KI-Boom: Warum der nächste Wertschöpfungsschub nicht nur aus den USA kommt
US-Unternehmen investieren immer noch am meisten in künstliche Intelligenz (KI) und dominieren die Modellentwicklung, aber ein Vorsprung im Bereich KI ist noch lange kein Garant für eine Spitzenposition. Im Jahr 2024 beliefen sich die privatwirtschaftlichen KI-Investitionen in den USA auf 109 Milliarden US-Dollar, weit mehr als in China und in Grossbritannien, die weit abgeschlagen den zweiten und dritten Platz belegten.[1]
Von Dina Ting, Head of Global Index Portfolio Management Franklin Templeton ETF
Doch in dem Masse, wie sich der Schwerpunkt der KI-Investitionen von der Modellentwicklung auf den physischen Ausbau und die Implementierung in den Unternehmen verschiebt, konzentriert sich die Wertschöpfung immer weniger auf die USA und kommt Firmen zugute, die im Zusammenhang mit Industriesystemen, den globalen Hardware-Lieferketten und Anwendungsmöglichkeiten in der Realwirtschaft tätig sind.
Diese Verschiebung hat wichtige Auswirkungen auf die Erwägungen, die Anleger über ein Engagement in globalen Aktien anstellen.
Chinas grösste Internet- und Digitaldienstleistungsunternehmen treten in einen neuen mehrjährigen Investitionszyklus
Chinas Position im KI-Stack ist weniger durch Dominanz bei proprietären Frontier-Modellen als vielmehr durch grosse Dimensionen, Infrastrukturinvestitionen und die Bereitstellung der KI über digitale Plattformen sowie ihren Einsatz in der Fertigung charakterisiert. Während US-Unternehmen weiterhin am meisten Kapital für KI-Spitzenforschung aufbringen, geht China einen anderen Weg und setzt auf kosteneffiziente und anwendungsorientierte Open-Source-KI wie DeepSeek, die der Welt vor Augen führte, dass das Land in der Lage ist, wettbewerbsfähige Large Language Models zu entwickeln, deren Trainingskosten und Rechenintensität weit geringer sind als die vergleichbare Modelle.
Durch diese Herangehensweise sind die Hürden für die Einführung von KI gesunken, und das Tempo ihrer Verbreitung in der Unternehmenswelt steigt. Gleichzeitig treten Chinas grösste Internet- und Digitaldienstleistungsunternehmen in einen neuen mehrjährigen Investitionszyklus ein. Bis Ende 2027 sollen insgesamt mehr als 78 Milliarden US-Dollar investieren werden, wobei sich die Ausgaben zunehmend auf KI-Infrastruktur, Rechenzentren und Cloud-Kapazitäten konzentrieren.[2] Die jährlichen Investitionen mit KI-Bezug werden den Prognosen zufolge bis Ende des Jahrzehnts stetig steigen. Dies scheint mehr zu sein als eine einmalige Investitionswelle – eine strukturelle Anstrengung zur Steigerung der Rechenkapazität.
Chinas KI-Strategie ist in hohem Masse in seine Roadmap zur Modernisierung der Fertigung integriert. Mit politischen Massnahmen soll die KI in den Bereichen Smart Factory, Robotik und Lieferkettenoptimierung genutzt werden, um die Produktivität zu verbessern, die Arbeitsintensität zu reduzieren und die globale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Daher spielen die Sektoren Industrie und Grundstoffe sowie die hardwarelastigen Bereiche des Technologiesektors beim KI-Engagement Chinas eine zentrale Rolle.
Ausserhalb der USA: Weltweit führende Länder im Bereich KI (Gewichteter Indexwert)

Source: 2026 Stanford Human-Centered Artificial Intelligence (HAI) AI Index, Global AI Vibrancy Rankings (2024, G20 latest available countries data). The Global AI Vibrancy Ranking includes a default weighting schema based on the AI Index team’s assessment of the relative importance of various pillars and indicators.
