Expeditionsmobil: Welcher Lastwagen, welcher Aufbau? Die Kombinationshölle

Expeditionsmobil: Welcher Lastwagen, welcher Aufbau? Die Kombinationshölle
Frank Oechsner am Steuer eines von ihm gebauten Expeditionsmobils (Bild: Explorer Magazin)

Nachdem klar war, dass für uns nur ein richtiger Lastwagen (mehr als 7.5 Tonnen Gesamtgewicht) als Basisfahrzeug in Frage kam, stand die nächste unmögliche Entscheidung an. Welcher Lastwagen und welcher Aufbau(er)? Die Kombinationsmöglichkeiten sind fast endlos und es fehlen unabhängige Vergleichsportale oder Ratings.

Von Helmuth Fuchs

Das hiess für uns, wie für all die anderen in gleich misslicher Lage vor uns: Sich selbst schlau machen in zahlreichen Foren, Blogs, Vlogs, Anbieterseiten, Expeditionsmagazinen, Reiseberichten… Hier nochmals im Kürzest-Überblick, weshalb für uns nur ein echter Lastwagen (LKW) mit Allradantrieb in Frage kam:

Nun ging es um die Wahl des Basisfahrzeuges. Theoretisch kann dies völlig unabhängig vom Aufbauer gewählt werden, hier der LKW, dort die Wohnkabine, als Verbindung und für die Verwindung ein Zwischenrahmen. Soweit die Theorie. In der Praxis braucht es für ein Expeditionsfahrzeug unterschiedliche Einzelkomponenten, die jedoch gut aufeinander abgestimmt werden müssen. Derjenige, welcher die Kabine baut, muss auch das dazugehörende Basisfahrzeug sehr gut kennen, um eine gut funktionierende Gesamtlösung zu erhalten. Einige der Fragen, die dabei entscheidend sind:

  • LKW: Was kann abgebaut werden, da es für ein Expeditionsfahrzeug unwichtig, aber einem tieferen Gewicht zuträglich ist, was muss zusätzlich verbaut werden (zum Beispiel eine zweite Lichtmaschine, zusätzliche Staukästen…)?
  • Zwischenrahmen: Wie muss der Rahmen gestaltet werden (Form, Lagerpunkte) um sowohl die Verschränkung am Fahrzeug als auch die Stabilität an der Kabine sicher zu stellen?
  • Kabine: Wie muss die Kabine für eine bestmögliche Platz- und Energienutzung des individuellen Kundenbedürfnisses aussehen, wie erreicht man ein gutes Raumklima in der Kabine in den unterschiedlichen Klimazonen?

Die Wahl des Lastwagens
Der Kreis der für uns prinzipiell in Frage kommender Lastwagen verkleinerte sich sehr schnell auf wenige Anbieter:

  • Mercedes: Grosse Anzahl an Feuerwehr- und Militärfahrzeugen im Bereich von neun bis elf Tonnen, sowohl bei älteren Modellen (um 1990) als auch bei moderneren Fahrzeugen.
  • MAN: Gut verbreitet in der Szene als Basisfahrzeug. Ältere Modelle ohne Elektronik sind nicht ganz einfach zu bekommen. Dafür ist die Versorgung auch mit modernen Fahrzeugen sehr gut.
  • Steyr: Einige Fahrzeuge aus Feuerwehr- und Militärbeständen, wurde von MAN übernommen, was theoretisch der Versorgungslage von Ersatzteilen zugute kommen sollte. Steyr sind sehr robust und aktuell sehr gesucht. Mit ein Grund ist der Anbieter Excap, welcher Militärfahrzeuge der Serie 12M18 vollständig überholt und neu aufbaut. Dabei entstehen wahre Schmuckstücke, die preislich mit der ursprünglichen Idee eines günstigen gebrauchten Lastwagens aber nicht mehr viel gemein haben.
  • Iveco: Gutes Angebot an älteren Lastwagen. Hier bietet vor allem 4wheel24 interessante Lösungen auf dem Iveco 90/60. 4wheel24 hat zudem eine grosse Auswahl an weiteren geeigneten Basisfahrzeugen der bekanntesten Hersteller

Technisch interessante Basisfahrzeuge, wie zum Beispiel der Bucher Duro, DAF, Leyland oder Renault wurden entweder wegen zu geringer Verbreitung und Verfügbarkeit von Ersatzteilen, technisch zu komplizierten Konzepten (Anrieb, Elektronik) oder zu wenig verfügbarer Fahrzeugen aus der Betrachtung genommen. Für uns waren folgende Kriterien wichtig:

