Karl-Heinz Land, Digitaler Darwinist & Evangelist, im Interview

Karl-Heinz Land, Digitaler Darwinist & Evangelist, im Interview
Karl-Heinz Land, Digitaler Darwinist & Evangelist (Bild: Neuland)

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Land, Sie haben den Begriff des “Digitalen Darwinismus” geprägt. Was genau verstehen Sie darunter und welche Lehren gilt es für die Digitalisierung zu ziehen, wenn wir das Resultat der biologischen Darwinismus heute betrachten?

Karl-Heinz Land: So wie Charles Darwin die Evolutionslehre beschrieben hat, so gibt es auch eine digitale Evolution. Die Regeln sind die gleichen – „adapt or die“ und „survival of the fittest!” Allerdings gibt es in der „Digitalen Evolution“ weniger Zeit.

„Ökologisch hat die Dematerialisierung einen sehr positiven Einfluss auf die Ressourcenverbräuche. Ökonomisch könnte dies unser aktuelles Wirtschaftssystem massiv unter Druck setzten.“ Karl-Heinz Land, Digitaler Darwinist & Evangelist

Mit der Digitalisierung geht eine Dematerialisierung einher und die Wirtschaft versucht vermehrt, physische Güter in einem Zirkulärkreislauf einer möglichst häufigen Wiederverwertung zuzuführen. Was bedeutet das für ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, dessen Erfolg primär von Wachstum und Mehrverbrauch abhängig ist?

Das ist eine noch ungeklärte Frage: Ökologisch hat die Dematerialisierung einen sehr positiven Einfluss auf die Ressourcenverbräuche. Ökonomisch könnte dies unser aktuelles Wirtschaftssystem schon massiv unter Druck setzten. Die sogenannte „Share Economy” – die „Ökonomie des Teilens“ verändert auch die Spielregeln der Wirtschaft und der Gesellschaft. Die Bedeutung von Besitz nimmt ab. Die Generation Y machte dies gerade bei den Präsidentschaftswahlen in den USA mit der Unterstützung von Bernie Sanders sehr deutlich – die Mehrheit (knappe 51%) lehnt den Kapitalismus und immer mehr Konsum und Wachstum ab. Hier wird sich noch einiges tun..

Der Mittelstand konnte in den letzten 60 Jahren und bis vor Kurzem mit einem planbaren Wachstum bei intensiveren Anstrengungen rechnen. Die Digitalisierung hat das Potential, auch hoch qualifizierte Jobs und ganze Industriezweige von der “Fehlerquelle Mensch” zu befreien. Was bedeutet das für den Mittelstand?

Dies wird sich vermutlich dramatisch ändern. Die Zyklen verkürzen sich enorm. Ja, wir werden mit “arbeitsfreien“ Menschen zu tun haben..  Der Mittelstand muss die Chancen und Risiken, die sich aus den digitalen Potentialen ergeben, besser verstehen lernen und entsprechend handeln. Die Wertschöpfung geht immer mehr Richtung Plattform, Dienstleistung und Service und weniger in Richtung Produkte wie Maschinen, Anlagen, Autos, etc..

Ein spezieller Bereich der Digitalisierung ist derjenige des Geldes. Wie wünschenswert ist es aus Sicht der Konsumenten überhaupt, Geld nur noch als digitale Information zu Verfügung zu haben und somit für Banken und Behörden vollständig gläsern zu sein?

Nein, ich glaube nicht, das das wünschenswert ist oder eintrifft. Die Frage ist vielmehr, ob beim Erfolg der digitalen Währungen (Bsp.: Bitcoin), Banken und Börsen überhaupt noch eine Rolle spielen werden. Schauen Sie sich einmal an, was Apple gerade mit Apple Pay macht, oder Number26 in Verbindung mit Siri.

