Axiom: Europas Banken vor der nächsten Konsolidierungswelle

Axiom: Europas Banken vor der nächsten Konsolidierungswelle
David Benamou, Managing Partner & CIO bei Axiom Alternative Investments. (Foto: Axiom)

Von David Benamou, Managing Partner & CIO bei Axiom Alternative Investments

Seit mehr als fünf Jahren legen die europäischen Banken Quartal für Quartal ausgezeichnete Ergebnisse vor. Auch an der Börse spiegelt sich diese Entwicklung wider: Europäische Bankaktien haben ihre starke Entwicklung der vergangenen Jahre 2026 fortgesetzt. Doch das derzeit interessanteste Signal kommt nicht allein vom Aktienmarkt, sondern vom Kreditmarkt.

Die Kursentwicklung der Bankaktien ist Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels im europäischen Bankensektor. Die Institute sind besser kapitalisiert, profitabler und disziplinierter im Risikomanagement. Vor allem können sie sich heute deutlich günstiger refinanzieren. Diese Verbesserung schlägt sich zunehmend auch in den Kreditratings nieder.

Eine Welle von Rating-Hochstufungen
Der Wandel des Sektors hat eine bemerkenswerte Reihe von Ratingverbesserungen ausgelöst. Im Jahr 2025 stufte Fitch weltweit 131 Banken hoch, gegenüber lediglich 28 Herabstufungen. Das entspricht einem Verhältnis von beinahe fünf zu eins.

In Europa erhöhte Moody’s im Zuge der regulatorischen Weiterentwicklung des europäischen Krisenmanagement- und Einlagensicherungsrahmens (CMDI) zudem die Einlagenratings von 47 Banken und verbesserte den Ausblick für 14 weitere Institute. Auch die Europäische Zentralbank bestätigt den positiven Trend: Gemäss dem aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess SREP 2025 verbesserte sich der Score bei 25 Prozent der Banken, während er sich bei lediglich 9 Prozent verschlechterte.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei nachrangigen Finanzanleihen, insbesondere bei AT1- und Tier-2-Instrumenten. Dieser Teil der Kapitalstruktur galt lange als komplex und risikoreich. Heute profitiert er von einem wesentlich günstigeren Umfeld: stärkeren Bilanzen, hoher Profitabilität, robuster Aktivaqualität und einer strengeren Aufsicht.

Auch einzelne auf nachrangige Bankanleihen spezialisierte Strategien profitieren von dieser Neubewertung des Sektors. Die Banken können sich heute entlang ihrer gesamten Kapitalstruktur günstiger finanzieren.

Die Voraussetzungen für eine Konsolidierung sind gegeben
Die sinkenden Finanzierungskosten verändern die Ausgangslage grundlegend. Verfügen Banken über solide Kapitalquoten, eine hohe Profitabilität und günstigere Refinanzierungsbedingungen, sind die finanziellen Voraussetzungen für eine beschleunigte Konsolidierung des Sektors erfüllt.

Fusionen und Übernahmen dürften deshalb in den kommenden Jahren zu den wichtigsten Treibern des Wandels im europäischen Bankensektor gehören. Besonders deutlich zeigt sich die neue Konsolidierungsdynamik im Übernahmekampf um die Commerzbank durch UniCredit. Auch auf lokaler Ebene kommt es zu Zusammenschlüssen – in der Schweiz beispielsweise zwischen Gonet & Cie und ONE swiss bank.

Trotz regelmässiger Transaktionen kommt die Konsolidierung jedoch nur schleppend voran. Ein Bankenzusammenschluss ist in Europa nie ausschliesslich eine Frage der Bewertung, möglicher Synergien oder der industriellen Logik. Er stösst zugleich auf regulatorische Hindernisse, nationale Sonderregelungen und ausgeprägte lokale Interessen.

Europa bleibt zu stark fragmentiert
Die Fragmentierung des europäischen Bankensektors ist nach wie vor stark. Steuervorschriften werden weiterhin auf nationaler Ebene festgelegt, die Einlagensicherungssysteme sind nicht vollständig harmonisiert, und lokale regulatorische Wahlrechte bestehen fort. Auch der freie Transfer von Kapital und Liquidität innerhalb grenzüberschreitend tätiger Bankengruppen ist noch nicht vollständig gewährleistet.

