Alessandro Inderbitzin, General Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Electra, im Interview

Alessandro Inderbitzin, General Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Electra, im Interview
Alessandro Inderbitzin, General Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz (DACH) bei Electra. (Foto: zvg/mc)

45 Standorte bis Ende 2026, langfristig ein flächendeckendes urbanes Schnellladenetz: Electra verfolgt in der Schweiz ehrgeizige Ausbaupläne. Das europäische Unternehmen will vom Boom der Elektromobilität profitieren und sieht den Schweizer Markt als wichtigen Gradmesser für seine internationale Expansion. Doch der schnelle Ausbau stösst auch auf Hürden – von langwierigen Bewilligungsverfahren bis zu anspruchsvollen Netzanschlüssen. Im Interview erklärt Alessandro Inderbitzin, General Manager für die DACH-Region, wo Electra heute steht und weshalb das Ladeerlebnis zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird.

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Inderbitzin, Electra ist ein europäischer Spezialist für das Schnellladen von Elektrofahrzeugen. Das Unternehmen expandiert mit hohem Tempo. Welche Rolle spielt die Schweiz innerhalb der internationalen Wachstumsstrategie von Electra?

Alessandro Inderbitzin: Eine zentrale Rolle. Die Schweiz gehört zu den reifsten Elektromobilitätsmärkten Europas: Über ein Viertel aller Neuwagen ist heute vollelektrisch, die Kaufkraft ist hoch und die Fahrerinnen und Fahrer haben hohe Erwartungen an Qualität und Zuverlässigkeit. Genau dafür ist Electra gebaut. Für uns ist die Schweiz deshalb nicht einfach ein weiterer Markt, sondern ein Massstab: Wer hier überzeugt, überzeugt überall. Zudem haben wir mit dem Schweizer Infrastrukturinvestor Energy Infrastructure Partners (EIP) einen starken Partner an unserer Seite. Über unser Joint Venture finanziert EIP unseren Ausbau in der Schweiz und in Österreich langfristig.

Zuletzt hat Electra mit Conthey den 25. Schnellladestandort in der Schweiz eröffnet. Wo steht das Unternehmen heute im Vergleich zu den ursprünglichen Ausbauplänen?

Wir liegen auf Kurs. Mit Conthey haben wir unseren 25. Standort eröffnet, und bis Ende 2026 wollen wir die Marke von 45 Schweizer Standorte erreichen. Schon heute sind wir der führende Anbieter für öffentliches DC-Schnellladen in den urbanen Räumen Zürich, Bern und der Genferseeregion. Diesen Erfolg wollen wir nun auf die weiteren Schweizer Städte ausweiten. Unser Ziel ist ein flächendeckendes urbanes Schnellladenetz, damit jede Schweizerin und jeder Schweizer überall dort, wo sie oder er lebt und unterwegs ist, mit Electra laden kann.

«Unser Ziel ist ein flächendeckendes urbanes Schnellladenetz, damit jede Schweizerin und jeder Schweizer überall dort, wo sie oder er lebt und unterwegs ist, mit Electra laden kann.»
Alessandro Inderbitzin, General Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Electra

Weshalb fiel die Wahl gerade auf Conthey, und nach welchen Kriterien wählen Sie neue Standorte aus?

Conthey ist ein Paradebeispiel für unsere Standortlogik: eine stark frequentierte Einkaufszone im Wallis, direkt an einer wichtigen Verkehrsachse, mit genügend Fläche und einem Partner vor Ort, der den Mehrwert für seine Kundschaft erkennt. Grundsätzlich prüfen wir drei Dinge: Erstens die Verkehrsfrequenz, zweitens die Aufenthaltsqualität – Laden soll sich in den Alltag integrieren, etwa während des Einkaufs –, und drittens die Netzanschlusssituation. Wenn alle drei Faktoren stimmen, entsteht ein Standort, der von Tag eins an funktioniert.

Wie gross ist das Potenzial für den weiteren Ausbau in der Schweiz?

Sehr gross. Heute fahren rund 270’000 vollelektrische Autos auf Schweizer Strassen – das sind erst etwa sechs Prozent des gesamten Personenwagenbestands. Der eigentliche Hochlauf steht also noch bevor. Dazu kommt, dass über 65% der Schweizer Bevölkerung in Mehrfamilienhäusern wohnt. Für sie ist öffentliches Schnellladen beim richtigen Anbieter keine Notlösung, sondern die wichtigste und vorteilhafteste Lademöglichkeit im Alltag. Gleichzeitig elektrifizieren sich immer mehr Flotten – Taxis, Lieferdienste und Firmenwagen. All das treibt die Nachfrage nach zuverlässiger Schnellladeinfrastruktur in urbanen Gebieten. Genau dort investieren wir.