Die Liste der zehn umfangreichsten staatlichen Investitionszusagen zeigt, dass sich die Marktführung im KI-Bereich geographisch auffächert. Grossbritannien, Deutschland und Indien verfolgen jeweils einen ganz eigenen strategischen Ansatz – von der Integration der öffentlichen Verwaltung und der Automatisierung der Industrie bis hin zur digitalen öffentlichen Infrastruktur und zum Ausbau der Rechenkapazität. Unterdessen führt uns die Summe der chinesischen Investitionszusagen das Ausmass seiner langfristigen Ambitionen im Bereich der Industrie-KI vor Augen.

Taiwan ist im Zusammenhang mit der für KI erforderlichen Rechenkapazität an einer kritischen Engstelle positioniert: Das Land fertigt etwa 90 % der weltweit produzierten fortschrittlichsten Logikchips. Diese Konzentration wird wegen ihrer strategischen globalen Bedeutung oft als Taiwans „Silizium-Schutzschild“ beschrieben.
Taiwanesische Hersteller produzieren inzwischen zwar auch in den USA und anderen Regionen, aber es dürfte viele Jahre dauern, das komplexe taiwanesische Halbleiter-Ökosystem anderswo nachzubilden. Für die Herstellung fortschrittlicher Chips braucht es nicht nur Produktionsanlagen, sondern auch ein dichtes Netzwerk spezialisierter Lieferanten, erfahrene Ingenieure, fortschrittliche Packaging-Kapazitäten und schnelle Lernzyklen in der Fertigung. Die Tiefe des taiwanesischen Ökosystems ist auf die Schnelle nicht reproduzierbar. Mit der steigenden Nachfrage nach Hochleistungsrechnern für KI vergrössert sich daher der Wettbewerbsvorteil des Landes.
Südkoreas Speicherchip-Segment spielt eine zentrale Rolle in der Hardwareschicht des KI-Stacks. Das Land ist weltweit führend im Bereich Dynamic Random-Access Memory, insbesondere bei Speichern mit hoher Bandbreite, und hat auch bei NAND-Flash-Speichern eine Spitzenposition inne. Die KI-Ausgaben verlagern sich zunehmend auf Grafikprozessoren und beschleunigte Server und die Nachfrage tendiert in Richtung höherwertiger Speicherkonfigurationen. Diese Schwerpunktverschiebung hin zu speicherintensiveren KI-Workloads dürfte dem südkoreanischen Technologiesektor zugutekommen.Südkorea zeigt auch, dass es für einen Wettbewerbsvorteil im KI-Bereich nicht erforderlich ist, das weltweite Rennen um den Bau der grössten Modelle zu gewinnen. Stattdessen konzentrieren sich die koreanischen Unternehmen auf lokalisierte und branchenspezifische KI-Systeme, insbesondere für andere Sprachen als Englisch und auf die Region zugeschnittene Unternehmensanwendungen. Ende 2025 war das Land in den weltweiten Rankings zur Verbreitung von KI sieben Plätze nach oben geklettert, was auf die zunehmende KI-Integration am Arbeitsplatz und den Erwerb digitaler Kompetenzen zurückzuführen ist. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht stellt das AI Economy Institute heraus, dass KI-Tools in den beiden grössten Wirtschaftssektoren Südkoreas (Technologie und Industrie) schneller integriert werden, als es in vielen Ländern der Welt der Fall ist.[3]
Südkoreas KI-Chancen sind nicht nur in der Softwarebranche, sondern zunehmend auch in der Schwerindustrie erkennbar. Ende 2025 verkündete ein grosser koreanischer Industriekonzern, dass KI- und Big-Data-Systeme in alle Entwurfs-, Planungs- und Produktionsabläufe des Schiffbaus integriert werden, um vollständig vernetzte „intelligente Werften“ zu schaffen, die in der Lage sind, die Produktionsleistung vorherzusagen und zu optimieren. Der grösste Schiffbauer des Landes setzt bereits digitale Zwillinge physischer Schiffbauanlagen ein und ist dabei, diese Systeme in umfassenden KI-gestützte Produktionsplattformen zu verwandeln. Bis 2030 will er eine intelligente autonome Werft in Betrieb nehmen, die die Produktivität um etwa 30 % steigern und die Bauzeiten in ähnlichem Masse verkürzen soll. Diese Initiativen sind nicht nur eine Antwort auf den erwarteten Arbeitskräftemangel im Schiffbau, sondern werden auch mit dem Ziel verfolgt, Seoul einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Peking zu verschaffen. Wichtig für Anleger: Südkorea konzentriert sich statt einer dominanten Stellung im KI-Stack auf die Anwendungsmöglichkeiten der KI.
