Schweizer Hotels im Sommer 2020: Welche Regionen haben die besten Chancen?

Zürich
Grossstädte wie Zürich leiden massiv unter ausbleibenden Ausländern. (Foto: Unsplash)

Zürich – Aufgrund der Coronakrise gilt für den Sommer 2020 bei vielen Menschen weltweit das Motto «Ferien im eigenen Land». In der Schweiz wird es die inländischen Gäste vor allem in die Berge ziehen, während dem stark von ausländischen Gästen abhängigen Städtetourismus eine schwierige Zeit bevorsteht. Dies zeigt die neueste Analyse der Ökonomen der Credit Suisse zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Tourismussektor, insbesondere auf die Schweizer Hotels.

Graubünden, die Ostschweiz, das Wallis und das Tessin hängen weniger stark vom Auslandtourismus ab und haben schon in den vergangenen Jahren zu den beliebtesten inländischen Reisezielen der Schweizer gehört. Für die ersten drei Regionen sind die Suchanfragen bei Hotelplattformen bereits in die Höhe geschossen. Das Tessin wird folgen, sobald sich die schwierige COVID-19-Situation dort entspannt. Allerdings wird ausserhalb der Ferienzeiten die Auslastung eine Herausforderung bleiben.

Die COVID-19-Pandemie hat aufgrund der massiven weltweiten Einschränkungen im gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Leben zu einem Stillstand im Tourismussektor geführt. Mit der Ausrufung der «ausserordentliche Lage» am 16. März 2020 wurden alle Läden, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe geschlossen. Hotels durften zwar geöffnet bleiben, aber aufgrund der Anweisung an die Bevölkerung, möglichst zu Hause zu bleiben, sowie der Einführung von Einreiseverboten kam auch der Tourismus fast vollständig zum Erliegen.

Lockdown: Logiernächte brechen im März um 62% ein
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Logiernächte in der Schweiz im März um 62% eingebrochen. Am stärksten ist der Rückgang mit 69% in der Region Genf und am geringsten mit 54% in der Ostschweiz ausgefallen. Da im März jedoch nur die zweite Monatshälfte vom Lockdown betroffen war, zeichnet sich im April und Mai ein noch düsteres Bild in allen Schweizer Regionen ab. Gemäss einer Umfrage des Instituts Tourismus der Fachhochschule Westschweiz Wallis unter 3500 Unternehmen der Schweizer Tourismusbranche im April 2020 rechnet die Hotellerie im April bzw. Mai mit einer Auslastung von nur rund 8% bzw. 9%.

Vorsichtige Öffnung der Gastronomie und Tourismusbranche
Um die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Tourismusbranche zu begrenzen, sieht der Bund eine etappenweise Lockerung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beschränkungen vor. So dürfen seit dem 11. Mai 2020 Läden, Restaurants, Märkte, Museen und Bibliotheken unter strengen Auflagen wieder öffnen. Die nächsten Lockerungen, die am 8. Juni in Kraft treten sollen, betreffen voraussichtlich weitere touristische Attraktionen, Bergbahnen, Schifffahrtsbetriebe und kulturelle Einrichtungen. Dann könnte der Tourismus in der Schweiz wieder ins Rollen kommen, auch wenn die Mehrheit der ausländischen Gäste weiterhin fernbleiben muss.

Wettbewerb um inländische Touristen hat begonnen
Der Schweizer Tourismussektor setzt vermehrt Hoffnung in die Schweizer Wohnbevölkerung. Denn laut einer Studie der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) waren per 6. April 2020 96% der Weltdestinationen aufgrund von COVID-19-Reisebeschränkungen nicht zugänglich. Im Laufe des Jahres wird es zwar Lockerungen beim Reiseverkehr geben, dennoch werden internationale Reisen 2020 nur eingeschränkt möglich sein. So will die Fluggesellschaft Swiss ab Juni erst 15 bis 20% des ursprünglichen Flugangebots wieder aufnehmen, und Spanien beispielsweise könnte seinen Tourismussektor diesen Sommer nur für Spanier öffnen. Deshalb dürften sich die Schweizer für ihre diesjährigen Sommerferien vermehrt auf die Schweiz fokussieren und damit die fehlenden ausländischen Gäste zumindest teilweise ersetzen. Aber für welche Regionen werden sie sich entscheiden? Ein Blick in die Vergangenheit könnte Aufschluss geben.

Beliebteste Schweizer Reiseziele der Schweizer: Graubünden und Tessin
In den Sommersaisons (Mai bis Oktober) der Jahre 2016 bis 2019 hat die Schweizer Wohnbevölkerung die meisten Hotelübernachtungen innerhalb der Schweiz in der Tourismusregion Graubünden (15% aller Übernachtungen von Inländern) getätigt. An zweiter Stelle folgt das Tessin (11.6%), an dritter Stelle die Region Zürich (11.2%) und an vierter das Wallis (10.5%). Es zeigt sich, dass die Schweizer Hotelgäste bevorzugt in den touristischen Bergregionen übernachten. Die Grosszentren wie Genf (3.3%), Basel (3.3%) und Bern (3.4%) stehen dagegen weniger im Fokus. Eine Ausnahme bildet die Region Zürich. Zu beachten ist aber, dass die Daten nicht nur touristische Übernachtungen, sondern auch Geschäftsreisen berücksichtigen. Diese nehmen in einem Wirtschaftszentrum wie Zürich einen substanziellen Stellenwert ein. Zudem zieht das vielfältige Kulturangebot inklusive etlicher Grossveranstaltungen (Konzerte, Festivals usw.) sowie der Flughafen Zürich vor Reisen viele Schweizer für Kurzaufenthalte nach Zürich. Diese Gründe für Übernachtungen werden allerdings diesen Sommer, wenn überhaupt, nur eingeschränkt Gültigkeit finden.

