LFDE: China – das Land der zu niedrigen Inflation

Olivier de Berranger
Olivier de Berranger, CIO bei LFDE. (Foto: zvg)

Paris – Während sich die Welt im Kampf gegen einen enormen Preisanstieg befindet, gibt es ein Land, das der Inflation nach wie vor trotzt: China.

von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE

Dort ist alles in bester Ordnung… und die Inflation ist moderat. Im Januar betrug sie 0,90 % gegenüber dem Vorjahr und war somit sogar rückläufig! Bei der Kerninflation zeigt sich das gleiche Bild: der Wert betrug durchschnittlich 1,1 % über drei Jahre. Zwar erreicht die Inflation nicht den Wert von Japan, dem Meister aller Klassen in puncto Deflation, mit seiner gegenwärtig niedrigsten Kerninflation seit 15 Jahren von -1,1 %. Doch China weist nicht das gleiche Wachstumsniveau (beziehungsweise Schrumpfungsniveau) auf wie Japan. Mit seinem üblichen Wachstumstempo von 5 % ist es weit von der strukturellen Stagnation seines Nachbarlandes entfernt.

Rätsel, Risiko und Chance zugleich: Chinas niedrige Inflation
Ein derart niedriges Inflationsniveau in einer solch starken Volkswirtschaft ist zugleich ein Rätsel und ein wirtschaftliches Risiko – und eine Chance für Börsianer!

Das Rätsel löst sich etwas auf, wenn man bedenkt, dass das aktuelle Inflationsniveau dem sehr langfristigen Durchschnittsniveau entspricht, das seit 2006 bei 1,2% liegt. Das Land erzeugt trotz eines BIP-Wachstums von durchschnittlich knapp 9 % in den vergangenen 15 Jahren strukturell eine moderate Inflation.

Eine der vermuteten Ursachen: ein Überschuss der Industriekapazität. Die Kapazitätsauslastung liegt in China seit mehreren Jahren bei rund 77 %. Dies ist nur geringfügig weniger als in den USA. Hiermit kann der Inflationsunterschied also nicht erklärt werden. Zumal es in Sachen Erzeugerpreise in China derzeit genauso aussieht wie im Rest der Welt: Sie sind wie in den USA im Vorjahresvergleich um mehr als 9 % nach oben geschnellt (die Eurozone liegt mit derzeit knapp 20 % allerdings noch deutlich darüber). Des Rätsels Lösung liegt somit vor allem in den Verbraucher- und nicht den Erzeugerpreisen.

Chinesische Wirtschaft: schwacher Konsum, starke Produktion
Es lässt sich noch eine Fülle anderer Gründe anführen. So könnte beispielsweise die reale Arbeitslosenquote, obschon niedrig und fest bei der Marke von 4 % verankert, höher sein, als in den amtlichen Statistiken ausgewiesen. Aber auch die Politik der begrenzten Kreditvergabe, die seit mehreren Jahren verfolgt wird, um das Risiko von Immobilienblasen zu begrenzen, könnte den Konsum auf breiter Front gebremst haben. Der Schwerpunkt der chinesischen Wirtschaft liegt nach wie vor auf der Produktion. Damit geht ein strukturell niedriger Konsum einher, der durch die weiterhin extrem hohe Sparquote von knapp 30 % des verfügbaren Einkommens zusätzlich belastet wird. Xi Jinping ist sich dessen völlig bewusst und trifft Massnahmen zur Stützung des Konsums für die unteren Einkommensklassen.

Ungeachtet der Gründe sind die Auswirkungen auf die Wirtschaft erheblich – und für den Rest der Welt eher positiv. Im derzeitigen Inflationsumfeld ist China in erster Linie ein Faktor für die Abschwächung der globalen Verbraucherpreise. Dies gilt natürlich nicht für die Preise von Rohstoffen, an denen China einen unstillbaren Bedarf hat – und auch nicht für die Erzeugerpreise, unter denen das Land genauso wie der Rest der Welt leidet. Aber wo wäre die weltweite Verbraucherpreisinflation, wenn China sich hier auch noch anschließen würde?

Zufluchtsort für Anleihen-Anleger
In zweiter Linie ist das Land ein Zufluchtsort für Anleihen-Anleger aus aller Welt, die panisch auf der Suche nach Rendite sind. Mit Staatsanleihen, die noch ordentlich verzinst sind – bei den Laufzeiten von drei und fünf Monaten mit 1,80 % beziehungsweise 2,50 % –, ist es eines der sehr wenigen Länder mit risikolosen Anleiheninvestments, die in Lokalwährung mehr bieten als die sichere Aussicht eines Wertverlusts. Natürlich muss bei der endgültigen Rendite für ausländische Anleger auch eine etwaige Absicherung des Wechselkursrisikos einkalkuliert werden. Dieses Risiko ist für Anleger, die mit sehr niedrigen oder gar negativen kurzfristigen Zinsen zu kämpfen haben, hoch.

Schliesslich und vor allem hat China angesichts seiner niedrigen Inflation die Möglichkeit, die Ressourcen seiner Zentralbank in vollem Umfang einzusetzen, um die Kreditvergabe lokal anzukurbeln, den notleidenden Immobiliensektor zu stützen und sogar die Währung abzuwerten, was sich in sämtlichen Ländern, in die es exportiert, deflationär auswirken würde. Zwar würde eine deutliche Abwertung zu neuerlichen Spannungen mit den USA führen. Doch die USA kämen in dem Inflationsumfeld möglicherweise ausreichend auf ihre Kosten, um dies China nicht zu verübeln.

Rettungsanker für den Westen?
Nun, da nahezu alle Zentralbanken ihre Geldpolitik straffen und hierdurch die Voraussetzungen für eine Verlangsamung schaffen, scheint China – neben Japan – eine der letzten Quellen üppiger Liquidität zu sein, falls der Rest der Welt Bedarf haben sollte. Entweder in konjunktureller Hinsicht, wenn eine wirtschaftliche Flaute aufzufangen ist. Oder in struktureller Hinsicht, insbesondere für ehrgeizige Investitionen in die Energiewende, die China bereits mit Entschlossenheit tätigt.

Wird China im derzeitigen Inflationsumfeld künftig die letzte Rettung für den Westen sein, wie es zuvor im Zuge der Standortverlagerungen sein Verderben war? (LFDE/mc)

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