Kunsthaus Zürich zeigt «Hodler, Klimt und die Wiener Werkstätte»

Kunsthaus Zürich zeigt «Hodler, Klimt und die Wiener Werkstätte»
Franz von Zülow, "Village rose" fabric swatch, design 1910/11 (Ausschnitt). Client: Wiener Werkstätte, 1910 to 1928; execution: Gustav Ziegler, Vienna; execution: anonymous, Zurich Silk, printed, plain weave MAK – Museum für angewandte Kunst, Vienna. (photo © MAK/Kristina Wissik)

Zürich – Vom 21. Mai bis 29. August zeigt das Kunsthaus Zürich Gemälde, Zeichnungen, Mobiliar, Schmuck und Designobjekte aus der Blütezeit der Wiener Secession. Neben Arbeiten von Josef Hoffmann, Ferdinand Hodler und Gustav Klimt stehen die Kreationen von Dagobert Peche im Mittelpunkt. Peche war künstlerischer Leiter der 1917 gegründeten Niederlassung der Wiener Werkstätte in der Zürcher Bahnhofstrasse, deren Geschichte im Rahmen der Ausstellung erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet wird.

Die Ausstellung umfasst rund 160 Exponate. Die kuratorische Verantwortung liegt in den Händen von Tobias G. Natter, dem früheren Direktor des Leopold Museum Wien und Autor der beiden Werkverzeichnisse der Gemälde von Gustav Klimt (2012) und Egon Schiele (2017). Zum einen wirft die Ausstellung aus Wiener Perspektive einen frischen Blick auf den schon seinerzeit als Schweizer «Nationalkünstler» wahrgenommenen Ferdinand Hodler (1853–1918). Sie ruft in Erinnerung, dass Hodler seinen internationalen Durchbruch dem überwältigenden Erfolg seiner Beteiligung an der XIX. Ausstellung der Wiener Secession 1904 verdankte. Sie brachte den lange ersehnten sozialen und finanziellen Erfolg. Zum anderen hielt sich Hodler während der Ausstellung mehrere Wochen in Wien auf, wo er aus erster Hand mit der Ästhetik des Wiener Jugendstils vertraut wurde.

«High And Low»
Von den Künstlern, denen Hodler in Wien begegnete, schätzte er Gustav Klimt (1862–1918) am höchsten, namentlich «das dekorative Element» an dessen Kunst. Klimt, der wie kein zweiter für «Wien um 1900», Erotik und Ornament steht, war damals aber nicht nur die Leitfigur der Wiener Moderne. Klimt forderte in bahnbrechender Weise auch die Überwindung der traditionellen Unterscheidung von Malerei und Skulptur als sogenannter «hoher» und Kunstgewerbe als «angewandter» Kunst.

Gleichzeitig warb Klimt für eine Neudefinition von Künstlertum. Denn auch jene, die fähig seien, «Geschaffenes fühlend nachzuerleben» galten ihm als Künstler.

All diese Gedanken fanden eine tatkräftige Umsetzung in der 1903 gegründeten Wiener Werkstätte, einem Pilotprojekt der modernen Designgeschichte. Mit deren Gründungsmitgliedern Josef Hoffmann (1870–1956), Koloman Moser (1868–1918) und dem Financier Fritz Waerndorfer (1868–1939) stand Klimt in engem Austausch. Auch Hodler lernte sie 1904 persönlich kennen. Zudem war es Koloman Moser, dessen Hängung der Hodler-Gemälde vor ungewohnt weissen Wänden heute als avantgardistische White Cube-Installation gerühmt wird.

Die Faszination «Gesamtkunstwerk» wird in der aktuellen Ausstellung des Kunsthaus Zürich exemplarisch an der Wohnwelt der Familie Hermine und Moriz Gallia deutlich. Klimt malte 1904 das lebensgrosse Bildnis von Hermine Gallia, das als Leihgabe der National Gallery London ein Highlight der Ausstellung bildet. Gleichzeitig zeigen Fotos die raumkünstlerische Gestaltung der Wohnung Gallia durch Josef Hoffmann.

Holder und die Secessions-Ausstellung 1904
Wenn die Wiener Secession Ferdinand Hodler zur Teilnahme an ihrer XIX. Ausstellung eingeladen hatte, dann um «die Grösse Hodlers einmal auch weiteren Kreisen begreiflich» zu machen. Die anspruchsvolle Ausstellung verfolgte keine geringere Absicht, als in bahnbrechender Weise zu zeigen, «dass Ferdinand Hodler nicht nur der grösste Schweizer Künstler, sondern einer der grössten überhaupt» sei. Hodler konnte damals sämtliche bis dahin geschaffenen Hauptwerke zeigen. Die Resonanz war überwältigend. Der Schweizer Künstler gewann mit dieser Werkschau alles, was sich ein Künstler von der Öffentlichkeit erhoffen konnte: reichen Zuspruch, gute Presse, wichtige Verkäufe. Insgesamt wurde die Wiener Ausstellung zu einem Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte des damals 51-jährigen Künstlers.

