Dorina Thiess, CEO Piavita, im Interview

Dorina Thiess
Dorina Thiess, CEO Piavita. (Foto: Piavita)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Thiess, zusammen mit Sascha Bührle haben Sie 2016 Piavita gegründet, mit nichts weniger als dem Ziel, „die Veterinärmedizin zu revolutionieren“. Wie nahe stehen wir dieser Revolution heute?

Dorina Thiess: Wir können durchaus behaupten, dass wir bereits einiges verändert haben und in der Veterinärmedizin vorwärts pushen konnten, seitdem wir im Sommer letzten Jahres auf den Markt gekommen sind. Bereits in der Vorbestellungsphase haben wir den enormen Bedarf nach Veränderung in dieser Industrie gespürt. Unser Monitoringsystem war bereits vor der ersten Produktion ausverkauft. Heute arbeiten über 80 Pferdekliniken und -praxen aktiv mit unseren Systemen und arbeiten an Digitalisierung, Zeitersparnis und erweiterten Dienstleistungen in ihrem Alltag.

Piavita ist ein Diagnostikgerät, das es ermöglicht, die wichtigsten Vitalparameter von Pferden gleichzeitig und präzise zu messen – auch aus der Ferne. Können Sie uns die Funktionsweise näher erläutern?

Das Piavet System misst mit einem handflächengrossen, kabellosen Gerät medizinische Vitalwerte wie EKG, Atmungsverlauf, Körperkerntemperatur und Aktivität – und dies nicht-invasiv durch das Fell. Das Messgerät kann über einen einfachen Bauchgurt am Pferd angebracht werden und überträgt die erhobenen Werte über eine Übertragungsstation. Diese streamt die Informationen auf die Cloud, wo die Daten über Machine Learning verbessert und in Echtzeit auf unsere Web-Plattform gespielt werden. Damit kann der Veterinär von überall auf die Gesundheitswerte seiner Patienten zugreifen und auch langfristig und für das Pferd unbeeinflusst beobachten.

„Heute arbeiten über 80 Pferdekliniken und -praxen aktiv mit unseren Systemen und arbeiten an Digitalisierung, Zeitersparnis und erweiterten Dienstleistungen in ihrem Alltag.“
Dorina Thiess, CEO Piavita

Welches sind die grossen Vorteile gegenüber herkömmlichen Methoden?

Im Moment werden Vitalwerte händisch und vor Ort gemessen. Schon eine einfache EKG-Messung ist sehr aufwändig – vom Rasieren des Pferdes, dem Anbringen der Klebelektroden, Aufzeichnen der Messung bei starker Anfälligkeit für Störungen bis zur manuellen Auswertung der Werte – kann dies mehrere Stunden dauern. Gleiches gilt für einfache Checks des Zustands der Patienten nach einer OP, in Intensivboxen, nachts, oder in Isolation wenn die Pferde ansteckende Krankheiten haben. Dies alles macht einen hohen Personalaufwand für im Grunde sehr rudimentäre Einblicke in das Wohlergehen der Patienten erforderlich.

Welche Einsatzmöglichkeiten bestehen?

Die Einsatzbereiche bei unseren Kunden sind sehr breit. Neben Monitoring-Anwendungen in verschiedenen Settings (Pre- und Post-operativ-, Intensiv-, Nacht-, Isolations-Monitoring), Kardiologische Analysen, Lungenfunktionschecks, Fieberbeobachtung, usw. sehen wir auch immer mehr Anwendungsmöglichkeiten in Bereichen wie Zucht und Sport.

Im letzten Sommer wurden die ersten Geräte in der Schweiz, Deutschland und Österreich ausgeliefert. Wer sind Ihre Kunden?

Unsere Kunden sind Pferdekliniken und -praxen. Inzwischen kooperieren wir für erweiterte Anwendungsfelder auch verstärkt mit Verbänden und Gestüten.

Sind mittlerweile weitere Märkte dazugekommen?

Ja, wir haben inzwischen auch Kunden in den Niederlanden und Belgien sowie Bestellungen aus Grossbritannien und Frankreich, die wir ab diesem Sommer beliefern werden.