  • Bewährtes Basisfahrzeug (häufig schon verwendet von Selbstaufbauern und Aufbau-Anbietern).
  • Verfügbarkeit zu akzeptablem Preis und innerhalb unseres Zeithorizontes (gesamte Projektzeit inklusive Evaluation: 3 Jahre).
  • Gesicherte Versorgung von Ersatzteilen.
  • Gute technische Dokumentation entweder in Foren oder Hersteller-Datenbanken.
  • Keine Elektronik, kein AdBlue
  • Kurzes Fahrerhaus, damit ein möglichst kurzes Expeditionsmobil realisiert werden kann (max. 6.6 Meter Gesamtlänge).
  • Maximalbreite 2.30 Meter
  • Gesamtgewicht nicht mehr als 11 Tonnen

Quellen für gebrauchte Armee- und Feuerwehrfahrzeuge
Nebst den oben erwähnten Excap und 4wheel24 ist Philipp aus dem Hanfbachtal eine gute Quelle für gebrauchte Armee- und Feuerwehrfahrzeuge.

Wir haben unseren Steyr in der Schweiz bei Basisfahrzeuge.ch gefunden. Benno Meixner hat eine kleine Auswahl von qualitativ hervorragenden Fahrzeugen. Er kauft nur Feuerwehrfahrzeuge mit wenig Kilometern und nur in absolut einwandfreiem Zustand. Für die Kunden übernimmt er die Aufbereitung zum Basisfahrzeug (Einzelbereifung, Abbau von allen unnötigen Teilen, Reinigung, Neulackierung).

Unser Steyr von Benno Meixner, Basisfahrzeuge.ch, vor dem Abbau der Feuerwehraufbauten

 

Die Feuerwehraufbauten hängen in der Luft, säuberlich getrennt vom Steyr

 

Bereit für das neue Leben als Expeditionsfahrzeug

Als generelles Suchportal empfiehlt sich Mobile.de mit einer grossen Auswahl an Fahrzeugen (Lastwagen oder auch fertige Expeditionsmobile). Zudem lohnt es sich, bei den Kabinenbauern nachzufragen, da diese manchmal ebenfalls Fahrzeuge in ihrem Bestand haben.

Die Wahl des Kabinenbauers
Da wir weder die Fähigkeiten, die Zeit oder den Platz für einen Eigenbau oder Eigenausbau hatten, war schnell klar, das in unserem Fall dies von einem Kabinenbauer übernommen werden sollte. Hier gibt es theoretisch wiederum die Möglichkeit, dass die Kabine und der Ausbau von unterschiedlichen Anbietern kommen könnten. Das hätte zur Folge, dass man sich dann mit bis zu vier Anbietern befassen müsste (LKW, Zwischenrahmen, Kabine, Ausbau der Kabine). Die dabei anfallende Kommunikation und der dafür nötige Klärungsbedarf bei Problemen, das damit verbundene Zeit- und Projektmanagement liess uns diese Variante ganz schnell vergessen.

Im unserer Vorstellung des Idealfalls hätte der Aufbauer die Rolle des Gesamtprojektleiters übernommen, das Basisfahrzeug besorgt, den Aufbau, die Innenausstattung und die Herstellung des Zwischenrahmens . Wie so oft, liess sich diese Idealvorstellung nicht ganz so umsetzen, wir fanden aber zumindest einen Partner, der uns überall behilflich ist und einen guten Teil der Koordination übernimmt.

In die engere Auswahl kamen folgende Anbieter:

Im Laufe der Zeit bereinigte sich das anfänglich noch grosse Feld der möglichen Anbieter unter anderen aus  folgenden Gründen:

  • Zu lange Wartefristen: Bei einigen der Aufbauer beträgt die Wartefrist mittlerweile mehr als zwei Jahre bis zum Beginn eines neuen Projektes. Das spricht natürlich für die seriöse Arbeit und den Erfolg des Aufbauers, für uns war diese Wartefrist, im Wissen, dass bis zur Fertigstellung des eigenen Fahrzeuges dann durchaus noch mehr Zeit dazu kommen kann, aber zu lange.
  • Keine oder viel zu langsame Reaktion auf Fragen und mehrmaliges Nachfragen. In einem Umfeld, in dem die Konkurrenz zunimmt, ist eine Antwortzeit von mehr als vier Wochen auf ein E-Mail für uns ein No-Go.
  • Zu hoher Preis für uns: Wir haben uns für das Gesamtprojekt (Lastwagen und Aufbau) eine obere Limite von 300’000 EUR gesetzt. In Anbetracht des Grundkonzeptes eines möglichst „kleinen“ Expeditionsmobils von 2.30 x 6.60 x 3.60 Metern, Euro1 4×4 Fahrzeuges, ohne ausgeklügelte Anbauten und elektrischen und elektronischen Hilfssystemen aus unserer Sicht eine tragbare Limite. Einige der Aufbauer fokussieren sich auf grössere Expeditionsmobile mit anspruchsvollerer Technologie, die dann eher im Bereich von 400’000 – 800’000 EUR liegen.
  • Schlechte Kundenreferenzen: Leider sind die Besitzer von Expeditions-Reisemobilen sehr zurückhaltend mit Informationen und Berichten, wenn es um negative Erfahrungen geht. Es gibt keinen Mangel an fantastischen Reiseberichten, traumhaften Videos von den schönsten Plätzen und Routen. Sehr wenig findet man, wenn es um fundierte Erfahrungen während der Bauphase geht, oder um Berichte darüber, was sich auf den Reisen bewährt, was nicht. Eine sehr löbliche Ausnahme machen Nicole und Alex von Travelnotes360.com. Hier findet man detailliert dokumentierte Erfahrungen, die bei der eigenen Entscheidung unglaublich hilfreich sein können.Ebenso findet man bei Sabine und Burkhard Koch’s „Pistenkuh“ und bei Sabine und Michael’s „Herman unterwegs“ gute Tipps.Da die meisten sich ein Expeditionsmobil in ihrem Leben nur einmal beschaffen, wäre es wichtig, von den Erfahrungen (positiven und negativen) von anderen profitieren zu können bei den eigenen Entscheidungen. In direkten Gesprächen auf Treffen, Messen und Veranstaltungen erfährt man unglaublich viel Nützliches, Online wird es jedoch leider sehr schwierig, zu Aufbauern Erfahrungsberichte zu finden. Schade auch deshalb, weil hier mehr Transparenz auch den Aufbauern helfen könnte, sich zu verbessern.