Euphorisch berichtete Hodler, er sei nun materiell unabhängig und hoffe, dass «mit der Zeit auch die Schweizer einsehen lernen, dass ich nicht der erste beste Pfuscher bin». Und überhaupt: «Die Wiener haben mir nun aus dem Dreck herausgeholfen.»

Zu den Menschen, mit denen Hodler in Wien Bekanntschaft machte, gehörte der Industrielle und Kunstliebhaber Carl Reininghaus, der aus der Hodler-Ausstellung sämtliche Hauptwerke erwarb, darunter die grossformatigen Allegorien «Der bewunderte Jüngling» und «Die Wahrheit». Erst viele Jahre später gelangten diese Schlüsselwerke nach Reininghaus’ Tod in das Kunsthaus Zürich. Ihre Rückführung in die «Heimat» ist ein spannendes Beispiel in Hodlers Rezeptionsgeschichte und der «Repatriierung» seines Erfolges.

Mobiliar aus Hodlers letzter Wohnung
Im Jahr 1913 bezogen Ferdinand und Berthe Hodler eine herrschaftliche Wohnung am Quai du Mont-Blanc 29 in Genf. Berthe kümmerte sich um die Einrichtung, die einen angemessenen Rahmen für den Empfang von Gästen bieten sollte. Dabei erinnerten sich Berthe und Ferdinand Hodler wieder an ihre Wiener Zeit und die Begegnungen mit der damals eben erst gegründeten Wiener Werkstätte. 1904 waren sie privat in der neu errichteten Villa des Grossindustriellen Friedrich Viktor Spitzer in der Künstlerkolonie «Hohe Warte» in Wien-Döbling einquartiert. Hier hatten sie erstmals die Architektur von Josef Hoffmann und die Designwelt der damals neu gegründeten Wiener Werkstätte aus nächster Nähe kennengelernt.

Josef Hoffmann wurde mit der Gestaltung der Empfangsräume beauftragt und entwarf nicht nur das Mobiliar, sondern liess auch architektonische Details der Wohnung am Quai du Mont-Blanc ändern. Nebst dem Mobiliar präsentiert die Ausstellung im Kunsthaus zahlreiche von Hoffmann für die Hodlersche Wohnung entworfene Gebrauchsgegenstände wie Tischuhr, Lüster, Blumensäule, Schränke und Sitzmöbel.

Dagobert Peche und die Wiener Werkstätte in Zürich
Die Hodler-Wohnung wurde zu einem wichtigen Werbeträger der Wiener Werkstätte in der Schweiz. Vor allem als diese 1917 eine eigene Niederlassung in der damals kriegsneutralen Eidgenossenschaft eröffnete. In der Ausstellung des Kunsthaus Zürich sind sowohl radikale Frühwerke der Wiener Werkstätte aus den Anfangsjahren als auch aus der Zeit der Zürcher Niederlassung zu sehen. Zum einen wird dadurch die Bedeutung der Wiener Werkstätte als Österreichs vielleicht wichtigster Beitrag zur Designgeschichte des 20. Jahrhunderts deutlich. Zum anderen wird die Vielfalt sichtbar: von den frühen provokant geometrisch-abstrakten Entwürfen zu den verspielten Werken von Dagobert Peche. Ab 1915 fester Mitarbeiter der Werkstätte, leitete er deren Niederlassung in Zürich von ihrer Eröffnung 1917 bis zu ihrer Schliessung 1919. Er gestaltete das Verkaufslokal in der Bahnhofstrasse zusammen mit Josef Hoffmann und beschritt gewagte neue Wege der Produktpositionierung. In Zürich konnte er, ungehindert der in Österreich schon spürbaren Kriegseinschränkungen, seiner entwerferischen Fantasie nachgehen. Indem er die Formel von «form follows function» auf den Kopf stellte und die Zierform über die Zweckform stellte, vollzog er den Übergang vom Jugendstil zum Art Déco, wie die zahlreichen in Zürich entstandenen Entwürfe in der aktuellen Ausstellung eindrucksvoll zeigen. Die zahlreichen Exponate – vom Entwurf bis hin zum fertigen Objekt – spannen einen Bogen über Mobiliar, Gebrauchsgegenstände zu Schmuck und Textilien von erstaunlicher Vielfalt und grosser Anziehungskraft. (Kunsthaus Zürich/mc/ps)

Kunsthaus Zürich

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