„Wir fokussieren uns momentan in allen Aspekten um die Skalierung unseres Startups.“

Zuletzt konnten Sie in den USA Investoren wie True Ventures überzeugen und 5,5 Mio Dollar einsammeln. Für welche Entwicklungsschritte wird das Geld eingesetzt?

Wir fokussieren uns momentan in allen Aspekten um die Skalierung unseres Startups. Dies beinhaltet weitere Produktvarianten, starkes Wachstum des Teams inklusive dem im April eröffneten Büro in Berlin, neue Länder und viel Entwicklung in Organisation und Prozesse, um der schnell wachsenden Kundenbasis gerecht zu werden.

Die Medizintechnik-Branche sieht sich mit vielen regulatorischen Hürden konfrontiert. Gilt dies auch für den Bereich der Veterinärmedizin?

Die Veterinärmedizin ist zu unserem Vorteil nicht mit so starken Hürden behaftet. Auch gestaltet sich die Industrie als Ganzes als sehr offen und innovations-interessiert.

Die Entwicklung ist gerade in den letzten 12 Monaten rasant verlaufen. Hilft es da, dass Sie zuvor als Leiterin des Center for Entrepreneurship an der HSG unzählige Startup-Projekte begleitet haben?

Ich denke, vor allem in der frühen Phase hat mir meine vorherige Rolle an der HSG viel geholfen, da ich wusste, welches die ersten Schritte sind und was es zu beachten gilt. Natürlich versucht man auch viele der typischen Fehler zu vermeiden, allerdings ist es dann oft doch nochmal etwas anderes, selbst in der unternehmerischen Achterbahn zu sitzen.

Wie ist die Idee zu Piavita eigentlich entstanden?

Sascha Bührle, den ich bereits aus einem Auslandsauftenthalt in den USA als sehr aktiven und kreativen Entwickler kannte, hat mir seine Technologie vorgestellt, die es erlaubt sehr präzise Vitalwerte durch Schichten hindurch zu messen. Ich fand das ungemein spannend und nach einem ersten Austausch mit dem Tierspital Zürich war uns auch schnell klar, dass dies eine Industrie ist, die unheimlich von dieser Technologie und den ermöglichten Lösungen profitieren könnte.

„Im Herbst sind wir erstmals in den USA, um dort die ersten Schritte in diesen Markt zu evaluieren.“

Was sind die nächsten Ziele von Piavita?

Aktuell stehen vor allem der Eintritt in die neuen Länder an, weiteres Teamwachstum und die neuesten Produktlösungen wie unsere App und erweiterte Funktionalitäten. Im Herbst sind wir dann erstmals in den USA, um dort die ersten Schritte in diesen Markt zu evaluieren.

Letzte Frage: Bei all den Messdaten – ist die Nutzung auf Pferde beschränkt oder liesse sich Ihr Diagnostikgerät auch bei anderen Tierarten anwenden?

Die Kerntechnologie funktioniert grundsätzlich an jedem Tier – und auch bei Menschen. Wir haben die Technologie auch schon an verschiedenen Tieren ausprobiert, allerdings fokussieren wir uns aktuell wegen des enormen Innovationsbedarfs sehr stark auf die Anwendung am Pferd.

Frau Thiess, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Dr. Dorina Thiess (30) kommt ursprünglich aus Oberbayern und hat nach verschiedenen Tätigkeiten im Innovationsmanagement an der Universität St.Gallen (HSG) doktoriert und war Geschäftsleiterin des Center for Entrepreneurship dort. Seit März 2016 ist sie CEO der Piavita AG mit Büros in Zürich und Berlin.

Piavita
Piavita ist ein Zürcher Startup, das im März 2016 durch Dr. Dorina Thiess und Sascha Bührle gegründet wurde. Das Unternehmen hat heute über 35 Mitarbeiter und wurde mehrfach für seine Technologie und Geschäftserfolge ausgezeichnet.

Piavita
Firmeninformationen bei monetas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.