Fehleinschätzungen der Märkte: Nicht nur Rohstoffe
Die Welt ist besorgt über die Sperrung der Strasse von Hormus. Doch der eigentliche Engpass liegt woanders.
Von Paola Bissoli, Aberdeen Investments (Schweiz)
Die klassische Frage in Bezug auf Rohstoffe lautet: Gibt es genug davon? Heute stellt sich eine wichtigere Frage: Wer kann sie verarbeiten? Wer dies versteht, erkennt nicht nur die Ursachen der aktuellen Inflation, sondern auch die Quellen künftiger Renditen.
Auch wenn die Ölförderung ausreicht, bleibt das System anfällig – nicht nur beim Transport, sondern vor allem bei der Verarbeitung. Raffinerien, Crackanlagen, LNG-Terminals: Diese Infrastrukturen sind hochspezialisiert, geografisch konzentriert und kurzfristig kaum zu ersetzen.
Das Gleiche gilt für Metalle. Seltene Erden kommen weltweit vor, doch ihre Verarbeitung konzentriert sich auf wenige Länder. Lithium ist reichlich vorhanden, doch für batterietaugliches Lithium sind hochspezialisierte Raffinationskapazitäten erforderlich. Entscheidend ist nicht so sehr die Ressource selbst, sondern die Kontrolle über die Wertschöpfungskette.
Konflikte wie jene im Iran zeigen dies deutlich. Sie offenbaren die Fragilität eines Systems, das lange Zeit als selbstverständlich galt. Die wahre Knappheit liegt also nicht im Boden, sondern in der Fähigkeit, Ressourcen schnell und zuverlässig nutzbar zu machen. Genau darin liegen sowohl die Schwachstellen als auch die Chancen. In einer fragmentierten Welt gewinnt alles, was die Abhängigkeit von einer einzigen Region oder einer einzigen Lieferkette verringert, an strategischem und wirtschaftlichem Wert.
Künstliche Intelligenz mag zwar immateriell erscheinen, ist aber äusserst ressourcenintensiv.
Inflation: Mit Zinsen allein lassen sich keine Raffinerien bauen
Das Neue an der heutigen Situation ist nicht die Inflation an sich, sondern ihre Ursache. Es handelt sich nicht nur um eine Überhitzung der Nachfrage, sondern auch um ein strukturelles Angebotsproblem: Energie wird teurer, Metalle werden knapper und die Verarbeitungskapazitäten bleiben begrenzt.
Der Kostendruck breitet sich somit über die gesamte industrielle Wertschöpfungskette aus. Der Rohstoffschock trifft die Produktionsbasis – was seine anhaltende Wirkung erklärt.
Mehrere langfristige Faktoren wirken hier zusammen: die Energiewende, künstliche Intelligenz und geopolitische Spannungen. Die Nachfrage, die sowohl von wirtschaftlichen Erfordernissen als auch von politischen Entscheidungen getragen wird, dürfte über Jahrzehnte hinweg robust bleiben. Doch die neuen Kapazitäten halten nicht Schritt, und dort, wo sie vorhanden sind, nehmen Produktionsvolumen und -qualität ab.
Die Zentralbanken können dieses Problem nicht lösen. Die Geldpolitik kann zwar die Inflation bremsen, jedoch auf Kosten des Wachstums, da sie keine Ressourcen schafft.
Der eigentliche Engpass ist die Zeit
Einer der am meisten unterschätzten Treiber stammt aus der digitalen Welt. Künstliche Intelligenz mag immateriell erscheinen, ist jedoch extrem ressourcenintensiv: Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen an Strom, Kühlenergie und Metallen. Kupfer, Uran und Seltene Erden werden so zu den großen, stillen Gewinnern der Digitalisierung.
Diese Nachfrage ist nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur – und kommt zu der Nachfrage im Zusammenhang mit der Energiewende hinzu.
Grönland veranschaulicht dieses Paradoxon: riesige Ressourcen, aber nur begrenzte wirtschaftliche Bedeutung. Warum? Weil Ressourcen allein noch kein Angebot darstellen. Erst durch Infrastruktur, Verarbeitungskapazitäten und politische Akzeptanz lassen sie sich in nutzbare Inputs umwandeln.
Die Knappheit ist also nicht nur materieller, sondern auch zeitlicher Natur. Es dauert oft mehr als zehn Jahre, bis eine neue Mine die Produktion aufnimmt; Raffinerien sind kostspielig und politisch heikel. In der Zwischenzeit steigt die Nachfrage immer weiter an.
Das System verliert an Elastizität.
Investieren neu gedacht: Knappheit hat Vorrang vor Konjunkturzyklen
Wenn der eigentliche Engpass nicht im Boden, sondern in der Nutzungskapazität liegt, dann ändert sich die Investitionslogik grundlegend. Was zählt, ist nicht die Ressource selbst, sondern die Fähigkeit, sie zu gewinnen und in produktive Systeme umzuwandeln. Wert entsteht dort, wo die Infrastruktur, die Verarbeitungskapazitäten und die Markteintrittsbarrieren hoch sind.
In diesem Umfeld verliert die traditionelle Diversifizierung an Wirksamkeit. Die Inflation wird weniger zyklisch und eher strukturell. Reale Vermögenswerte gewinnen an Bedeutung – insbesondere dort, wo physische Knappheit auf strukturelle Marktmacht trifft.
Zu verstehen, wo kritische Kapazitäten entstehen und wie sich Lieferketten entwickeln, bedeutet, nicht mehr nur in Rohstoffe zu investieren, sondern in das System, das ihnen zugrunde liegt. (allnews/mc/hfu)