Marco Tschanz, CEO Bell Food Group, im Interview
von Bob Buchheit
Moneycab.com: Herr Tschanz, mit Standorten in 123 europäischen Ländern mit rund 13000 Mitarbeitern ist die Bell Food Group ein relevanter Player in der Nahrungsmittelindustrie. Wie wollen Sie weiterwachsen?
Marco Tschanz: Ausgehend von einer sehr starken Leistungsfähigkeit verfolgen wir eine klar definierte Strategie, die gleich auf vier strategische Säulen beruht: Zum einen die konsequente Erweiterung der Marktführerschaft in der Schweiz mit Fleisch, Geflügel, Charcuterie und Seafood. Zweitens wollen wir die Nummer eins im europäischen Rohschinkengeschäft sein. Drittens führend mit nachhaltigem Geflügel im DACH-Raum. Sowie viertens als Trendsetter im Convenience-Markt zusätzliche Wachstumschancen erschliessen.
Welche Rolle spielt letzteres Geschäftsfeld für die ganze Gruppe?
Convenience ist die Mehrwert- und Innovationsplattform der Bell Food Group: ein wachstumsstarkes Geschäft mit attraktiven Produkt- und Sortimentslösungen, das von Konsumententrends, kulinarischer Kompetenz und einem starken Marktzugang profitiert. In der Schweiz bauen wir unsere Position als der führende Produzent weiter aus, ausserhalb der Schweiz fokussieren wir uns auf rentable Nischen. Im Food Service verfügen wir dank unserer kundennahen Vertriebsmannschaft über einen starken Internationalen Footprint über 12 Länder hinweg und erschliessen zusätzliche Wachstumschancen mit gezielten Produkt-und Lösungskonzepten.
«Unser Eigenkapital liegt deutlich unter der aktuellen Börsenkapitalisierung.»
Marco Tschanz, CEO Bell Food Group
Die grosse Investitionsoffensive in den letzten 5 Jahren haben die Aktienkäufer von Bell in Deckung gehen lassen. Mit COOP als Ankeraktionär (zwei Drittel der Aktien, A.d.R.) sehen Sie das sicherlich gelassen, oder?
Unsere Aktionärinnen und Aktionäre sind für uns von grosser Bedeutung. Nach unserer Einschätzung reflektiert der aktuelle Aktienkurs die wirtschaftliche Substanz unseres Unternehmens derzeit nicht vollständig. So liegt unser Eigenkapital beispielsweise deutlich über der aktuellen Börsenkapitalisierung. Wir sind zuversichtlich, dass der Markt diese Diskrepanz langfristig erkennen und entsprechend bewerten wird.
Wie schnell werden sich die frischen Investitionen bezahlt machen?
Die neuen Investitionen in Oensingen machen sich bereits bezahlt, zum Beispiel haben wir beim neuen Rinderschlachthof und beim neuen Tiefkühl-Center deutlich an Effizienz zugelegt. Dasselbe erwarten wir auch vom neuen Logistik- und vom neuen Slicer Center. Das Logistik-Center befindet sich in der Hochlaufphase, ab September nehmen wir schrittweise das neue Slicer Center in Betrieb. Es sind Generationenprojekte, die die Bell Schweiz auf eine völlig neue Basis stellen und uns noch viel Freude bereiten werden.
«Das Logistik-Center befindet sich in der Hochlaufphase, ab September nehmen wir schrittweise das neue Slicer Center in Betrieb.»
Fährt der neue Rinderschlachthof am Standort Oensingen mittlerweile auf Volllast?
Ja, der neue Rinderschlachthof in Oensingen fährt auf Volllast und wir sind sehr zufrieden. Er setzt neue Massstäbe in der Rinderschlachtung insbesondere in den Bereichen Tierwohl, Hygiene, Ergonomie, Energieeffizienz und Produktivität. Unser neuer Rinderschlachthof gehört weltweit zu den Besten.
2026 hat Bell Deutschland den Produktionsbetrieb des deutschen Schinkenherstellers Hermann Wein GmbH & Co. KG in Freudenstadt übernommen. Wie sehr unterscheidet sich eigentlich der Geschmack des deutschen Konsumenten vom schweizerischen?
Die Geschmäcker unterscheiden sich, aber die Gemeinsamkeiten sind grösser: In beiden Ländern zählen Qualität, Tradition und authentischer Genuss. Regionale Vorlieben spielen eine wichtige Rolle – letztlich entscheidet aber jeder Mensch individuell, was ihm schmeckt. Bell bietet auch Fleischersatzprodukte an.
Die Vegi-Wurst wird aber wohl den Rohschinken nie ersetzen?
Nein, aber das soll es auch nicht. Viele Konsumentinnen und Konsumenten schätzen Abwechslung auf ihrem Speisezettel, und dann darf es durchaus auch mal eine vegetarische Alternative sein. Denn viele Fleischgeniesserinnen und -geniesser schätzen auch die vegetarische Küche. Ausschlaggebend sind dabei ein überzeugender Geschmack und eine möglichst natürliche, wenig verarbeitete Rezeptur. Und natürlich auch der Preis.
«Viele Fleischgeniesserinnen und -geniesser schätzen auch die vegetarische Küche.»
Bell hat mit dem Hilcona-Startup «The Green Mountain» eine hauseigene Vegi-Manufaktur». Wo wächst der Umsatz im Moment stärker, bei Fleisch oder beim Vegi?
Aktuell wachsen wir in beiden Segmenten. Wir haben vor kurzem eine zweite Tofu-Produktionslinie in Betrieb genommen. Wir richten unser Angebot konsequent an den Bedürfnissen der Konsumentinnen und Konsumenten aus – viele von ihnen kaufen heute In der Tat sowohl Fleisch als auch vegetarische Produkte.
Im Werk in Landquart (CH) betreibt Ihre Tochter Hilcona ein eigenes Kompetenzzentrum fürvegetarische sowie für vegane Produkte. Wieviel Produktinnovationen bringt Bell im Schnitt jetzt pro Jahr heraus?
Über die ganze Bell Food Group betrachtet, bringen wir rund 2000 Innovationen im Jahr heraus.
Letztes Jahr konnten Sie mit der Modified-Atmosphere-Packaging-(MAP-) Schale hat den Swiss Packaging Award 2025 gewonnen. Verlängert deren neuartiger Kapillarboden auch die Haltbarkeit?
Der Kapillarboden wurde nicht entwickelt, um die Haltbarkeit um eine definierte Anzahl Tage zu verlängern. Sein wesentlicher Vorteil besteht darin, austretenden Fleischsaft ohne Saug-Pad aufzunehmen. Dadurch verbessert sich die Produkthygiene und die Verpackung wird nachhaltiger, weil sie mit weniger Kunststoff auskommt und vollständig recyclingfähig ist.
Die Bell Food Group hat am 11. August das beste Halbjahresergebnis der Firmengeschichte veröffentlicht. Wie sind die Aussichten mittelfristig?
Der erfreulich starke Anstieg des operativen Ergebnisses im 1. Halbjahr 2026 bestätigt, dass die eingeschlagene strategische und operative Ausrichtung greift. Wir werden den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen und uns weiter auf unsere Stärken und Wachstumsbereiche konzentrieren.