Jordi Montserrat, Co-Founder and Managing Partner von Venturelab, im Interview

Jordi Montserrat, Co-Founder and Managing Partner von Venturelab, im Interview
Jordi Montserrat, Co-Founder and Managing Partner von Venturelab (Bild: Venturelab)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Sie haben den Top100 Swiss Startup Award 2011 gemeinsam mit Beat Schillig lanciert. Welche Lücke im Schweizer Startup-Ökosystem wollten Sie damals schliessen, und wie hat sich die Rolle von Top100 seither entwickelt?

Jordi Montserrat: 2011 hatte die Schweiz bereits hervorragende Unternehmer, Forschung und Startups. Was fehlte, war die Anerkennung – in der Schweiz, international und auch über die Startup-Welt hinaus. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Beitrag dieser Unternehmen war in der breiten Öffentlichkeit, Politik und Industrie noch kaum sichtbar. Das wollten wir ändern und den Unternehmern sowie den Investoren, Experten, Professoren und Forschern hinter ihnen die Anerkennung geben, die sie verdienen.

Heute ist Top100 viel mehr als ein Ranking: Mit einem Magazin in fünf Sprachen, internationaler Verbreitung und einer ganzjährigen Plattform mit Investor Summit, Dinner und der Award Ceremony, die als Oscar für Schweizer Startups gilt. Die Mission ist aber dieselbe geblieben: den Impact von Schweizer Startups sichtbar und glaubwürdig zu machen und ihnen internationale Relevanz zu geben.

Startups können sich nicht direkt für das Top100 Ranking bewerben. Ihre Jury besteht aus 100 Investoren, die jedoch möglicherweise in jene Firmen investiert sind, die nominiert werden. Wie gehen Sie mit dieser möglichen Befangenheit um?

Natürlich stimmen Investoren auch für Unternehmen, in die sie selbst investiert haben. Das ist für uns kein Widerspruch – eine Investition ist schliesslich eines der stärksten Zeichen dafür, dass jemand von einem Unternehmen überzeugt ist.

«Wir betrachten Top100 als Portfolio und nicht einzelne Unternehmen. Seit 2011 wurden 677 Startups ausgewählt. Davon haben 112 einen Exit erreicht, 11 sind an die Börse gegangen und 101 wurden geschlossen.» Jordi Montserrat, Co-Founder and Managing Partner von Venturelab

Entscheidend ist die Breite der Jury. 100 Jurymitglieder, überwiegend aktive Investoren und zentrale Akteure des Ökosystems, bringen tiefes Wissen und unterschiedliche Perspektiven mit. Keine einzelne Stimme entscheidet über das Ergebnis.

Genau darin liegt die Stärke des Rankings: Es ist eine einzigartige jährliche Momentaufnahme der aktuell stärksten Schweizer Startups.

Unternehmen wie Climeworks, GetYourGuide und Scandit wurden bereits 2011 in das Top100 Ranking aufgenommen; SOPHiA Genetics, MindMaze und On folgten in den darauffolgenden Jahren. Was hat die Jury bereits in einem so frühen Stadium in diesen Unternehmen erkannt? Wie viele der über 600 ausgewählten Startups existieren heute noch und was sagt ihre spätere Entwicklung über die Fähigkeit des Rankings aus, künftige globale Marktführer zu identifizieren?

Unsere Jury vereint Investoren und Experten, die sehr nah an den Unternehmen sind und wissen, worauf es bei einem Investment ankommt. Genau dieses Wissen und diese unterschiedlichen Perspektiven helfen dabei, Unternehmen mit dem Potenzial zu künftigen Marktführern früh zu erkennen.

Dazu kommt: Ein Startup braucht in der Regel mindestens drei oder vier Nominierungen, um ins Ranking zu kommen. Wenn mehrere erfahrene Investoren und Experten unabhängig voneinander an dasselbe Unternehmen glauben, ist das ein starkes Signal.

