Landschaft entsteht im Kopf und im Dialog
Basel – Wie nehmen wir unsere Umgebung wahr und nach welchen Kriterien bewerten wir sie? Dazu forscht die Philosophin Antonietta Di Giulio. Im Interview erklärt sie, wie unterschiedliche Landschaftsbilder zu Konflikten führen können und wie die Politik diesen begegnen kann.
Von Noëmi Kern, Universität Basel
Frau Di Giulio, schöne Landschaften beeinflussen mitunter die Wahl des Reiseziels oder des Wochenendprogramms. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Landschaft sprechen?
Antonietta Di Giulio: Wenn wir von Landschaft sprechen, denken wir meist nur an die Natur, die wir sehen. Aber Siedlungsräume sind auch Landschaften. Das geht oft vergessen. Und Landschaft ist nicht einfach da, sondern wird von Menschen erschaffen und gestaltet. Zu einer Landschaft gehören sichtbare, physische Elemente wie Berge, Strassen oder Häuser, aber auch Unsichtbares wie Erinnerungen, Emotionen, historische Ereignisse und die Möglichkeiten, die wir mit einem bestimmten Ort verbinden. Wir gestalten und schaffen Landschaft also nicht nur physisch-materiell, sondern auch im Denken und Reden. Entscheidend ist, wie wir die verschiedenen Elemente wahrnehmen. Das prägt das Verständnis einer Landschaft. Ist zum Beispiel eine Strasse Teil davon oder stört sie?
Was macht einen Raum zur Landschaft?
Das hat viel mit gesellschaftlichen Vorstellungen zu tun, die sich auch wandeln können. Solche Vorstellungen von Landschaft bezeichnen wir in der Forschung als Landschaftsnarrative. Diese haben drei Dimensionen: Was gehört zu einer Landschaft? Welche Leistungen erbringt diese? Und welche Geschichte erzählt sie? Narrative machen aus einem «space», einem Raum, einen «place», einen Ort. Gesellschaftliche Entwicklungen verändern auch die Narrative. Neben den gesellschaftlichen Narrativen gibt es auch individuelle, die sich gegenseitig beeinflussen.

«Es kann als Verlust von Geschichte oder Identität wahrgenommen werden, wenn beispielsweise bestimmte Gebäude verschwinden oder ein bestimmter Baum gefällt wird.»
Dr. Antonietta Di Giulio
Was muss man sich unter individuellen Narrativen vorstellen?
Wir alle entwickeln unsere eigenen Vorstellungen davon, was zu einer Landschaft gehört, welche Geschichte sie erzählt und welche Funktionen sie erfüllen soll.
Die eigene Herkunft, der Alltag, der Beruf und persönliche Erfahrungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Entsprechend kann es als Verlust von Geschichte oder Identität wahrgenommen werden, wenn beispielsweise bestimmte Gebäude verschwinden oder ein bestimmter Baum gefällt wird. Landschaft ist immer auch emotional geprägt.
Bei der Diskussion, ob und wo Solaranlagen und Windräder stehen sollen, um die Energiewende voranzubringen stehen sich Ziele wie Landschaftsschutz, Umweltschutz, Naturschutz gegenüber. Nicht alle verstehen darunter dasselbe…
Genau. Bei erneuerbaren Energien prallen oft unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Wer Landschaft als unberührte Natur versteht, empfindet Windräder oder Solaranlagen als störend. Wer Landschaft dagegen als einen vom Menschen gestalteten und genutzten Raum begreift, sieht darin Ausdruck von Innovation und Fortschritt. Die Energiewende verändert deshalb auch die Vorstellungen davon, wie eine Landschaft aussehen und was sie leisten soll. Inzwischen gehören Solaranlagen und Windräder vielerorts zum Landschaftsbild und es kommt zu einem Gewöhnungseffekt – und möglicherweise zu einer Veränderung von Landschaftsnarrativen.
Welche Landschaftsnarrative sind derzeit in der Schweiz besonders wirkmächtig?
Zwei Narrative sind besonders stark, weil sie auch mit der nationalen Identität verknüpft und deshalb besonders weit verbreitet sind: Zum einen die Vorstellung der ungezähmten alpinen Landschaft, die den Charakter der Schweiz präge. Zum anderen die Idee, dass die Schweizer Landschaft grundsätzlich ländlich sei und vor Verstädterung geschützt werden müsse. Diese Bilder sind gesellschaftlich sehr präsent und werden auch in der Werbung und in nationalen Selbstdarstellungen immer wieder reproduziert. Während Bilder von Bergen, Kühen oder ländlicher Idylle oft verwendet werden, wenn es um «Swissness» geht, sind urbane oder industrielle Räume weniger sichtbar. Dadurch entsteht auch die Frage, wer sich in den verbreiteten Bildern und Narrativen überhaupt wiederfindet und wer und was ausgeschlossen wird.
