Allianz Trade: Rechenzentren klimaschädlicher als gedacht – Schweiz dank grünem Strommix positive Ausnahme
Wallisellen – Der weltweite Ausbau von Rechenzentren beschleunigt sich durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) deutlich. Auch in der Schweiz wächst der Markt stark. Diese Entwicklung hat spürbare Folgen für Energieverbrauch und Emissionen. Eine neue Studie des weltweit führenden Kreditversicherers Allianz Trade zeigt, dass die Klimawirkung der digitalen Infrastruktur bislang unterschätzt wurde und weiter stark steigen dürfte – wenn keine geeigneten Massnahmen getroffen werden.
„Rechenzentren entwickeln sich von einer Randgrösse zu einem strukturellen Treiber der Stromnachfrage in vielen Regionen“, sagt Patrick Hoffmann, Senior Klimaökonom bei der Allianz. Bereits heute entfallen 15–20 % des Stromverbrauchs von Rechenzentren auf KI-Anwendungen, bis 2030 könnte der Anteil auf rund 40 % steigen. Gleichzeitig beliefen sich die globalen Investitionen 2025 auf 580 Mrd. US-Dollar, während sich die installierte Kapazität bis Ende des Jahrzehnts voraussichtlich verdoppelt.
Schweiz im internationalen Vergleich
Die Schweiz ist gemessen an der Zahl ihrer Rechenzentren ein kleiner Player im globalen Vergleich, doch der Markt wächst überdurchschnittlich und zieht zunehmend internationale Schwergewichte an, die die Schweiz als strategischen Hub für ihre europäische Infrastruktur wählen. Gründe hierfür sind u. a. die politische und rechtliche Stabilität, starke Datenschutzgesetzgebung sowie eine erstklassige digitale Infrastruktur mit gleichzeitiger Nähe zu den grossen europäischen Wirtschaftszentren.
Weise Standortwahl beeinflusst Emissionen von Rechenzentren
Wie klimabelastend diese Entwicklung ausfällt, hängt entscheidend vom Standort ab. „Identische Rechenleistungen können je nach Strommix ein Vielfaches an Emissionen verursachen“, sagt Hoffmann. „In Ländern wie Indien, Indonesien oder Malaysia werden beispielsweise über 600 Gramm CO2 pro Kilowattstunde (kWh) ausgestossen. In Norwegen und Schweden liegen die Werte bei unter 30 Gramm, in der Schweiz bei rund 40 Gramm.“
Auch im Vergleich zu den USA (384 g) und China (526 g) zeigt sich ein Vorteil: „Europas vergleichsweise sauberer Strommix verschafft der Region eine strukturell gute Ausgangsposition für klimafreundliches KI-Wachstum“, sagt Hoffmann. “Dank eines Wasserkraftanteils von 52 % und 30 % Atomstrom schneidet die Schweiz im Emissionsvergleich sehr gut ab, weist aufgrund des hohen Kühlungsbedarfs der Nuklearproduktion allerdings einen höheren Wasserfussabdruck auf.”
Nicht so grün wie erwartet: Emissionen liegen über 57 % höher als Schätzungen
Tatsächlich liegen die Emissionen deutlich höher als bislang angenommen. Für 2025 beziffert die Studie sie auf 286 Mio. Tonnen CO2. Das sind rund 57 % mehr als frühere Schätzungen. Mehr als 70 % entfallen auf den Stromverbrauch, während rund ein Viertel aus Hardware und Infrastruktur stammt. KI selbst verursacht bereits heute 43 bis 60 Mio. Tonnen CO2.
Rund 70 % der Emissionen von Rechenzentren entstehen in den USA und China.. Ohne zusätzliche Dekarbonisierung könnten die Emissionen bis 2030 auf bis zu 643 Mio. Tonnen steigen. In einem ambitionierten Szenario liesse sich dieser Wert auf rund 329 Mio. Tonnen begrenzen. Gleichzeitig gewinnen dann indirekte Emissionen aus Produktion und Bau an Gewicht und könnten etwa die Hälfte des Fussabdrucks ausmachen.
Klimaschäden durch Rechenzentren könnten sich bis 2030 verdoppeln
Auch die Kosten steigen deutlich: „Die Klimaschäden durch Rechenzentren belaufen sich heute auf rund 68 Mrd. US-Dollar jährlich und könnten bis 2030 auf bis zu 154 Mrd. US-Dollar steigen“, sagt Hoffmann. „KI trägt bereits etwa 13 Mrd. US-Dollar dazu bei, mit Potenzial auf über 50 Mrd. US-Dollar.“
Zugleich wächst ein weiterer Engpass: Rechenzentren verbrauchten 2025 weltweit rund 814 Mrd. Liter Wasser – bis 2030 könnten es bis zu 1,8 Billionen Liter sein. Auch hier liegen die USA mit 80.4 Mia Liter Wasserverbrauch pro Jahr an der Spitze, gefolgt von China mit knapp 40 Mia. Auch hier schneidet die Schweiz gut ab. Sie liegt mit einem jährlichen Verbrauch von 0,7 Mia Liter Wasser hinter Polen (0,4 Liter) zusammen mit Finnland auf Platz zwei. Spitzenreiter in Europa sind Deutschland mit 6,1 Mia Liter, UK mit 4,7 Mia und Irland mit 3,8 Mia.
KI ist auch Teil der Lösung bei der Emissionsminderung – mit richtigem Energiemix
Langfristig kann KI dennoch zur Emissionsminderung beitragen. „KI hat das Potenzial, netto emissionsmindernd zu wirken – vorausgesetzt, ihre Effizienzgewinne skalieren schneller als der Ausbau der Infrastruktur. Entscheidend ist dabei die Transformation der Energiesysteme: Der Schlüssel zu ‚Green AI‘ liegt in sauberem Strom“, sagt Hoffmann. Europa hat hier klare Vorteile – doch ohne konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien droht dieser Vorsprung verloren zu gehen. „Die Weichen für klimafreundliche KI-Infrastruktur müssen jetzt gestellt werden“, sagt Hoffmann. (Allianz Trade/mc/ps)