Accenture: Nur jeder zweite Finanzdienstleister glaubt daran, den LIBOR-Ausstieg Ende 2021 zu schaffen

Accenture: Nur jeder zweite Finanzdienstleister glaubt daran, den LIBOR-Ausstieg Ende 2021 zu schaffen

Libor
(Adobe Stock)

Zürich – Die Mehrheit der Banken, Versicherungen und Kapitalmarktgesellschaften planen den Ausstieg aus dem London Interbank Offered Rate (LIBOR), der laut Regulierungsbehörden Ende 2021 auslaufen soll. Weniger als die Hälfte der Finanzunternehmen (47%) glaubt jedoch daran, die notwendigen Mittel und Kenntnisse zu besitzen, um den Übergang fristgerecht durchführen zu können. Dies zeigt die weltweite Studie der Unternehmensberatung Accenture „Liboration: A Practical Way to Thrive in Transition Uncertainty”.

Für Banken der Eurozone ist der Libor-Ausstieg trotz des erwarteten Fortbestandes des Euribor von großer Bedeutung. Die Veränderung der Zins-Referenz in anderen Währungen birgt Abhängigkeiten, die auch für Banken im Euroraum zu einer neuen Dynamik bei Kreditprodukten und Derivaten führen werden. Zum einen gilt es, EUR-Libor Produkte anzupassen. Darüber hinaus sind viele Prozesse in der Risiko- und Finanzsteuerung währungsübergreifend, so dass der Übergang von Libor zu heterogenen neuen Referenzzinsen eine Herausforderung bedeutet. Abzuwarten bleibt, ob die Verflechtung mit den Hedging-Instrumenten für FX und Zinsrisiko dazu führen wird, dass Kredit- und Finanzierungsprodukte verstärkt auf €STR statt Euribor referenzieren werden. Die radikale Abschaffung der Libors könnte also auch in Deutschland eine Blaupause für eine Umstellung zu alternativen Referenzzinsen sein.

Nur knapp 20% ist von seinen Übergangsplänen überzeugt
Die Studienergebnisse von Accenture zeigen, dass zwar 84 Prozent der befragten Finanzdienstleister bereits über Pläne für den Libor-Übergang verfügen, diese Ansätze jedoch meist keine einheitliche und geschäftsübergreifende Linie verfolgen (41%). Lediglich eines von fünf befragten Unternehmen (20%) ist davon überzeugt, operativ für den Übergang bereit zu sein. Als „ausgereift“ bezeichnen bisher nur 18 Prozent der Befragten ihr Ausstiegskonzept. Dies umfasst sowohl Anpassungen operativer IT-Systeme, rechtlicher Vereinbarungen und Produktprozesse, als auch die Umsetzung von Compliance- und regulatorischen Anforderungen.

„Die Erfahrungen der Vergangenheit und unsere Daten deuten darauf hin, dass Transformationen dieser Grössenordnung oft länger, teurer und komplexer werden, als zunächst angenommen“, sagt Markus Böhme, Geschäftsführer bei Accenture Strategy. „Unsere Studienergebnisse zeigen, dass nur wenige Firmen ein holistisches Übergangskonzept haben, das alle Geschäftszweige und Regionen berücksichtigt. Es gibt eine Fülle an Herausforderungen, die bedacht werden müssen. Dazu gehören die Verfügbarkeit und Liquidität neuer Produkte in den Märkten, offene Fragen bezüglich des Produktdesigns und ein detaillierter Übergangsplan. Diese Faktoren können zu Unsicherheit über Margen bei der Kreditvergabe, möglichen Verluste im Handelsbuch, sowie zur Verwirrung der Kunden hinsichtlich des Libor-Übergangs führen.“

Planung des Übergangs ist oft lückenhaft und fragmentiert
Die Studie zeigt, dass Institute ihre Projektbudgets für den Übergang zu neuen Referenzzinsen nicht klar priorisieren und häufig Silodenken eine fragmentierte Vorbereitung innerhalb der Organisationen begünstigt. So planen nur 17 Prozent der Befragten in den Bereichen Operations und Risikomodelle zu investieren, obwohl hier signifikante Aktivitäten während der Übergangsphase erwartet werden. Dagegen haben ein Viertel (23%) der Befragten vor, innerhalb der nächsten drei Jahre Mittel für das Produktdesign bereitzustellen.

Zusätzlich zeichnet es sich ab, dass die Vorbereitung einzelner Funktionen und Abteilungen innerhalb der Institute noch lückenhaft ist. Nur 15 Prozent der Befragten glauben, dass ihre Rechtsabteilungen für die zahlreichen Vertragsbereinigungen, Deal-Restrukturierungen und Neuverhandlungen vorbereitet sind. Lediglich 14 Prozent gehen davon aus, dass ihr Unternehmen bereits ein detailliertes Verständnis der Auswirkungen auf ihr Risikomanagement entwickelt hat. Besonders kritisch werden Auslandsaktivitäten gesehen. Fast die Hälfte der Befragten (47%) gibt an, dass sie unsicher sind, in Bezug auf die regulatorischen Erwartungen in den verschiedenen lokalen Rechtsordnungen.

Differenzierte Übergangskonzepte als strategischer Vorteil
Während die Regulierungsbehörden auf einen zügigen Ausstieg aus dem Libor drängen, glaubt ein Viertel der Befragten (23%) an eine Verschiebung des Ausstiegs. Mit Blick auf bestehende Unsicherheiten im Markt erhoffen sich knapp die Hälfte der Befragten (51%) Unterstützung seitens des Regulators. Die meisten Finanzdienstleister verfolgen ein vorsichtiges, schrittweises Übergangskonzept, wie die Ergebnisse der Studie zeigen. Jene Institute, die einen ausgereiften Plan für den Libor-Ausstieg haben, könnten hieraus einen strategischen Vorteil ziehen. Die Mehrheit dieser Häuser (94% der Banken, die ihr Überganzskonzept als ausgereift bezeichnet) sieht eine strategische Chance im Libor-Übergang. Sie sind überzeugt, dass im Zuge der Übergangsphase zusätzliche Einnahmen generiert werden können, die entstehende Kosten innerhalb der nächsten drei Jahre amortisieren werden. Dagegen sehen nur 2 Prozent der Finanzinstitute ohne ausgereiften Plan diese Ertragschance.

„Finanzdienstleister haben die Wahl: Sie können Ressourcen und Talente bündeln, um den Regularien nachzukommen, oder sie nutzen den Libor-Übergang, um ihr Geschäft zu transformieren und sich Wettbewerbsvorteile zu schaffen“, sagt Markus Böhme. „Es gibt echte Chancen auf Erträge und Kostenreduktionen für jene Institute, die bereit sind, die Führung zu übernehmen und die alternativen Referenzzinssätze zu handeln. Weitere Vorteile entstehen, wenn die Libor-Transformation dazu genutzt wird, teure und veraltete Technologien und Prozesse zu erneuern. So können Finanzdienstleister Unregelmäßigkeiten bei Produktdienstleistungen ausmerzen und gleichzeitig die Kundenbeziehungen stärken.“ (Accenture/mc)

Accenture

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