«Während es viele Narrative zu Berglandschaften gibt, sprechen wir jedoch kaum von diesen Siedlungslandschaften.»
Wie meinen Sie das?
Ich mache ein Beispiel: Wenn wir Landschaft als unberührte Natur begreifen, klammern wir einen grossen Teil dessen aus, was unseren Alltag ausmacht. In der Schweiz leben die meisten Menschen in kleinen Städten oder im Einzugsgebiet grösserer Städte, gemeinhin als Agglomeration bezeichnet.
Während es viele Narrative zu Berglandschaften gibt, sprechen wir jedoch kaum von diesen Siedlungslandschaften oder sie werden eben als Bedrohung für die Natur inszeniert. Es gibt auch kaum wissenschaftliche Untersuchungen zu städtischen und stadtnahen Landschaften und zu den Narrativen, die diese betreffen. Das finde ich höchst bedauerlich. Diese Räume einzuschliessen, wäre wichtig.
Unterscheiden sich Landschaftsnarrative in verschiedenen Bevölkerungsgruppen oder Regionen?
Ja, sehr stark sogar. Besonders spannend ist der Unterschied zwischen Menschen, die in einer bestimmten Landschaft leben, und jenen, die von aussen darauf blicken: So haben Menschen aus Städten oft andere Narrative über alpine Regionen als jene, die dort leben und ihr Auskommen finden müssen. Aus den unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen ergeben sich andere Antworten auf Fragen zum Wolf, zum Naturschutz oder zum Tourismus, und es entstehen Debatten, die zu politischen Aushandlungsprozessen oder gar Konflikten führen.
«Es geht nicht darum, wer recht hat; Landschaftsnarrative sind unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Realität.»
Wie soll die Politik diesen unterschiedlichen Bedürfnissen begegnen?
Konkurrenz zwischen Narrativen ist der Normalfall, denn die unterschiedlichen Narrative sind bisweilen schwierig miteinander zu vereinbaren. Es geht nicht darum, wer recht hat; Landschaftsnarrative sind unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Realität. Dies gilt es anzuerkennen.
Die Politik muss zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorstellungen vermitteln und gleichzeitig reflektieren und offenlegen, welche Narrative in der Landschaftsgestaltung sie fördert. Dabei spielen natürlich nicht nur Narrative eine Rolle, sondern auch praktische Fragen und andere Themen wie der Wohnraum, die Infrastruktur oder Umweltaspekte.
Welchen Rat geben Sie politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern im Umgang mit Landschaftsnarrativen?
Politik sollte sich bewusst sein, dass jede Entscheidung bestimmte Narrative stärkt und andere schwächt. Aus meiner Sicht ist es deshalb wichtig, möglichst viele Perspektiven einzubeziehen und bewusst abzuwägen, welche Auswirkungen Entscheidungen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und deren Selbstverständnis haben. Es geht nicht darum, es allen recht zu machen, sondern respektvoll mit dieser Vielfalt umzugehen.
Über das Forschungsprojekt
Die Studie von Antonietta Di Giulio und Rico Defila (ebenfalls Universität Basel) ist im Rahmen des Projekts «Landschaftsqualität im Licht gesellschaftlicher Narrative» entstanden, das vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) gefördert wurde. Sie präsentiert Ziele, methodisches Vorgehen und Ergebnisse des Projekts. Dieses ging davon aus, dass Landschaftsqualität keine ‹objektive Grösse› ist, sondern das Resultat gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Das Projekt stellte gesellschaftliche Landschaftsnarrative zusammen, die auch in der Schweiz von Bedeutung sein dürften. Aus den Erkenntnissen entstanden Empfehlungen, wie Landschaftspolitik und -entwicklung mit gesellschaftlichen Landschaftsnarrativen umgehen kann. Sie richten sich an staatliche und an andere gesellschaftliche Akteure, die landschaftsbezogene Konzepte, Szenarien, Strategien und Massnahmen entwickeln und/oder umzusetzen.
Originalpublikation
Di Giulio, Antonietta; Defila, Rico
Landschaftsqualität im Licht gesellschaftlicher Narrative.
Universität Basel (2025), doi: 10.5451/unibas-uv265334