Wir betrachten Top100 als Portfolio und nicht einzelne Unternehmen. Seit 2011 wurden 677 Startups ausgewählt. Davon haben 112 einen Exit erreicht, 11 sind an die Börse gegangen und 101 wurden geschlossen. Das ist die Realität des Unternehmertums: Nicht jedes Unternehmen ist erfolgreich, aber Innovation entsteht durch ein Portfolio unterschiedlicher Wetten.

Entscheidend ist der Gesamtwert, den diese Unternehmen geschaffen haben. Top100-Unternehmen haben Tausende Arbeitsplätze geschaffen, bedeutende Kapitalbeträge aufgenommen, globale Unternehmen aufgebaut sowie erfolgreiche Exits und Börsengänge erzielt. Auf diese Indikatoren konzentrieren wir uns. Dass viele der erfolgreichsten Schweizer Startups bereits früh durch das Ranking identifiziert wurden, zeigt dessen Fähigkeit, Unternehmen mit hohem Potenzial zu erkennen, bevor sie breite Bekanntheit erlangen.

Was kann eine Platzierung im Top100 Ranking für ein Startup ganz konkret bewirken – etwa bei der Gewinnung von Investoren, Kunden, Talenten, strategischen Partnern oder internationaler Aufmerksamkeit?

Eine Top100-Platzierung ist ein starkes, unabhängiges Qualitätssignal. Sie bringt Sichtbarkeit und öffnet Türen zu Investoren, Kunden, Partnern und Talenten – in der Schweiz und international.

Wir wissen, dass das Ranking heute weltweit gezielt nach interessanten Startups durchsucht wird. Daraus entstehen viele direkte Anfragen und neue Kontakte. Gerade für Deeptech-Unternehmen ist das wichtig, weil ihr Potenzial von aussen nicht immer einfach einzuschätzen ist.

Natürlich müssen die Gründer weiterhin liefern. Aber Top100 hilft dabei, dass die richtigen Leute früher auf sie aufmerksam werden.

«Eine Top100-Platzierung ist ein starkes, unabhängiges Qualitätssignal. Sie bringt Sichtbarkeit und öffnet Türen zu Investoren, Kunden, Partnern und Talenten – in der Schweiz und international.»

Seit Juni 2026 gibt es den Swiss Champions Fund: Er investiert bis zu CHF 100 Mio. ausschliesslich in Venture-Leaders-Unternehmen. Venture Leaders ist das internationale Programm von Venturelab, das Schweizer Startups bei Finanzierung und globaler Expansion unterstützt. Wie ist Venturelab an diesem Fonds beteiligt, und wie trennen Sie Selektion und Investitionsinteresse?

Der Swiss Champions Fund wird von TIE Capital Partners geführt, das von den erfahrenen Investoren Christian Winkler und Michael Wieser gegründet wurde. Sie verantworten den Fonds. Wir liefern mit Venture Leaders eine hochwertige Pipeline und Sichtbarkeit.

Die Venture-Leaders-Gewinner werden unabhängig von einer Jury aus Investoren und Branchenexperten ausgewählt. Eine Aufnahme ins Programm bedeutet keine Investitionszusage. Der Fonds macht seine eigene Due Diligence und trifft seine Investitionsentscheidungen unabhängig. Auswahl, Sponsoring und Investmententscheidungen sind damit klar voneinander getrennt.

Die bisherigen Top100-Startups haben zusammen mehr als 20’000 Arbeitsplätze geschaffen, bedeutende Investitionssummen aufgenommen und zahlreiche Exits und Börsengänge realisiert. Welchen Anteil haben Sie damit am gesamten Wachstum der Arbeitsplätze und wie unterstützt das Programm den Wissenstransfer aus den Hochschulen via Startups in die Wirtschaft?

Die über 20’000 Arbeitsplätze wurden von den Startups geschaffen, nicht vom Award. Unsere Aufgabe ist es, starken Unternehmen zu mehr Sichtbarkeit und Zugang zu Kapital, Kunden und Talenten zu verhelfen.

