Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Angelsächsisches Showtime

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Die Briten hatten historisch stets ein eher distanziertes Verhältnis zu Kontinentaleuropa. Sie prägten den Begriff der „splendid isolation“, der wörtlich mit „wunderbare Absonderung“ übersetzt werden kann. Doch wunderbar ist diese Absonderung wohl nur in den Augen derer, die für den Brexit waren. Für viele andere ist die mit dem Brexit verbundene Absonderung Grossbritanniens von Europa ein Anachronismus sondergleichen und dazu ein sehr gefährlicher. So sieht man das vor allem in Brüssel. So sehen das aber auch die meisten Londoner, Schotten, ganz viele Waliser und Nordirland, welches als einziger britischer Teilstaat direkt an die EU grenzt. 

All dies liess die Finanzmärkte bisher relativ kalt, viel Konkretes hat sich nach der Abstimmung im letzten Sommer in Sachen Brexit ja auch nicht getan. Die britische Premierministerin Theresa May wetzte bisher vor allem die Klingen und hat sich lediglich damit hervorgetan, zwar wortreich aber höchst unkonkret zu skizzieren, wie Grossbritannien die „Führungsrolle übernimmt, um die Vorteile des Freihandels“ der ganzen Welt nahe zu bringen. „Wahrhaft global“ werde Grossbritannien werden, „die Welt umarmen“ und meist ist von „kühnen“ Plänen die Rede, aber das war es dann auch schon. Doch nun muss auch sie Farbe bekennen. Ende März möchte sie in Brüssel die offizielle Austrittserklärung platzieren. Parallel zu dieser Ankündigung hat sie deutlich gemacht, dass der Austritt Grossbritanniens vollumfänglich sein wird und am Ende nicht ein Deal ausgehandelt wird, der sowohl für die EU-27 als auch für Grossbritannien nur unbefriedigend ist. Für die Briten, weil sie klar Brexit gesagt haben und diesen auch mit einem definitiven und endgültigen Abschied aus der Europäischen Union komplettieren wollen und für die EU-27, weil ein Deal am Ende noch andere Mitgliedsländer motivieren könnte, es den Briten gleich zu tun. Zwar ist Brüssel etwas abgekommen von dem initial so spontan angekündigten feindseligen Bestrafungspakt, aber die Verhandlungen dürften extrem zäh verlaufen. Egal was in den kommenden Monaten geschieht, es kommt wenigstens allmählich Licht ins Dunkel und man darf gespannt sein, wie und ob überhaupt sich die Lager zu einer Lösung zusammenraufen, bei der beide Seiten einigermassen das Gesicht wahren können.

Und ist der Ruf erst ruiniert…
Ist die britische Regierung wenigstens noch um ihren Ruf bemüht, ist das auf der anderen Seite des Atlantiks nicht das prioritäre Anliegen. Dort lässt Donald Trump schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt keine Zweifel aufkommen, dass es ihm ernst ist mit seinem „make america great again“ – um jeden Preis. Nachdem er seinen Ruf im Wahlkampf schon ziemlich ruiniert hat, regiert er jetzt sprichwörtlich ungeniert und demonstriert, dass er eine scharfe Wende in der Handelspolitik einleiten wird und nicht nur da. In Windeseile setzte er seine Unterschrift unter ein Dokument, welches Obamacare den Wind aus den Segeln nehmen dürfte und wohl das Ende der einzigen grösseren Errungenschaft seines Vorgängers einläutet. Dazu ordnete Trump vorgestern den Rücktritt vom Freihandelsabkommen TPP, das den Aussenhandel mit elf anderen Staaten im Pazifikraum und Südamerika erleichterte und bezeichnete diesen Schritt höchst unbescheiden als grossartige Sache für den amerikanischen Arbeiter. Auch das transatlantische Handelsabkommen TTIP dürfte bald schon unter die präsidialen Räder geraten. Und Strafzölle sind in Trumps Welt nicht nur salonfähig, sondern unumgänglich, um jeglichen unamerikanischen Bestrebungen einen Riegel vorzuschieben. Die letzten Hoffnungen darauf, dass Trumps Amtsantritt versöhnlicher wird als sein Wahlkampf, haben sich schon nach 48 Stunden komplett zerschlagen. Ob die Märkte weiterhin so arglos mit dieser Unberechenbarkeit Donald Trumps umgehen, muss sich erst noch weisen. Aber die Euphorie, die wider jeder Vernunft nach seiner Wahl eingesetzt hatte, ist schon wieder Schnee von gestern und hat einer gewissen Vorsicht Platz gemacht. Trump spaltet schliesslich längst nicht nur sein Land, sondern er mobilisiert weltweiten Protest. Auf der ganzen Welt taten gestern Frauen ihren Unmut über den neuen Präsidenten kund, während der seinen Sprecher Sean Spicer offenbar beauftragte, die Medien vor den Kopf zu stossen, mit einem Satz, von dessen Falschheit sich jeder selbst überzeugen kann: „Das war das grösste Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war, sowohl vor Ort als auch weltweit, punkt aus. Die Strategie Trumps scheint klar. Die Medien schüren mit ihrer „schändlichen und falschen“ Berichterstattung den Konflikt und sabotieren damit Trumps Ehren wertes Vorhaben, die Nation zu einigen.

Showdown hat begonnen
Dass 2017 ein spannendes Jahr werden dürfte, war vielen Politbeobachtern klar. Dass es aber so turbulent anfängt, eher wenigen. Von Januarloch kann nicht die Rede sein. Und dass es weiter spannend bleibt, ist vorprogrammiert. Schliesslich kommen zu der Unberechenbarkeit Trumps und den schwellenden oder offenen geopolitischen Konflikten noch die Wahlen in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und eventuell Italien sowie im Iran und China hinzu. Die Wahlen in Europa könnten die EU schwächen, und zwar umso  mehr die Euroskeptiker Wählerstimmen gewinnen. Im Iran stellt sich die Frage, ob der prowestliche Kurs Hassan Rohanis auch von seinem Volk goutiert und so bestätigt wird. Und in China steht nicht nur die voraussichtliche Wiederwahl Xi Jinpings an, sondern auch die Besetzung der sechs übrigen Sitze im ständigen Ausschuss des Politbüros. So turbulent der Jahresstart verlaufen sein mag, fest steht: der Showdown der Peinlichkeiten hat erst begonnen und man kommt nicht mehr länger um ihn herum. (Raiffeisen/mc/ps)

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