Hinzu kommt eine politische Dimension. In vielen Ländern gelten Banken weiterhin als strategische Institutionen, teilweise beinahe als Teil der nationalen Infrastruktur. Die Entstehung grosser grenzüberschreitender Bankengruppen stösst deshalb auf Widerstand – selbst wenn die finanziellen und industriellen Argumente überzeugen.

Darin liegt der zentrale Widerspruch: Die finanziellen Bedingungen sprechen für eine Konsolidierung, der institutionelle Rahmen in Europa hingegen noch nicht uneingeschränkt. Kapitalausstattung, Profitabilität und Finanzierungskosten sind günstig. Die regulatorischen und politischen Hürden bleiben jedoch hoch.

Das amerikanische Vorbild der 1990er-Jahre
Ein Blick in die Vereinigten Staaten zeigt, wie stark der Abbau regulatorischer Hindernisse einen Bankensektor verändern kann. Auch das US-Bankensystem war historisch äusserst fragmentiert. Der McFadden Act von 1927 schränkte die Errichtung von Bankfilialen über die Grenzen einzelner Bundesstaaten hinweg stark ein. Gleichzeitig unterschieden sich die Vorschriften von Bundesstaat zu Bundesstaat erheblich. Das Ergebnis war eine Landschaft mit Tausenden kleiner lokaler und regionaler Banken.

Unter Präsident Bill Clinton veränderten zwei Gesetze die Situation in zwei Etappen. Der Riegle-Neal Act von 1994 beseitigte einen grossen Teil der bundesstaatlichen Barrieren und ermöglichte es Banken, landesweit zu expandieren. Der Gramm-Leach-Bliley Act von 1999 hob anschliessend mehrere Beschränkungen aus dem Glass-Steagall Act auf und ebnete damit den Weg für Zusammenschlüsse zwischen Geschäftsbanken, Investmentbanken und Versicherungen.

In der Folge ging die Zahl der Institute deutlich zurück, während grosse Finanzgruppen entstanden, die auf kontinentaler Ebene tätig sein konnten. Dieses Beispiel ist auch für das heutige Europa relevant: Fallen regulatorische Barrieren, kann die Konsolidierung eine erhebliche Dynamik entwickeln.

Auf dem Weg zu einem «europäischen Riegle-Neal Act»?
Europa befindet sich heute in mancher Hinsicht in einer ähnlichen Lage wie die Vereinigten Staaten vor 1994. Der Bankenmarkt bleibt durch unterschiedliche nationale Vorschriften fragmentiert – sei es bei der Besteuerung, der Einlagensicherung, regulatorischen Wahlrechten oder dem Transfer von Kapital und Liquidität.

Mit der Bankenunion, der einheitlichen Aufsicht durch die EZB und den Bemühungen um regulatorische Harmonisierung bewegt sich Europa bereits in Richtung eines «europäischen Riegle-Neal Act». Um die Konsolidierung tatsächlich zu beschleunigen, sind jedoch weitere Schritte nötig: Fortschritte bei einem europäischen Einlagensicherungssystem, weniger nationale Ausnahmeregelungen sowie ein erleichterter Kapital- und Liquiditätstransfer innerhalb grenzüberschreitender Bankengruppen.

Werden diese Hindernisse abgebaut, könnte die Konsolidierung eine neue Dimension erreichen. Die Erfahrung der USA zeigt, dass ein homogenerer regulatorischer Rahmen in Verbindung mit günstigen Finanzierungskosten und solider Profitabilität einen starken und nachhaltigen Konsolidierungsprozess auslösen kann.

Ein struktureller Wandel
Der europäische Bankensektor hat sich grundlegend verändert. Die Fundamentaldaten sind solide, die Ratings verbessern sich, und die Konsolidierung dürfte weiter voranschreiten. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine günstige Phase im Konjunkturzyklus, sondern um einen strukturellen Wandel.

Für Anleger ergeben sich daraus Chancen sowohl bei Bankaktien als auch bei Finanzanleihen. Das Risiko-Rendite-Profil des Sektors hat sich gegenüber dem vergangenen Jahrzehnt deutlich verbessert.

Die nächste Entwicklungsphase wird weniger von einzelnen Quartalsergebnissen abhängen als von der Fähigkeit Europas, seine internen Barrieren abzubauen. Der Kreditmarkt sendet bereits ein klares Signal: Der europäische Bankensektor ist in eine neue Phase seiner Transformation eingetreten. (Axiom Alternative Investments/mc/ps)

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