Viele dieser Unternehmen sind Deeptech-Spin-offs. Sie bringen Forschung und geistiges Eigentum aus den Hochschulen in den Markt und bauen daraus skalierbare Unternehmen. So entstehen hochwertige Arbeitsplätze, Innovation und Wertschöpfung in der Schweiz.

Am Top100 Investor Summit treffen mehr als 100 Investorinnen und Investoren aufeinander, deren Organisationen zusammen über 20 Milliarden Franken verwalten. Wie viel des verwalteten Vermögens wandelt sich in die Unterstützung für Schweizer Startups in der Frühphase, wie viele Abschlüsse sind nachweislich aus dem Summit entstanden?

Die CHF 20 Milliarden zeigen die Stärke dieses Investorennetzwerks. Noch wichtiger ist aber die Qualität der Kontakte: Alle teilnehmenden Startups haben uns bestätigt, dass aus dem Summit und Award mindestens ein oder mehrere relevante Treffen entstanden sind, die ihnen weitergeholfen haben.

Natürlich können wir nicht jeden späteren Deal eindeutig auf ein Gespräch zurückführen. Ein gutes Beispiel ist aber Planted: Das Unternehmen hat am Summit Vorwerk Ventures kennengelernt, die später Lead-Investor der Series A wurden.

Genau darin liegt der Wert: im kuratierten Zugang und darin, die richtigen Gründer mit den richtigen Investoren zusammenzubringen.

2025 war mit CHF 2,95 Mrd. aus Sicht Venture Capital ein Rekordjahr. Das erste Halbjahr 2026 liegt 15,5 Prozent darunter, Biotech ist eingebrochen, Zürich historisch schwach. War 2025 die Trendwende oder ein Zwischenhoch – und was sagt es über den Standort Schweiz, wenn die grössten Exits an amerikanische und japanische Käufer gehen?

2025 war mit CHF 2,95 Milliarden eine deutliche Erholung, aber kein Rekordjahr. Das erste Halbjahr 2026 war schwächer, gleichzeitig blieb die Zahl der Finanzierungsrunden relativ stabil. Die Entwicklung unterscheidet sich also stark nach Sektor und Region. Umso wichtiger bleibt es, Schweizer Startups für Investoren attraktiv zu machen.

Das lässt sich auch mit Top100 zeigen: Wer 2011 jeweils CHF 100’000 in die Top 15 investiert hätte, hätte fünf Investments verloren. Sieben hätten durch Exits eine vierfache Rendite erzielt und drei wären heute herausragende Wachstums-Scaleups. Aus CHF 1,5 Millionen wären so CHF 2,8 Millionen Cash und aktive Beteiligungen im Wert von rund CHF 9 Millionen geworden.

Auch ausländische Übernahmen sehe ich nicht grundsätzlich negativ. Sie bestätigen die Qualität Schweizer Technologien und können globales Wachstum beschleunigen. Solche Übernahmen sind zudem weniger häufig, als oft angenommen wird. Entscheidend ist, was in der Schweiz bleibt: Forschung, geistiges Eigentum, Führung, Arbeitsplätze und Kapital für die nächste Generation.

«Wer 2011 jeweils CHF 100’000 in die Top 15 investiert hätte, hätte fünf Investments verloren. Sieben hätten durch Exits eine vierfache Rendite erzielt und drei wären heute herausragende Wachstums-Scaleups.»

Top100 geht weit über die Award Night hinaus – mit Investorenformaten, Medienpartnerschaften, digitalen Kanälen und einem Magazin, das in fünf Sprachen und mit einer Auflage von mehr als 70’000 Exemplaren erscheint. Wie führt diese ganzjährige Präsenz zu konkreten Chancen für die ausgewählten Startups?

Die Award Night schafft Aufmerksamkeit. Die ganzjährige Plattform schafft Chancen.

Mit dem Investor Summit, dem Investor Dinner, unseren Medienpartnerschaften, digitalen Kanälen und dem mehrsprachigen Magazin bringen wir die Startups immer wieder mit Investoren, Kunden, Partnern und Talenten zusammen.