„Blockchain wird das Betriebssystem des Internet der Dinge (IoT) und wird nicht nur die Banken verändern, sondern hat das Potential alle Industrien zu verändern.“

Eines der vielversprechendsten aktuellen Konzepte der Digitalisierung ist dasjenige der Blockchain, einer verteilten Datenbank, deren Integrität durch sämtliche Transaktionsteilnehmer sicher gestellt wird. Der Wegfall einer zentralen Kontroll- und Prüfinstanz ist der grösste Attraktor. Welche Chancen geben Sie diesem Konzept in einer Welt, die vermehrt durch wenige Super- und Supraorganisationen kontrolliert wird?

Sehr grosse Chancen. Blockchain wird das Betriebssystem des Internet der Dinge (IoT) und wird nicht nur die Banken verändern, sondern hat das Potential alle Industrien zu verändern (Logistik, Supply Chain, Identitätsverfahren, Handel, Marketing, Dienstleistung, etc..). Ich spreche in diesem Zusammenhang auch gerne vom „Internet der Services” oder der “Weltmaschine”.

77% der Schweizer Stimmenden haben im Sommer an der Urne das bedingungslose Grundeinkommen mit abgelehnt. Welche Modelle sehen Sie, um in einer immer älter werdenden Gesellschaft bei immer weniger unqualifizierten Arbeitstätigkeiten den Arbeitenden eine Perspektive zu bieten?

Meine These: Das bedingungslose Grundeinkommen, das die Schweizer gerade abgelehnt haben wird kommen – und nicht nur in der Schweiz! Wir werden aber auch über die Besteuerung von Maschinen (Robotern) und eine Transaktionssteuer nachdenken müssen. In der Konsequenz wird es dann vermutlich sogar wieder mehr Unternehmertum geben.

Sie messen mit einem “Digital Readiness Index” den digitalen Reifegrad von Unternehmen zum Endkonsumenten hin. Welche Branchen setzen hier nach unten und oben Massstäbe und mit welchen Mitteln kann der Reifegrad am effizientesten erhöht werden?

Den digital Readiness Index – DRI, führen Branchen an die im Lifestyle-Segment angesiedelt sind (Automotive, Handel mit Mode oder Kosmetik, etc..). Hier betreibt man viel Kommunikation mit dem Kunden (über Apps, Online, im Geschäft…), daher ist die digitale Reife Hoch. Branchen die noch wenig oder fast gar nicht mit dem Kunden Kommunizieren, sind dagegen eher schlecht. Mein Rat: Mehr mit dem Kunden und potentiellen Kunden kommunizieren.

„Der wichtigste Effekt der Digitalisierung ist Transparenz.“

Das Internet hat auf der einen Seite zu einem viel demokratischeren, freieren Zugang zu sämtlichen digital vorhandenen Informationen geführt, auf der wirtschaftlichen Seite aber zu einer noch nie da gewissen Macht-Konzentration auf weltweit ganz wenige Anbieter. Benutzung für alle, Profit für wenige als Zukunftsmodell der Digitalisierung?

Ja das scheint im Moment so zu stimmen – „The winner takes it all”, siehe Facebook, Google, Apple. Aber ich bin davon überzeugt, dass wird sich auch wieder ändern. Die digitale Revolution “frisst“ nämlich auch die eigenen Kinder – siehe AOL, Yahoo, SecondLive, StudiVZ. Der wichtigste Effekt der Digitalisierung ist Transparenz und dies bedeutet, dass Preise, Qualität, Service, Sinnhaftigkeit, Nachhaltigkeit oder Ehrlichkeit dramatisch an Bedeutung gewinnen werden. Somit wird sich das selber regeln. Sie sehen doch die beginnende Diskussion um Apple bezüglich der Steuerehrlichkeit. Insofern bin ich positiv, dass sich auch dies in den nächsten Jahren regeln wird.

Das Internet hat seine Wurzeln in den Siebziger Jahren, seit 25 Jahren kennen wir das kommerzielle World Wide Web. Welche grundlegenden Entwicklungen mit gleicher Veränderungskraft sehen Sie am Horizont?