Die Schweiz zählt mittlerweile Tausende öffentliche Ladepunkte. Reicht der aktuelle Ausbau aus, um mit dem wachsenden Bestand an Elektrofahrzeugen Schritt zu halten, oder droht in den nächsten Jahren ein Engpass?

Die reine Anzahl Ladepunkte täuscht. Ein Grossteil davon sind langsame AC-Ladepunkte, die für viele Nutzungssituationen nicht die richtige Antwort sind. Entscheidend ist der Ausbau der Schnellladeinfrastruktur und dort sehen wir noch deutliche Lücken, gerade in Agglomerationen und für Menschen ohne Heimladestation. Wenn der Elektroauto-Bestand so weiter wächst wie heute, braucht es in den nächsten Jahren substanziell mehr leistungsfähige Standorte. Einen flächendeckenden Engpass erwarte ich nicht, aber lokale Engpässe zu Spitzenzeiten sind real, wenn nicht konsequent weitergebaut wird. Genau deshalb treiben wir den Ausbau unseres Schnellladenetzes mit hoher Geschwindigkeit voran.

«Entscheidend ist der Ausbau der Schnellladeinfrastruktur und dort sehen wir noch deutliche Lücken, gerade in Agglomerationen und für Menschen ohne Heimladestation.»

Welche politischen oder regulatorischen Rahmenbedingungen würden den Ausbau der Schnellladeinfrastruktur in der Schweiz am stärksten beschleunigen?

Drei Punkte. Erstens schnellere und einheitliche Bewilligungsverfahren: Heute unterscheiden sich Prozesse und Fristen von Gemeinde zu Gemeinde stark, was Projekte um Monate verzögern kann. Zweitens: Planbare und faire Netzanschlussbedingungen – die Kosten und Fristen für den Anschluss leistungsstarker Standorte sind ein wesentlicher Faktor in jeder Investitionsentscheidung und -geschwindigkeit. Und drittens Verlässlichkeit in der übergeordneten Politik: Die Elektromobilität braucht keine Subventionen von uns aus, aber sie braucht ein klares, stabiles Bekenntnis, damit Autokäufer bei der richtige Entscheidung für den nächsten Pkw unterstützt werden und private Investoren wie wir langfristig planen können.

«Die Elektromobilität braucht keine Subventionen von uns aus, aber sie braucht ein klares, stabiles Bekenntnis, damit Autokäufer bei der richtige Entscheidung für den nächsten Pkw unterstützt werden und private Investoren wie wir langfristig planen können.»

Der Wettbewerb unter den Schnellladeanbietern nimmt zu. Wodurch will sich Electra langfristig von Konkurrenten unterscheiden? Ist der Preis entscheidend oder eher das Ladeerlebnis?

Beides gehört zusammen, aber der nachhaltige Unterschied liegt im Erlebnis. Laden bei Electra soll so einfach sein wie möglich: Ankommen, einstecken, laden – dank Funktionen wie Autocharge oder Plug&Charge startet der Ladevorgang automatisch, ganz ohne App oder Ladekarte. Dazu kommen Zuverlässigkeit, transparente Preise und Standorte, an denen man sich wohl fühlt und die Ladezeit sinnvoll nutzen kann. Beim Preis wollen wir konsequent wettbewerbsfähig sein – öffentliches Schnellladen soll Teil unseres Alltags werden. Wir wollen aber, dass die Leute bei Electra laden, weil es die angenehmste Art zu laden ist.

Electra setzt auf eine App und/oder Karte, die auch das Laden bei anderen Anbietern ermöglicht. Ist die Branche auf dem Weg zu einem einheitlichen Ladeerlebnis, oder werden unterschiedliche Apps und Ladekarten die Kundinnen und Kunden noch lange begleiten?

Die Richtung ist klar: Es geht hin zu einem einheitlichen Erlebnis. Mit unserer App können Kundinnen und Kunden heute über 800’000 Ladepunkte in ganz Europa finden, ansteuern und freischalten. Wir haben unsere App für andere CPOs geöffnet, weil unsere Kunden sich mehr Ladepunkte gewünscht haben, die über unser System zugänglich sind, insbesondere dort, wo Electra keine Station in unmittelbarer Nähe hat. Für uns bei Electra ist es wichtig, an unseren Stationen alle gängigen Zahlungsmethoden anzubieten (z. B. Kreditkarte, Ladekarte, App), jede mit ihren eigenen Vorteilen, und der Fahrer wählt seine bevorzugte Option. Kurzfristig wird es noch eine Vielfalt an Apps und Karten geben, das ist normal in einem jungen Markt. Aber der Trend geht in Richtung weniger, dafür besserer Plattformen und parallel dazu wird auch das direkte Bezahlen per Kreditkarte oder Mobile Payment an der Säule immer selbstverständlicher. Am Ende gewinnt, wer dem Kunden die Komplexität abnimmt.