Japan: Industrie-KI und Produktivitätssteigerung
Japans Position im KI-Stack wird weniger durch Kapitalintensität als vielmehr durch industrielle KI-Anwendungen, die Frage der Umsetzung und die politische Ausrichtung bestimmt. Das Umfeld hat sich verbessert, seitdem Sanae Takaichi nach einem überwältigenden Wahlsieg Premierministerin geworden ist. Die Märkte interpretieren ihren Erfolg an den Wahlurnen als starkes Mandat zur Durchsetzung von Strukturreformen und langfristigen Wachstumsinitiativen. Seit Jahresbeginn verzeichnen börsengehandelte Fonds mit Japan-Fokus einen starken Nettozufluss von Kapital. Das legt nahe, dass die Anleger zunächst optimistisch sind. Die Hoffnung ist, dass eine klarere Führung und politische Kontinuität die Umsetzung in Bereichen wie KI, Advanced Manufacturing und Halbleiter beschleunigen könnten.
Japan gehört zwar in absoluten Zahlen nicht zu den Ländern mit den höchsten öffentlichen KI-Ausgaben, aber in den „AI-Vibrancy“-Rankings der Universität Stanford belegt das Land durchweg einen der ersten Plätze. Das Tool vergleicht weltweit die KI-Dynamik in den Bereichen Forschung, Infrastruktur und Akzeptanz im privaten Sektor. Unter Takaichis Führung hat die japanische Regierung den ersten nationalen KI-Plan beschlossen, mit dem über einen Zeitraum von fünf Jahren rund 6,3 Milliarden US-Dollar bereitgestellt werden, um grundlegende KI-Fähigkeiten, die Integration der Robotik und den Einsatz in der Industrie zu stärken. Der Schwerpunkt liegt nicht auf einer Aufholjagd bei Frontier-Modellen, sondern auf der Einbettung der KI in Sektoren, die Japans Wirtschaft bereits heute stützen.
Ausserdem will Japan erneut eine führende Position in kritischen Teilen der Halbleiter-Wertschöpfungskette einnehmen. Mit staatlich unterstützten Unternehmungen wie Rapidus soll noch in diesem Jahrzehnt eine 2-Nanometer-Produktion aufgebaut werden. Unterdessen ist Japan nach wie vor Weltklasse bei Halbleitermaterialien, Wafern, Testgeräten und Ausrüstung für die Präzisionsfertigung, die für die fortschrittliche Chipherstellung weltweit unverzichtbar sind. Die Tiefe des Ökosystems verstärkt Japans strategische Bedeutung innerhalb der Lieferketten für KI-Hardware. Das Land ist nicht nur Produktionsstandort, sondern auch Lieferant der grundlegenden Werkzeuge und Materialien, von denen jedes fortschrittliche Halbleiterwerk abhängt.
