MEM-Industrie spürt Konjunkturabkühlung und fürchtet Coronavirus

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(Photo by Christopher Burns on Unsplash)

Zürich – Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) rechnet mit spürbaren Folgen der Coronavirus-Epidemie im ersten Halbjahr 2020. Weil die Auswirkungen zeitlich beschränkt sein dürften, erwartet der Branchenverband aber keinen Stellenabbau.

Breiteten sich die Verdachts- und Krankheitsfälle in Europa weiter aus, so könnte es durchaus zu Lieferengpässen oder zu temporären Schliessungen bei Lieferanten kommen, sagte Swissmem-Präsident Hans Hess am Mittwoch an der Jahresmedienkonferenz in Zürich. Unternehmen könnten in einer solchen Lage zu Kurzarbeit greifen: «Kurzarbeit ist für diese Situation sehr geeignet und wir wissen, wie wir dieses Instrument benutzen können.»

Insgesamt rechnet Hess damit, dass die Situation um das Coronavirus im Sommer ausgestanden sein wird. Die Epidemie könnte dennoch einen deutlichen Einfluss auf die Umsätze und Erträge der MEM-Industrie im ersten Halbjahr 2020 haben, sagte er. Eine Reihe von Unternehmen habe jedenfalls ihre noch im vergangenen Monat erstellten Jahresbudgets umgehend wieder «geschreddert».

Verflechtung mit Nachbarregionen
Derzeit scheinen die Auswirkungen der Coronavirus-Situation in China auf die Schweizer Industrieunternehmen allerdings noch gering zu sein. So sei es hierzulande erst bei «einer kleinen Anzahl Produkten» zu Lieferengpässen gekommen, sagte Hess. Es werde aber kaum zu vermeiden sein, dass sich auch hierzulande Mitarbeitende anstecken.

Dann werde man nicht über Lieferengpässe aus China sprechen: Ein Unterbruch der Wertschöpfungsketten in der Schweiz und bei den Nachbarn in Europa wäre «ungleich gravierender. Gerade der Austausch der Schweizer Unternehmen mit denjenigen in den Nachbarregionen in Süddeutschland, Vorarlberg, Norditalien und den angrenzenden französischen Departementen sei «aussergewöhnlich intensiv», erinnerte Hess.

Auftragseingänge im Abschwung
Die Corona-Epidemie, die auch noch mit einer weiteren Erstarkung des Frankens einher geht, trifft auf eine sich im Abschwung befindende Industrie. So sind die Auftragseingänge 2019 der MEM-Industrie gegenüber dem Vorjahr um 10,6 Prozent zurückgegangen. Auch die Umsätze waren mit einem Minus von 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr klar tiefer.

Zwar habe sich die Lage im vierten Quartal mit einem Rückgang der Bestellungen um noch 2,1 Prozent entspannt und erste Indikatoren hätten auf eine Stabilisierung auf tiefem Niveau hingewiesen, sagte Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher. Doch dann sei in China die Corona-Epidemie ausgebrochen: «Die Hoffnung auf eine Stabilisierung auf tiefem Niveau sinkt mit der Dauer der Epidemie und der Überbewertung des Frankens.»

Hauptgrund für die rückläufige Entwicklung im 2019 war für Swissmem die Abkühlung der Konjunktur in den wichtigsten Absatzmärkten, die durch Handelskonflikte und auch den Strukturwandel in der Automobilindustrie ausgelöst worden sei. Zudem habe sich die «Überbewertung» des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro 2019 deutlich erhöht – seit Anfang 2020 habe sie sich nun noch weiter akzentuiert.

Beschäftigung wieder rückläufig
Die negative Geschäftsentwicklung hat sich auch auf die Kapazitätsauslastung in den Betrieben ausgewirkt: Diese sank im vierten Quartal auf 83,0 Prozent (Q4 2018: 91,6 Prozent). Die Anzahl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der MEM-Industrie liegt trotz einer Abnahme im Schlussquartal mit 324’600 Personen noch höher als vor Jahresfrist (320’500).

Rückläufig waren im vergangenen Jahr auch die Ausfuhren der MEM-Unternehmen: Sie sanken um 2,1 Prozent auf 68,3 Milliarden Franken. Deutlich tiefer fielen die Ausfuhren dabei in die Nachbarländer Italien (-11,4%), Deutschland (-6,4%) und Frankreich (-5,9%) aus.

Gegen Konjunkturprogramme
Forderungen nach Konjunkturprogrammen erteilte Swissmem eine Absage. «Solche Programme braucht es nicht», betonte Brupbacher. Wichtig sind für den Verband nun politische Entscheide wie die «Kündigungsinitiative» oder die Ratifizierung der Freihandelsabkommen mit Indonesien und den Mercosur-Staaten.

Enttäuscht zeige sich Hess vom jüngsten Zinsschritt der US-Notenbank. Dies könnte nun noch weitere Notenbanken zum Nachziehen animieren, fürchtete er. (awp/mc/pg)

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