Das Erste Drittel der Entwicklung haben die USA gewonnen, das sogenannte „Consumer Internet”. Darauf folgt nun das “Industrial Internet”. Dies wird deutlich grösser als das Consumer Internet. Hier geht es um die Integration von Maschinen und Menschen und Dinge wie das Internet der Dinge (IoT) oder Industrie4.0. Hier haben wir als Europäer die Chance, in Führung gehen zu können.

„Auf das „Consumer Internet” folgt nun das “Industrial Internet”. Dies wird deutlich grösser als das Consumer Internet.“

Darauf folgt dann das “Industrial User Internet”. Hier wird der Konsument selbst zum Prosumenten – Konsument der auch Produzent ist. Hier geht es nun um die Verkettung von IoT, Industrie4.0, 3D-Drucken, etc.. Diese Stufe des Internet wird vermutlich in wenigen Jahren beginnen und wird noch einmal grösser als die beiden vorherigen Stufen. Auch hier kann Europa eine führende Rolle spielen, da wir viel näher an der Produktion sind als beispielsweise die USA.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei. Wie sehen die aus?

Die Digitalisierung ändert NICHTS… und ALLES. Die Politik muss die Tragweite der Veränderung ernst nehmen und die Rahmenbedingungen für die Gesellschaft von morgen neu verhandeln und durchdenken. Wir brauchen Bildung 4.0, Arbeit 4.0, ein Sozialsystem 4.0, Gesellschaft 4.0 – in einer Gesellschaft mit vielen „Arbeitsfreien Menschen”!

Wir müssen die Chancen und die Risiken in allen Konsequenzen besser verstehen und dann entsprechend handeln. Wir sollten JETZT in allen Ländern dieser Welt eine Task-Force aufsetzen, die sich mit den jeweiligen Potentialen dieser Veränderungen auseinander setzt. Dies interdisziplinär und Partei-übergreifend.

Karl-Heinz Land
kam Mitte der 1980er Jahre als Manager zu einem kleinen, 300 Mann grossen, Unternehmen, das heute als Oracle weltbekannt ist, mehr als 120’000 Mitarbeiter und 400’000 Kunden hat. Hier hat er die Bedeutung von klaren Commitments und der Kraft einer Vision kennengelernt. Eine Vision macht für ihn den entscheidenden Unterschied. Wie die von Microsoft – „information at your fingertips“ – oder der „PC on every desk“ von Bill Gates.

Seine Kreativität und das „Denken ohne Limits“ haben Karl-Heinz Land zum Vordenker der Digitalen Revolution gemacht. Er erkennt und beschreibt Zusammenhänge, wo die meisten anderen sie noch nicht einmal vermuten. Er glaubt fest an die Kraft der passenden Vision zur Ausrichtung von Unternehmen in der digitalen Revolution. Mit seinen Thesen zur Digitalisierung und deren Folgen für die Ökonomie und die Gesellschaft inspiriert er Unternehmer, Top-Führungskräfte und politische Vertreter sich mit den Folgen des digitalen Wandels auseinander zu setzen und zu handeln. Karl-Heinz Land erhielt 2006 den Technology Pioneer Award des World Economic Forum vom WEF und dem Time Magazine.

neuland
neuland wurde vom Magazin brand eins „Consulting 4.0“ in der Kategorie „Digitalisierung“ als einer der besten Berater Deutschlands ausgezeichnet. neuland unterstützt ihre Kunden in der Gestaltung ihrer neuen digitalen Strategie und begleitet sie durch den gesamten Transformationsprozess. www.neuland.digital


Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit dem Swiss Leadership Forum. Karl-Heinz Land ist Refe­rent am Swiss Lea­dership Forum, wel­ches am 10. Novem­ber 2016 unter dem Kon­fe­renz­thema «Lea­dership 4.0 – Füh­ren in der digi­ta­len Welt» im Kon­gress­haus Zürich tagt. Mehr Infor­ma­tio­nen unter www.swissleader.ch.

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