WM der Märkte: Brasilien und Südkorea sind die Favoriten, die viele Anleger übersehen

WM der Märkte: Brasilien und Südkorea sind die Favoriten, die viele Anleger übersehen
Martin Bechtloff, VP ETF Distribution Deutschland und Österreich, Franklin Templeton. (Bild: Franklin Templeton)

Von Martin Bechtloff, VP ETF Distribution Deutschland und Österreich, Franklin Templeton

Bei einer Fussball-WM schauen alle zuerst auf die grossen Namen: Brasilien, Argentinien, Frankreich, England. An den Börsen ist es ähnlich. Die Favoriten heissen USA, Big Tech, Nvidia, Indien oder China. Doch manchmal liegt die spannendere Wette nicht beim offensichtlichen Sieger, sondern bei den Teams, die perfekt zur neuen Spielordnung passen.

Für Anleger könnten das derzeit Brasilien und Südkorea sein. Beide gelten noch als Emerging Markets. Aber eigentlich spielen sie völlig unterschiedliche Rollen: Brasilien ist der Rohstoff- und Agrar-Champion. Südkorea ist der KI-Zulieferer, den viele erst spät entdeckt haben.

Der Schatz, der noch nicht gehoben ist: Brasilien besitzt 20 % der weltweiten Reserven an Seltenen Erden
Brasilien hat seit der Jahrtausendwende real nur rund 60 Prozent Wirtschaftswachstum geschafft. Indien kam im selben Zeitraum auf mehr als 300 Prozent, China sogar auf über 500 Prozent. Auf den ersten Blick sieht Brasilien also nicht wie ein Wachstumsstar aus. Trotzdem wird das Land für Anleger wieder interessanter. Die Arbeitslosigkeit liegt auf einem Mehrjahrestief, die Durchschnittslöhne auf Rekordhoch, die Inflation hat nachgelassen. Dadurch konnte die Notenbank mit Zinssenkungen beginnen. Für den Aktienmarkt ist das wichtig: Finanzwerte machen knapp 30 Prozent des brasilianischen Index aus. Sinkende Zinsen können Kredite, Konsum und Investitionen anschieben.

Der brasilianische Aktienmarkt hat darauf bereits reagiert: Der FTSE Brazil Index legte im laufenden Jahr in Euro gerechnet rund 20 Prozent zu. Der spannendste Brasilien-Fact liegt aber in der Geopolitik. 2025 gingen fast 80 Prozent der brasilianischen Sojaexporte nach China. Umgekehrt deckt China rund 75 Prozent seines Sojabedarfs aus Brasilien. Brasilien springt also genau dort ein, wo sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China in Lieferketten frisst. Auch bei Baumwolle hat Brasilien die USA überholt und ist inzwischen weltgrösster Baumwollexporteur. Dazu kommt Energie: Brasilien zählt zu den grossen Ölproduzenten und wird in einer unsicheren Welt als demokratischer Rohstoff- und Energiepartner wertvoller.

Ein besonders überraschender Punkt: Brasilien besitzt rund 20 Prozent der weltweiten Reserven an Seltenen Erden, produziert aber nur etwa 1 Prozent des globalen Outputs. Das ist Chance und Schwäche zugleich. Die Rohstoffe sind da, aber die Wertschöpfung fehlt. Bei Seltenen Erden liegt das grosse Geld nicht nur im Abbau, sondern in Verarbeitung, Trennung und Raffination. Genau dort dominiert China.

Für Anleger heisst das: Brasilien ist kein fertiger Champion, sondern eher ein Team mit riesigem Talentpool. Entscheidend wird sein, ob das Land seine Rohstoffe künftig stärker selbst verarbeitet.

Südkorea: Der KI-Favorit im Schatten von Nvidia
Südkorea ist das Gegenstück zu Brasilien. Hier geht es nicht um Soja, Öl oder Seltene Erden, sondern um Speicherchips, Halbleiter und künstliche Intelligenz. Der Markt ist bereits stark gelaufen: Südkorea legte in den vergangenen zwölf Monaten rund 100 Prozent zu. Besonders spektakulär war SK Hynix mit einem Plus von etwa 500 Prozent. Zusammen mit Samsung macht SK Hynix rund 60 Prozent des Korea-Index aus.

Das klingt riskant, zeigt aber auch, worum es bei Südkorea geht: Wer diesen Markt kauft, setzt stark auf die Infrastruktur des KI-Booms. Samsung und SK Hynix gehören bei HBM-Speichern zu den Schlüsselunternehmen. HBM steht für High Bandwidth Memory – eine Speichertechnologie, die für KI-Rechenzentren extrem wichtig ist, weil sie deutlich höhere Datenbandbreiten ermöglicht als klassischer Arbeitsspeicher.

Viele Anleger kennen Nvidia. Viele kennen TSMC. Aber ohne Speicherchips läuft der KI-Boom nicht. Genau hier liegt Südkoreas Stärke.

Was beide Märkte im Portfolio leisten können
Der grösste Denkfehler wäre, Brasilien und Südkorea einfach unter „Emerging Markets“ abzulegen. Brasilien ist eher ein Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Währungsbaustein. Südkorea ist ein Hightech- und KI-Baustein.

Wer nur den MSCI World hält, hat beide Themen kaum im Depot. Im breiteren FTSE All-World liegt der Emerging-Markets-Anteil bei rund 10 bis 12 Prozent. Südkorea macht darin knapp 2 Prozent aus, Brasilien weniger als 1 Prozent. Gleichzeitig stammen heute mehr als 50 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums aus Schwellenländern. Das Missverhältnis ist auffällig.

Fazit: Die zweite Reihe kann spielentscheidend sein
Brasilien und Südkorea sind keine risikolosen Investments. Brasilien bleibt abhängig von Rohstoffpreisen, China und Politik. Südkorea ist stark auf wenige Tech-Konzerne konzentriert und anfällig für Korrekturen nach der KI-Rally. Aber beide Länder bieten etwas, das viele Standardportfolios nicht haben: Brasilien liefert Zugang zur realen Welt aus Rohstoffen, Energie und Agrarhandel. Südkorea liefert Zugang zur technischen Infrastruktur der KI-Welt. Bei einer WM gewinnt nicht immer das Team mit dem lautesten Namen. Manchmal gewinnt das Team, das taktisch am besten zur Lage passt. Für Anleger könnten Brasilien und Südkorea genau solche unterschätzten Favoriten sein.

Franklin Templeton

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