SGKB Investment views: Die 1970er-Jahre wiederholen sich nicht

SGKB Investment views: Die 1970er-Jahre wiederholen sich nicht
Von Thomas Stucki, Chief Investment Officer bei der St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Der starke Anstieg der Inflationsrate in den USA auf 4.2% hat einen neuen Schub von Inflationsängsten ausgelöst. Ob es sich dabei nur um eine vorübergehende Reaktion auf das Erwachen der Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen im Zuge der fortschreitenden Impfkampagne handelt oder ob es das Resultat einer Überhitzung der Konjunktur ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Verschiedentlich wird jedoch eine Wiederholung der 1970er-Jahre heraufbeschworen, als die Inflation in den Industrieländern aus dem Ruder lief. Dieser Vergleich hinkt.

1974 stieg die Inflation in den USA auf 12%, in der Schweiz auf über 10%. Ausgelöst wurde der Inflationsschub durch die Verknappung des Erdöls durch die arabischen Staaten als Reaktion auf die Unterstützung des Westens für Israel im Jom-Kippur-Krieg 1973. Der Preis für ein Fass Rohöl stieg innert Kürze von 3 USDollar auf 12 US-Dollar. Die Geschichte wiederholte sich 1979 nach der Revolution im Iran und dem Krieg zwischen dem Irak und dem Iran. Die Ölförderung in diesen Ländern brach ein und der Preis stieg bis auf 38 US-Dollar pro Fass. Die Inflation in den USA stieg auf 15% und in der Schweiz auf 8%. Die Zentralbanken reagierten mit einer massiven Erhöhung der Zinsen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Die Fed unter Paul Volcker hob den Leitzins bis auf 20% an. In der Folge stürzte die Wirtschaft in eine starke Rezession, aus der sie sich erst drei Jahre später erholen konnte.

Automatismen von damals
Die damalige Situation ist mit heute nicht vergleichbar. Die Abhängigkeit von einer einzigen Energiequelle wie dem Öl war um ein Mehrfaches höher. Ohne Öl ging nichts. Zudem gab es viele Indexmechanismen, die die Spirale der Inflation zusätzlich beschleunigten. Die meisten Löhne wurden automatisch der Teuerung angepasst, was wiederum andere Indexmechanismen auslöste. Dazu kam, dass 1973 das System von Bretton-Woods mit den fixen Wechselkursen zusammenbrach. Der Übergang zu flexiblen Wechselkursen löste am Devisenmarkt ein Beben aus. Der Preis des US-Dollars sank innert Kürze von 3.80 Franken auf 2.60 Franken und bis 1978 auf 1.50 Franken. Über die Auswirkungen solcher Preisbewegungen hatte man wenig Erfahrung. Die Zentralbanken wussten noch nicht, wie sie mit den flexiblen Währungen umgehen mussten. Viele verschrieben sich einer starren Geldmengensteuerung und nahmen dadurch grosse Schwanken bei den Zinsen und den Wechselkursen in Kauf.

Flexibilität von heute
Die Abhängigkeit von einzelnen Rohstoffpreisen ist nicht mehr so hoch, da die Wirtschaft heute breiter aufgestellt ist. Die Bedeutung der Dienstleistungen hat zugenommen und auch die Industrieproduktion ist diversifizierter. Automatische Lohn- und Preisanpassungen sind nicht mehr weit verbreitet. Die Zentralbanken wissen deutlich besser, wie sie mit den Zusammenhängen zwischen Inflation, Zinsen, Geldmengen und Wechselkursen umgehen müssen. Zudem haben sie ihr Instrumentarium verfeinert und so ausgeweitet, dass sie flexibler auf unterschiedliche Krisen reagieren können.

Ob das Erwachen der Inflation wirklich nur ein vorübergehender Effekt ist werden die nächsten Monate zeigen. Ich gehe davon aus, dass sich das Angebot der höheren Nachfrage anpassen wird und die Preise sich dann stabilisieren werden. Wenn die Inflationsrate in den USA sich länger bei 3% hält und in der Schweiz mittelfristig zwischen 1% und 2% pendelt ist das kein Grund zur Sorge. Solche Preissteigerungen lassen noch kein Gefühl einer gefährlichen Geldentwertung aufkommen. Die Zentralbanken werden mit der Zeit darauf reagieren und ihre Leitzinsen erhöhen. Das ist gut so. Die Zinsen sind heute zu tief. Wenn die Zinsen in der Schweiz wieder in den positiven Bereich steigen, kann das Geld seine angestammte Steuerungsfunktion in der Wirtschaft wieder aufnehmen. Bis dahin wird es aber noch etwas dauern. (SGKB/mc/ps)

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