Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Alles hat seinen Preis

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Das Internet oder besser die Digitalisierung hat unser Leben ganz klar und irreversibel geändert. Das Verrückte daran ist, dass viele Menschen heute das gar nicht richtig wahrnehmen, weil sie nichts anderes kannten. Höchstens die Älteren unter uns haben die markante Veränderung des gesellschaftlichen Alltags in den letzten Jahren am eigenen Leib mitverfolgt, weil miterlebt. Die Generation Z hingegen kennt nichts anderes, ist mit dem Internet aufgewachsen. Es ist für sie völlig selbstverständlich, dass man dort gratis rund um die Uhr surfen kann.

von Martin Neff – Chefökonom Raiffeisen

Von wegen «alles hat seinen Preis». Dass aber «Freemium» das Geschäftsmodell der Internetgiganten ist, haben nur die wenigsten begriffen. «Freemium» heisst nichts anders, als dass zwar vieles gratis, aber gewisse Dienste dafür extra kosten. Dienste, auf die man nicht verzichten will, weil man zum Beispiel beim «Gamen» schneller Fortschritte erzielen kann, indem man gewisse Levels kauft. Oder dass man auf YouTube Dienste in Anspruch nehmen kann, die sonst gesperrt sind oder auch nur einfach die mühsame Werbung ausblendet. Gratis, das wussten schon meine Eltern ist auf einer Welt, die vom Kapitalismus regiert wird, gar nix. Etwas verschenken will schliesslich niemand, der auf Profit aus ist und Altruismus ist im Internet noch kaum verbreitet.

Natürlich gibt es Wikipedia und andere Plattformen, die einem enorm viel ermöglichen oder Wissen allen zugänglich macht, aber gerade Wikipedia ist ein gutes Beispiel dafür, dass es schwer ist, auf die Gunst der Nutzer zu setzen und auf Spenden zu hoffen. Nur dank Idealismus einiger weniger, dies gemessen an der Zahl Nutzer, kann diese einzigartige Plattform letztlich überleben. Fragt sich wie lange noch.

In der ökonomischen Theorie gibt es sogenannt freie Güter. Sie sind definiert als Güter, für die kein Preis erhoben wird, weil sie in Fülle vorhanden sind. Ich lernte einmal, dass Wasser oder Luft dazu gehörten – etwas weltfremd heute. Die Kriterien für das gratis: es hat genug davon und mein Konsum des Gutes schränkt denjenigen anderer Nutzer nicht ein. Letzteres nennt sich in der Ökonomensprache Nichtrivalität des Konsums. Bei privaten Gütern ist das anders. Hier gilt das Ausschlussprinzip. Ich allein kann das erworbene Produkt oder die Dienstleitung nutzen.

Wenn ich ein T-Shirt erwerbe, kann nur ich das nutzen, und das hat seinen Preis. Dank Globalisierung ist dieser Preis aber über die letzten dreissig Jahre kontinuierlich gesunken. Das T-Shirt kostet heute fünf Franken, wenn überhaupt, wird aber unter Bedingungen gefertigt, die höchst fragwürdig sind. Oder sagen wir’s so: nachhaltig, um eine heute alltägliche Floskel zu bemühen, ist der globale Handel sicher nicht. Wenn der Bedarf hoch ist, das Angebot aber knapp, gibt es zwei Varianten. Entweder der Preis steigt ins Unermessliche, wie z.B. ein Flug ins All, oder der Markt wird reguliert, beispielsweise durch die öffentliche Hand, damit Geringverdienende auch noch ein Stück des Kuchens abbekommen.

Doch vergessen wir die Theorie, sie entwickelt sich ohnehin viel langsamer als unsere schnelllebigen Märkte. Fakt ist jedoch, dass die heutige politische Praxis sämtliche Marktsignale ausser Kraft zu setzen versucht. Aktuell mehr denn je. Der Krieg tobt in der Ukraine und schlägt gemeinsam mit den globalen Lieferengpässen auf den Preis, der schmerzhaft steigt. Etwa bei Gas oder Öl. Nun müsste per se die Nachfrage abnehmen, aber dies wird politisch verhindert, indem Alles unternommen wird, um den Konsumenten zu ermöglichen, ihre gewohnten Verhaltensmuster beizubehalten. Wir müssen schliesslich mobil sein und unsere Gaslager möglichst gefüllt, bevor der Winter hereinbricht. Dabei wäre der Preis der einzige Faktor, der die Nachfrage eindämmen könnte. Wir reden zwar alle von der globalen Erwärmung, sehnen uns im Grunde nach dem Ende des fossilen Zeitalters, doch bitte nicht so plötzlich und schon gar nicht jetzt, da ohnehin schon Ausnahmezustand herrscht.

