzubereiten.

Und was sollen die Universitäten tun?

Den russischen Einfall in die Ukraine zu verurteilen, ist gut und recht. Diskussionswürdig ist dagegen die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Akademien, die von autoritären Regimes geführt werden, weil diese die Kooperation zu Propagandazwecken missbrauchen können. Auch diese Erkenntnis habe ich für mich gewonnen: Es ist für die Zeitgenossen immer schwierig, ein totalitäres Regime umfassend zu durchschauen, sowohl von aussen als auch von innen. (Universität Basel/mc/ps)

Zur Geschichte der Universität Basel 1933–1945
Christian Simon ist Wissenschaftshistoriker und emeritierter Extraordinarius für Neuere Allgemeine und Schweizer Geschichte der Universität Basel. Er hat zur Geschichte der Geschichtsschreibung, der chemisch-pharmazeutischen Industrie, der Biologie und der Universität Basel publiziert. Seine umfangreiche Studie «An der Peripherie des nazifizierten deutschen Hochschulsystems. Zur Geschichte der Universität Basel 1933–1945» ist im Schwabe Verlag erschienen. Sie entwirft ein detailreiches und nuanciertes Gesamtbild der Universität während dieser Zeit.

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