Das Magazin wird das ganze Jahr über an wichtigen Investorenveranstaltungen verteilt. So bleibt die Sichtbarkeit weit über die Award Night hinaus bestehen.

Welches ist für Sie das wichtigste Erfolgskriterium für den Top100 Startup Award, weshalb braucht die Schweiz einen international anerkannten Referenzpunkt wie Top100, um ihre Wettbewerbsfähigkeit als Innovationsstandort langfristig zu stärken?

Für mich zeigt sich der Erfolg von Top100 nicht am Abend des Awards, sondern fünf oder zehn Jahre später: an geschaffenen Arbeitsplätzen, aufgenommenem Kapital und erfolgreichen Exits. Diese Zahlen veröffentlichen wir jedes Jahr am Award und aktualisieren auch die Alumni auf unserer Plattform.

Top100 gibt der Schweiz damit einen vertrauenswürdigen, branchenübergreifenden Referenzpunkt. Es zeigt der Welt, dass wir hier nicht nur hervorragende Forschung hervorbringen, sondern daraus auch globale Deeptech-Marktführer aufbauen.

Was empfehlen Sie Investorinnen und Investoren, die gezielt in vielversprechende Schweizer Deeptech-Startups investieren möchten, wie können Sie mit Ihren Plattformen einen Beitrag leisten, dass in Zukunft vielleicht auch Scaleups und Unicorns in der Schweiz bleiben und nicht ins Ausland abwandern?

Mein erster Rat wäre: Nutzen Sie Top100 als kuratierten Überblick über den Schweizer Markt, treffen Sie die Gründer persönlich und tauchen Sie in das Schweizer Ökosystem ein.

«Wenn wir wollen, dass erfolgreiche Scaleups langfristig hier bleiben, brauchen wir auch mehr Wachstumskapital. Nur so können wir Hauptsitze, Forschung, geistiges Eigentum, Führung und hochwertige Arbeitsplätze in der Schweiz halten.»

Unsere Aufgabe ist es, Investoren, Gründer, Menschen mit tiefem Fachwissen, Industrie und starke Netzwerke zusammenzubringen. Damit wollen wir dazu beitragen, dass die Schweiz einer der besten Standorte bleibt, um ein Unternehmen von hier aus global aufzubauen.

Wenn wir aber wollen, dass erfolgreiche Scaleups langfristig hier bleiben, brauchen wir auch mehr Wachstumskapital. Nur so können wir Hauptsitze, Forschung, geistiges Eigentum, Führung und hochwertige Arbeitsplätze in der Schweiz halten.

Wenn Sie dieses Jahr selbst ein Startup gründen würden: Was würden Sie produzieren oder anbieten?

Die Wahl ist schwierig, weil es so viele globale Herausforderungen gibt. Energieeffizienz, Klima, Verteidigung, Raumfahrt und Gesundheit sind alles spannende Felder, in denen Technologien wie KI, Robotik und Präzisionsengineering sehr viel verändern können.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich wieder bei Klima und Energie landen. Ich bin Umweltingenieur und habe drei Kinder. Die Frage, wie wir mit der Klimaproblematik umgehen, ist für mich deshalb nicht nur technologisch und wirtschaftlich spannend, sondern auch persönlich relevant.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei. Wie sehen die aus?

Mein erster Wunsch wäre deutlich mehr langfristiges Schweizer Wachstumskapital, damit erfolgreiche Scaleups strategische Kontrolle und Wertschöpfung in der Schweiz behalten können.

Mein zweiter Wunsch wären bessere Bedingungen für die Skalierung: internationales Talent, attraktive Mitarbeiterbeteiligungen, schnellere Verfahren, Referenzkunden und mehr Bereitschaft, kalkulierte Risiken einzugehen. Die Schweiz hat die Wissenschaft und die Unternehmer. Wir haben den Anspruch, mehr globale Marktführer aufzubauen – und müssen ihnen dafür die bestmöglichen Erfolgschancen geben.


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