Schweizer Wirtschaft 2020: Am Tropf des Nordens

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

St. Gallen – Die Schweizer Wirtschaft dürfte 2020 ein Wachstum von 1,3 Prozent verzeichnen und damit nur wenig stärker zulegen als im laufenden Jahr. Gegenwind kommt vor allem aus Europa, von dem aufgrund der derzeitigen Wachstumsschwäche Deutschlands nur wenige Impulse auf die Schweizer Wirtschaft ausgehen – genauso wenige wie von der Wechselkursfront. Der Franken dürfte auch 2020 zur Stärke neigen.

Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff rechnet auch 2020 nicht mit einem Ende des Negativ- bzw. Nullzinsregimes. Im besten Falle könnten die Langfristrenditen sich aus der Minuszone herausbewegen. Von einer geldpolitischen Normalisierung ist damit im Jahr 2020 nicht auszugehen, zumal sich die Schweizerische Nationalbank auch im kommenden Jahr mit einer starken Währung wird beschäftigen müssen. «Die Frankenstärke beruht grossteils auf nachvollziehbaren Gründen. Dazu zählen Überschüsse im Aussenhandel mit Waren und Diensten und tiefere Inflationsraten als im Ausland», so der Chefökonom von Raiffeisen.

Zudem reinvestieren Schweizer Unternehmen und Investoren seit der Finanzkrise deutlich weniger ihrer erzielten Erträge wieder im Ausland, was ebenso frankenstärkend wirke wie die Tatsache, dass Währungsrisiken bei Auslandsanlagen in zunehmendem Masse abgesichert werden. «Das gilt im Besonderen für institutionelle Investoren», so Neff. Die Rolle des sicheren Hafens und dessen Auswirkung auf den Wechselkurs werden gemäss den Chefökonom von Raiffeisen tendenziell überschätzt. Angesichts eines schwierigen geopolitischen Umfeldes mit zahlreichen Unwägbarkeiten – vom Brexit über den Handelskonflikt bis hin zu diversen «lokalen» Krisen, die sich unverhofft auch zu globalen Problemen ausweiten können – spiele der sichere Hafen Schweiz auch 2020 eine gewisse Rolle.

Dominanter Einfluss der deutschen Konjunktur
Obschon die Abhängigkeit des Schweizer Wirtschaftsgangs von Deutschland kontinuierlich abgenommen habe, sei sie immer noch so hoch, dass man stark am Tropf des Nordens hänge, wie Neff sich anlässlich der Medienkonferenz ausdrückte. Allein das deutsche Bundesland Baden-Württemberg sei nach den USA die zweitwichtigste Destination schweizerischer Warenexporte. Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern seien weitere wichtige Abnehmer schweizerischer Waren. «Von dieser engen Verbundenheit mit dem Nachbarn im Norden hat die Schweiz meist profitiert, zuletzt auch während der Eurokrise. Damals schwächelte die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weniger», so Neff. Nun drehe sich das Blatt, denn Deutschlands Konjunktur ist angeschlagen. «Die Konjunkturlokomotive Deutschland mutierte zuletzt zu einem schweren Wagen, der wie ein Bremsklotz – auch auf die Schweizer Wirtschaft – wirkt.» Umso wichtiger sei aktuell die Entwicklung in den USA.

Zwar zeichne sich dort eine leichte Konjunkturabkühlung ab, doch von einem Abschwung in den USA gehe Raiffeisen nicht aus. Die Sorgen in den USA sind eher politischer denn wirtschaftlicher Natur. Neben den innenpolitischen Eskapaden des US-Präsidenten dürfe der anstehende Wahlkampf für weitere Unruhe sorgen. Trump werde aus wahltaktischen Überlegungen bemüht bleiben, die Wirtschaft in Fahrt zu halten. Das wird gemäss dem Chefökonom von Raiffeisen jedoch immer schwieriger, da Budgetdefizit und Staatsschulden zunehmend aus dem Ruder laufen.

Globale Konjunktur insgesamt schwächer
«Neben Deutschland und den USA leiden auch die anderen hochindustrialisierten Länder zu konjunktureller Schwäche», so Neff weiter. Weder von der Eurozone noch von Japan werden 2020 namhafte Wachstumsimpulse auf die Weltwirtschaft ausgehen und auch die Konjunkturdynamik werde sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich abschwächen. Die chinesische Wirtschaftsleistung werde 2020 erstmals seit fast 30 Jahren um weniger als 6 Prozent wachsen, wodurch auch der chinesische Beitrag zum globalen Weltwirtschaftswachstum sinkt: Der Handelskonflikt mit den USA hinterlässt allmählich seine Spuren. Die Exporte Chinas in die USA sind aktuell um gut 10 Prozent rückläufig.

Eigenheimerwerber sind keine Spekulanten
Der Schweizer Immobilienmarkt bleibt gemäss Raiffeisen hoch bewertet, das Risiko eines Crashs der Eigenheimpreise hat Neff zum Abschluss seiner Ausführungen weiterhin ausgeschlossen. Das fehlende spekulative Element sei der unverändert wichtigste Grund, dass der Markt auch beim derzeitigen hohen Preisniveau nicht absturzgefährdet sei. Im Gegensatz zum Crash der frühen Neunzigerjahre boome heute die Nachfrage echter Nutzer – sprich Wohneigentümer – und nicht etwa die von Spekulanten auf der Suche nach schnellen Gewinnen. Auch bei kommerziell genutzten Immobilien und Renditeliegenschaften im Wohnungsmarkt stehen Renditeüberlegungen im Vordergrund und nicht etwa die Aussicht auf rasche Gewinne. Der Renditespread und der Anlagenotstand halten dort den Markt stabil. (Raiffeisen/mc/pg)

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