In die letzte Entscheidungsrunde nahmen wir noch folgende Anbieter und Lösungen mit:

Bliss hat, wie ich im Nachhinein feststellte, ein „Frauenproblem“. Für mich war Bliss eigentlich der Favorit. Ihr ausgeklügeltes Konzept eines Einbaus von hochwertigen Komponenten in einen Industriecontainer, der Verzicht von Gas, die technisch hervorragend umgesetzte Autarkie, das ingenieurmässige Herangehen in der Umsetzung, die industrielle Planung (gleiche Technologie und Raumaufteilung, wenige Standardgrössen) und Herstellung, der attraktive Preis für die gebotene Leistung, alles hat mich von Beginn weg überzeugt. Nicht so meine Frau: Für sie war die stringente Fertigung mit sehr wenig Spielraum für eigene Ideen und Wünsche schlicht unakzeptabel. In zahlreichen Diskussionen mit anderen Reisenden habe ich dann erfahren, dass sie genau dieselbe Erfahrung gemacht haben: Die Männer waren begeistert, die Frauen überhaupt nicht. Und da ein solches Projekt und die darauf folgende Reisezeit nur funktionieren können, wenn beide begeistert sind, fiel die Bliss-Box ziemlich unsaft aus dem Rennen.

Krug Expeditions bietet optisch sehr überzeugende Lösungen mit guten Komponenten, verschiedenen Standardaufteilungen (jedoch auch flexibel für Kundenwünsche) zu sehr attraktiven Konditionen. Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass die Kabinen in der Ukraine gebaut werden. Das Unternehmen hat dort modernste Fertigungsanlagen. Für uns war schliesslich die Entfernung zur Produktionsstätte der Grund, von einer Zusammenarbeit abzusehen. Bei Problemen ist es für uns wichtig, den verantwortlichen Partner möglichst in der Nähe zu haben.

Unsere Wahl fiel schliesslich auf Frank Oechsner und seine Unternehmen Füss Mobile in Bingen. Schon der erste E-Mail-Kontakt verlief unüblich erhellend. Unsere Anfrage zu einem Expeditionsmobil mit einem Gesamtgewicht von maximal 7.5 Tonnen beantwortete er mit einer klaren Absage. Er könne ein solches Fahrzeug aus seiner Erfahrung und mit einem guten Gewissen nicht bauen. Da wir das selbst auch schon irgendwie ahnten, haben wir dann nachgehakt und Frank Oechsner hat uns jeweils genau die benötigten Informationen zu den weiteren Entscheidungsschritten geliefert. Ein Besuch in Bingen hat uns dann vollends überzeugt, den Bau unseres Expeditionsmobils mit Frank Oechsner anzugehen. Hier wird noch echte Handwerkskunst gepflegt.

Hier schwingt der Chef auch selbst noch den Hammer: Frank Oechsner von Füss Mobile (Bild: Diaves.ch)

Dass er uns dabei geholfen hat, das Basisfahrzeug zu finden, die Koordination des Gesamtprojektes übernimmt (Anpassung LKW, Kabinenbau, Einfuhr- und Ausfuhr des Fahrzeuges…), als Chef immer noch selbst mitarbeitet, waren weitere Pluspunkte, die zur klaren Entscheidung geführt haben.

Wie es nach der Entscheidung weiter geht, welche Besonderheiten unser Fahrzeug haben soll, dazu mehr im nächsten Artikel.

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