Das ist für den Aktienmarkt von grosser Bedeutung. Der japanische Markt ist stark von Industrietiteln (etwa 28 %), Finanzwerten (etwa 16 %) und Konsumgüterunternehmen (rund 14 %) geprägt. Knapp dahinter auf dem vierten Platz liegt der Technologiesektor mit knapp 14 %.[4] Diese Struktur spiegelt eine Wirtschaft wider, die auf Fertigungstiefe und Kapitaldisziplin basiert. Wenige Länder sind so geübt darin, Roboter in das tägliche Leben und die industrielle Produktion zu integrieren, und diese langjährige Automatisierungserfahrung prägt die Art und Weise, wie KI in Japan eingesetzt wird.
Brasilien und Saudi-Arabien: Energiereichtum als Vorteil für KI-Infrastruktur
Brasiliens Rolle im KI-Bereich geht über die Lieferung der benötigten Rohstoffe hinaus. Der Energiemix des Landes gehört zu den saubersten weltweit: Erneuerbare Energien machen etwa 90 % der Stromerzeugung aus. Dieser Vorteil sauberer Energie wird für die KI-Infrastruktur der Unternehmen immer relevanter, denn die Kosten und die Stabilität der Stromversorgung wirken sich direkt auf die Wirtschaftlichkeit eines Rechenzentrums aus.
Brasilien hat sich darüber hinaus zu einem wichtigen KI-Zentrum für ganz Lateinamerika entwickelt. Mit einer Küstenlänge von mehr als 7.000 Kilometern verfügt das Land über einen direkten Zugang zu den grossen Unterseekabelsystemen, die Amerika, Europa und Afrika verbinden – ein struktureller Vorteil, der angesichts der zunehmenden Datenintensität und des wachsenden grenzüberschreitenden Datenverkehrs an Bedeutung gewinnt.
Wichtig für die Anleger: Brasiliens Rolle im KI-Stack hat weniger mit Pionierforschung als mit günstigen Infrastrukturbedingungen zu tun: saubere Energie, eine gute Internetanbindung und ein wachsendes digitales Ökosystem, das die KI-Nutzung in der Region unterstützt.
Saudi-Arabien verfolgt eine ehrgeizige staatlich gesteuerte KI-Infrastruktur-Strategie, mit der es ausser den USA und China wenige Länder der Welt aufnehmen können. Im Rahmen der Vision 2030 nutzt Riad seinen Reichtum an kostengünstiger Energie, Kapital und Land, um sich als regionales Zentrum für KI-Infrastruktur und Rechenkapazität zu positionieren.
Allein für das Jahr 2025 kündigte die Regierung Investitionen in KI und den digitalen Wandel in Höhe von fast 15 Milliarden US-Dollar an, wobei erhebliche Summen in Rechenzentren, Cloud-Ausbau und KI-Kommerzialisierung fliessen sollten.
Entscheidend für die Position Saudi-Arabiens im KI-Stack ist sein Bestreben, über die reine Verwendung von KI-Systemen hinaus ein Anbieter von unterstützender Infrastruktur (Strom, Rechenzentrumskapazität und Internetanbindung) zu werden.
[1] Quelle: Artificial Intelligence Index Report 2025.
[2] Quelle: Bloomberg Intelligence, 9. Februar 2026.
[3] Quelle: „Global AI Adoption in 2025—A Widening Digital Divide.” Microsoft: AI Economy Institute. 8. Januar 2026.
[4] Quelle: Bloomberg, Stand: Februar 2026. Der MSCI Japan Index soll die Wertentwicklung des Large- und Mid-Cap-Segments im japanischen Markt messen. Mit 183 Titeln deckt der Index rund 85 % der streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung in Japan ab. Der FTSE Japan RIC Capped Index bildet die Wertentwicklung japanischer Aktien mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung ab. Die Wertpapiere werden auf der Grundlage ihrer um den Streubesitz bereinigten Marktkapitalisierung gewichtet und halbjährlich überprüft. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Wichtige Mitteilungen und Bedingungen des Datenanbieters sind unter www.franklintempletondatasources.com verfügbar.