Ich werde den Gedanken nicht los, dass wir in einer Vollkasko-Ära leben, in der der Staat überall einspringt, wo Not am Mann ist. Notabene rede ich hier von den sogenannt hochentwickelten Volkswirtschaften. Wenn die Banken über die Stränge schlagen, rettet sie der Staat. Wenn Corona tobt, kriegen wir finanzielle Zuwendungen, damit das Karussell weiterdrehen kann. Und wenn der Benzinpreis steigt, muss uns der liebe Staat unter die Arme greifen, damit wir unverzagt weiterfahren können. Ich habe mal gelernt, der Markt sorge effizient für das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, und der Staat habe «lediglich» Härten oder Ineffizienzen abzudämpfen. Mittlerweile hat der Staat aber überall seine Finger drin. Mit Staat meine ich nicht nur die Fiskal-, sondern im Besonderen auch die Geldpolitik.

Wenn Italien etwa über seine Verhältnisse lebt, hält die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen künstlich tief und schaltet somit die Signale des Marktes aus. Würden sie lieber Deutschland oder Italien Geld leihen? Schon auch Italien, nicht wahr, aber wenn, dann für einiges mehr Zins bitte. Nicht dass ich dem Markt alles zutrauen würde, aber es hat doch alles seinen Preis. Das Tragische ist, dass der Markt leider nur noch dort wie im Lehrbuch funktioniert, wo kein Staat einspringt. In Entwicklungsländern etwa, wo oben beschriebene Härten zu einem exorbitanten Anstieg der Nahrungsmittelpreise führen, sorgt er für eine Eindämmung der Nachfrage, in dem Menschen verhungern, während wir uns um unsere Gasvorräte kümmern. Die Globalisierung hat so ihren Preis. Statt dass wir den Gürtel enger schnallen, lassen wir lieber andere verhungern. Die Rivalität des Konsums funktioniert hier einwandfrei.

Alle im Speckgürtel der Welt reden von Krise(n). Dabei haben sie eigentlich noch nie eine erlebt. Denn sobald es eng wird, kommen Geldhüter und Finanzministerien und verteilen Schecks. Geld für die, die es nicht brauchen und Schecks für die Bedürftigen, wobei diese Schecks nicht gedeckt sind, weil die Staaten längst nichts mehr von seriöser Haushaltsführung halten. Neue Schulden machen heisst darum heute Sondervermögen, eine wunderbare deutsche Wortprägung, denn sie suggeriert Reichtum, obwohl man klamm ist. Und Generation Z wächst mit dem Gefühl auf, dass das normal ist. Alle gratis, wie im Internet. Auch hierzulande lebt man auf Pump.

Kleinkredite, geleaste Fahrzeuge nur minimal amortisierte Hypotheken, der Schuldenberg wächst ins Unermessliche, weil dies der einzige Weg ist, das Rad in Schwung zu halten. Und aus Sicht der Exekutive: wieder gewählt zu werden. Weniger, nicht mehr, wäre angezeigt, aber wir befinden uns längst in einer Wachstums-Schuldenfalle. In der verdienen sich Spekulanten eine goldene Nase, während der Wirt dieser Schmarotzer die Schulden nicht mehr begleichen kann. Nicht nur Quantität hat ihren Preis, auch Nachhaltigkeit kostet, es sei denn es sind nur Worthülsen. Die unschuldig bis unters Dach verschuldete Generation Z sollte endlich mal ihr Handy bei Seite legen und uns gründlich die Leviten lesen, denn meine Generation hat das verbockt. Freie Güter gibt’s schon längst nicht mehr, Knappheit ist der neue Alltag, aber Verzicht hat eben auch ihren Preis, weshalb wir lieber weiter machen wie bisher.

Ich verabschiede mich mit diesen Gedanken in die Ferien. Zwei Wochen Urlaub, nicht puritanisch, aber im Wissen, dass alles seinen Preis hat, vor allem Fleiss. Sie lesen wieder von mir – einen schönen Sommer weiterhin!

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