Beliebteste Schweizer Reiseziele der Ausländer: Zürich, Berner Oberland und Luzern
Der Fokus der ausländischen Hotelgäste in den Sommersaisons 2016 bis 2019 lag dagegen neben Zürich (20.4% aller Übernachtungen von Ausländern) vor allem auf dem Berner Oberland (13.1%) sowie der Region Luzern/Vierwaldstättersee (12.2%). Einen beachtlichen Anteil machen hier die asiatischen Gäste aus. Von Zürich aus führt ihre Reise häufig nach Luzern und anschliessend nach Interlaken oder Grindelwald für einen Ausflug auf das Jungfraujoch. Zudem steht Genf (11.6%) im Fokus der ausländischen Hotelgäste. Aufgrund der vielen internationalen Organisationen werden dorthin häufig Geschäftsreisen getätigt. Den grössten Anteil unter den Hotelgästen machen in Genf die Europäer aus. Die Afrikaner stehen zwar nur für 4% der gesamten Übernachtungen, aber wenn ein Afrikaner in die Schweiz kommt, übernachtet er in 47% der Fälle in Genf. Dagegen stehen die typischen Ferienziele der Schweizer bei den ausländischen Gästen verhältnismässig wenig im Fokus. Nur 7% bzw. 5.1% der Übernachtungen von ausländischen Gästen finden in Graubünden bzw. im Tessin statt.

Grossstädte leiden massiv unter ausbleibenden Ausländern
Die unterschiedlichen Schweizer Reiseziele der inländischen und ausländischen Hotelgäste erklären die verschiedenen Abhängigkeiten der einzelnen Regionen von ausländischen Touristen. Während beispielsweise die Ostschweiz, das Tessin und Graubünden in den Sommermonaten einen Anteil an ausländischen Gästen von maximal 40% aufweisen, machen diese in den Regionen Basel 66%, Zürich 70% und Genf sogar 82% aus. Für diese Städte könnte es dieses Jahr sehr schwierig werden. Auch die Region Luzern/Vierwaldstättersee und das Berner Oberland haben aufgrund der vielen asiatischen Gäste normalerweise einen hohen Ausländeranteil. Wenn der Andrang an den touristischen Anziehungspunkten dort allerdings nicht so massiv wie in der Vergangenheit ausfällt, könnten wieder vermehrt inländische Gäste die Gelegenheit nutzen, diese Regionen zu erkunden.

Bergregionen mit besserem Ausblick – zumindest für die Ferienzeiten
Insbesondere die touristischen Gebiete in den Bergregionen, wie das Tessin, Graubünden, das Wallis und auch die Ostschweiz, die weniger vom Auslandstourismus abhängen, werden also gemäss historischen Vorlieben der inländischen Touristen noch stärker als ohnehin schon im Fokus der inländischen Touristen stehen. Diese Entwicklung zeichnet sich gemäss einer Auswertung der Zugriffszahlen auf zehn Hotelplattformen der thematica GmbH (wo rund 15’000 Hotels gelistet sind) bereits ab. Die Analyse des Suchverhaltens von rund 23’000 Schweizern hat ergeben, dass seit Mitte April die Schweizer doppelt so häufig nach Hotels im Inland suchen als im Vorjahr. Im Fokus stehen dabei Graubünden und die Ostschweiz, auf die 46% der Suchanfragen entfallen. Zudem verzeichnet die Genferseeregion (insbesondere das Wallis) mit 16% der Anfragen ein deutlich höheres Interesse als im Vorjahr. Das Interesse am Tessin ist mit 24% der Suchanfragen dagegen gesunken. Das liegt in erster Linie an den verhältnismässig vielen COVID-19-Fällen dort und den Unsicherheiten bezüglich Reisen in diese Region. Sobald sich die Situation beruhigt, dürfte auch die Nachfrage nach dem Tessin wieder aufflammen.

Ausserhalb der Schweizer Ferienzeiten wird der Wettbewerb noch härter werden
Die Hotels in den touristischen Bergregionen werden also zumindest teilweise die fehlenden Einnahmen von ausländischen Gästen kompensieren können. Allerdings wird das in erster Linie in den Schweizer Ferienzeiten möglich sein. Ausserhalb dieser Zeiten wird die Auslastung der Hotels entsprechend tiefer sein und der Wettbewerb härter. Vor allem kleinere Betriebe, die eine geringere Liquidität aufweisen und in die in den letzten Jahren nicht viel investiert wurde, sehen sich einem Konkursrisiko ausgesetzt. Abbildung 3 zeigt neben den Anteilen der inländischen und ausländischen Hotelgäste in der Sommersaison auch diejenigen der Wintersaison (November bis April). Hier sieht die Situation minimal besser aus. Der Anteil an inländischen Hotelgästen ist leicht höher, da viele ausländische Gäste, vor allem Asiaten, die Schweiz bevorzugt im Sommer bereisen. Im Winter lockt der Skitourismus dagegen mehr Schweizer in die Berge. Zudem besteht die Hoffnung, dass spätestens bis zum Winter zumindest auch wieder mehr Europäer in die Schweiz reisen. (CS/mc/pg)

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