Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Blöde Siegel

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Warum ist es nur so heiss in den Städten und wieso schwemmt es gleich weltweit Leute aus ihren Häusern, werden ganze Strassenzüge Opfer der Fluten und brennt es andernorts lichterloh? Die Diagnose scheint relativ eindeutig. Alles deutet darauf hin, dass der menschengemachte Klimawandel immer mehr Wetterextreme produziert, da die globale Erderwärmung allen Mühen zum Trotz weiter zunimmt. Der Weltklimarat (IPCC) kommt in einem eben vorgelegten breit recherchierten Bericht zum Schluss, dass schon bald Land unter sein könnte.

Die Erde werde sich bei der derzeitigen Entwicklung bereits gegen 2030 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmen – und damit zehn Jahre früher als noch 2018 prognostiziert, heisst es in dem in Genf veröffentlichten Bericht. Die Wetterextreme, alle zehn Jahre Extremhitze anstatt wie bisher alle fünfzig Jahre, extreme Tropenstürme, mehr Regen und Schnee sowie Dürren. Das ist nicht Science-Fiction, sondern das, was wir derzeit rund um den Erdball ja schon beobachten können. Das Klima spielt verrückt, nicht nur hierzulande und auch nicht nur im laufenden Jahr, sondern schon seit längerem. Der Bericht des IPCC ist der letzte Weckruf für die Politik. Aber natürlich auch an uns alle, die noch immer viel zu stark vom Erdöl abhängen. Es braucht eine drastische Reduktion der CO2- und anderer Treibhausgasemissionen.

Wasser ist dagegen eine noch grössere Macht, welche das Erdöl losgelassen hat. Wasser sucht und findet bekanntlich immer einen Weg. Die zum Teil skurril gewundenen Flussläufe der Erde zeigen dies eindrücklich. Und wer in den Bergen unterwegs ist weiss, welche Wassermassen Tag für Tag ins Tal niederpreschen. Im niederschlagsreichen Sommer 2021 hatten wir mit Überschwemmungen zu kämpfen. Die Wassermassen bahnten sich für einmal Wege, die vom Menschen gar nicht für sie vorgesehen waren. In Zürich etwa, als die Kanalisation kein Wasser mehr aufnehmen konnte und so Teile der Stadt unter Wasser standen. So hat sich Zürich seine Schwammstadt nicht vorgestellt. «Die Schwammstadt oder (englisch) Sponge City ist – wie in Wikipedia nachzulesen ist – ein Konzept der Stadtplanung, anfallendes Regenwasser in Städten lokal aufzunehmen und zu speichern, anstatt es lediglich zu kanalisieren und abzuleiten. Dadurch sollen Überflutungen bei Starkregenereignissen vermieden, das Stadtklima verbessert und die Gesundheit von Stadtbäumen gefördert werden.»

Es steht ausser Frage, dass ein solches Konzept nur Vorteile bringt, doch funktioniert es auch nur dort, wo die Behörden ein Auge draufhaben. Noch immer werden viel zu viele Flächen versiegelt, asphaltiert oder zubetoniert, obwohl es andere Lösungen mit lockerem Untergrund gäbe, welcher zwei entscheidende Vorteile mit sich bringt. Er speichert erstens Wasser, was Hochwasser verhindern kann und er spendet zweitens im Sommer etwas Kühle, anstatt nur die Hitze zu reflektieren wie ein asphaltierter Platz ohne Bäume. Es steht ausser Frage, dass es für jede neue Überbauung klare Auflagen braucht, um letzteres in Zukunft zu verhindern. Das Ziel müsste sein, dass die Ortstemperatur durch die Überbauung tendenziell zurückgeht – auf keinen Fall darf sie steigen – und dass in die Kanalisation kein neues Wasser zugeleitet werden darf. Nur wenn private Investoren mitziehen, kann eine Schwammstadt Wirklichkeit werden.

Es wird nicht ohne die Industrie gehen. Denn ohne zusätzliche Innovationen, welche unsere Erdölabhängigkeit endlich beenden helfen, kriegen wir die Kurve nicht mehr. Und diese Innovationen gilt es gezielt anzukurbeln. Der fossile Alptraum ist mindestens so schlimm wie der über Corona. Es gilt, ihn ein für alle Mal zu verbannen. Weltweit, so wie bei Corona. Wo es geklappt hat, in nie zuvor dagewesenen Tempo Impfstoffe herzustellen, weil Unternehmen grenzüberschreitend kooperierend zu Innovationstreibern erster Güte wurden, muss doch auch die Umwelttechnologie in diese Rolle schlüpfen können.

An Mittel darf es da nicht fehlen, auch solchen vom Staat. Hier gilt es nun wirklich zu klotzen, anstatt zu kleckern. Wenn ich mir nun aber die Reaktionen weltweit zu diesem erschütternden IPCC-Bericht anschaue, keimt Hoffnung auf. Denn die Reaktionen waren unisono: «Es ist schlimm und dringend.» Na wieso dann nicht mal wieder ein autofreies Wochenende? Das wäre nun doch wieder etwas zu viel! Genau diese Haltung darf den UN-Umweltgipfel in Glasgow Ende Oktober nicht dominieren. Es ist bereits zwölf und nicht fünf vor. (Raiffeisen/mc)

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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