Ein immer grösseres Thema ist die Belastung der Stromnetze. Wie schwierig ist es inzwischen geworden, neue Schnellladestandorte ans Netz anzuschliessen?

Das ist heute einer der wichtigsten Faktoren in unserer Standortplanung und einer der häufigsten Gründe für Verzögerungen. Die Fristen für leistungsstarke Netzanschlüsse sind länger geworden, und die Kosten variieren stark je nach Region und Netzbetreiber. Wir begegnen dem auf zwei Wegen: Erstens planen wir den Netzanschluss von Anfang an mit, nicht erst am Schluss. Zweitens setzen wir zunehmend auf Batteriespeicher an unseren Standorten. Damit können wir Lastspitzen abfedern, das Netz entlasten und auch dort hohe Ladeleistung anbieten, wo der Anschluss allein nicht ausreichen würde. Die Netzbelastung ist eine echte Herausforderung, aber eine lösbare, wenn man sie technisch ernst nimmt.

«Die Fristen für leistungsstarke Netzanschlüsse sind länger geworden, und die Kosten variieren stark je nach Region und Netzbetreiber.»

Wie eng arbeiten Sie mit Energieversorgern, Netzbetreibern und Gemeinden zusammen? Wo liegen heute die grössten Hürden bei der Realisierung neuer Standorte?

Sehr eng. Ohne diese Partner geht nichts. Mit den Netzbetreibern sind wir bei jedem Projekt von Beginn an im Austausch, und mit Gemeinden und Grundeigentümern entwickeln wir Standorte gemeinsam, weil eine Ladestation auch für den Standortpartner ein Gewinn sein muss. Die grössten Hürden liegen heute in drei Bereichen: den Bewilligungsverfahren, die je nach Gemeinde sehr unterschiedlich lange dauern, den Netzanschlussfristen und der Verfügbarkeit geeigneter Flächen an wirklich guten Lagen. Die Technik ist längst nicht mehr das Problem, die Prozesse sind es. Wo alle Beteiligten an einem Strang ziehen, realisieren wir einen Standort in wenigen Monaten.

Der Aufbau eines Schnellladenetzes ist kapitalintensiv. Wie finanziert Electra die Expansion?

Wir sind eines der bestfinanzierten Unternehmen der Branche. Electra hat seit der Gründung über eine Milliarde Euro an Kapital und Finanzierungen gesichert – darunter 304 Millionen Euro unter Führung des niederländischen Pensionsfonds PGGM und eine grüne Kreditfazilität von bis zu 433 Millionen Euro mit internationalen Banken. Für die Schweiz und Österreich kommt unser Joint Venture mit Energy Infrastructure Partners hinzu, einem der führenden Schweizer Infrastrukturinvestoren. Das Geschäftsmodell dahinter ist langfristig: Wir sichern uns Standorte über Verträge mit Laufzeiten von bis zu 30 Jahren. Das macht uns für Infrastrukturinvestoren attraktiv – und gibt uns die Stabilität, auch in einem kapitalintensiven Markt konsequent weiterzubauen.

Electra ist noch ein vergleichsweise junges Unternehmen. Wo sehen Sie Electra in zehn Jahren?

Trotz des jungen Alters ist Electra bereits heute einer der Top-5 Ladenetzbetreibers in Europa. In zehn Jahren ist Electra das Referenznetz für Schnellladen in Europa – mit dem Ziel von rund 2’200 Stationen und über 15’000 Ladepunkten bis 2030 sind wir auf gutem Weg dorthin. Unsere Standorte werden dann mehr sein als Ladestationen: intelligente Energie-Hubs mit Batteriespeichern und Solaranlagen, die das Stromnetz stützen statt belasten. Und in der Schweiz? Da sehe ich Electra als selbstverständlichen Teil des Alltags – schöne, entspannende und zuverlässige Ladestandorte, überall wo die Schweizer Fahrer und Fahrerinnen ihre Elektrofahrzeuge laden wollen. Elektrisch fahren wird dann keine Entscheidung mehr sein, sondern Normalität. Und daran arbeiten wir jeden Tag.

Electra

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