Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Böser Traum, Vision oder was?

Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Böser Traum, Vision oder was?
von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Wir schreiben das Jahr 2030 nach Christus. Nicht nur Gallien ist längst ganz besetzt, sondern die ganze Welt. In nur mal knapp zwanzig Jahren wurde sie erobert. Nein, nicht von den Römern – die sind irgendwann mal über ihre eigene Dekadenz gestolpert – sondern ganz schnöde vom Mammon, der neuen Geheimwaffe des 21. Jahrhunderts. 2008 begann das Geld seinen Raubzug durch die Welt und eroberte schliesslich den ganzen Erdball. Nur einige verlassene Flecken auf dem Orbit blieben von der Geldflutung verschont. So wie das Dorf von Asterix damals vor den Römern. Sogenannte Urvölker leben heute noch dort, wie vor tausenden Jahren. Von Geldwirtschaft haben die keine Ahnung, sie betreiben immer noch den Jahrhunderte lang gepflegten Tauschhandel. Im Rest der Welt liegt hingegen kein Stein mehr auf dem anderen, seit die Geldpolitik die Geschicke der Menschheit leitet. Dabei wollten die Geldhüter ja nur Banken retten und sich dann wieder Richtung „Normalität“ bewegen, hiess es damals. Doch dazu kam es nie.

Aus der Notfallübung der internationalen Geldhüter nach der Finanzkrise 2008 ist eine dauerhafte Rettungsaktion entstanden. Die Überzeugung von damals, man müsse eben nur immer mehr (Geld) reinpumpen, dass der Karren wieder rund läuft, hat der Schule von heute Platz gemacht: Deren Lehre lautet, man könne die Pumpen vor allem nicht mehr abstellen, bis der Karren wieder rund läuft. Nicht heute, nicht morgen, nie. Denn der Karren wird nie wieder laufen wie früher, in den Zeiten vor der Globalisierung, der Liberalisierung des Handels und der digitalen Revolution, als die Welt noch einigermassen überschaubar und noch keine Währungskriege tobten.

Geniales Modell
Die Welt hat sich längst damit abgefunden, dass Zauberlehrlinge regieren. Keiner fragt mehr, warum dies so ist, geschweige denn, ob es nicht auch anders gehe. Das einst vielen viel zu knappe Geld ist heute im Überfluss vorhanden und hält deren Empfänger bei Laune. Die Banken wurden abgeschafft – auch die Zentralbanken – und ersetzt durch die Erdbank, welche aus der Fusion von Zentralbanken mit Geschäftsbanken und anderen Finanzdienstleistern entstanden ist. Gleichzeitig wurde das Bargeld abgeschafft, denn es kam immer wieder zu Schalterstürmen von maroden Banken, welche die Rettungsübungen der Geldhüter wiederholt zu unterlaufen drohten. Dank dem bedingungslosen Grundeinkommen, das private Haushalte erst vor wenigen Jahren durchgekämpft haben, blieben die üblichen Härten aus, die ansonsten jeweils bei der Freisetzung von Personal entstanden waren. Zudem sorgt das Negativzinsumfeld für kontinuierliche Erträge aus der eigenen Wohnnutzung. Viele Mieter haben sich bis unters Dach verschuldet und mit ihren Nachbarn ganze Strassenzüge aufgekauft, um endlich auch in den Genuss von Zinserträgen zu kommen, so wie andere Hauseigentümer. Aktuell sind vor allem langjährige Kredite gefragt. Für eine zwanzigjährige Hypothek bei der Erdbank erhält der Kreditnehmer aktuell gut 4% Zinsen, die ganze Welt lebt faktisch gratis – dank Pump. Es ist wie einst im Kapitalismus, nur besser, fast schon genial. Denn heute können faktisch alle von Zinsen ihrer Schulden leben. Von Schulden, die sie nie zurückzahlen werden, weil sie ohnehin von der Erdbank gekauft werden. Nicht mehr „Cash“ sondern „debt is king“, sagen die Angelsachsen.

Perpetuum Mobile
Private Haushalte kamen erst im Jahre 2020 in den Genuss von Kreditprämien (Negativzinsen). Die damals noch nationalen Geldhüter kauften zwar schon länger Staatsanleihen und solche von Unternehmen zu absoluten Höchstpreisen. Aber erst an ihrem bahnbrechenden jährlichen Treffen in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming im August 2019 diskutierten sie das Konzept eines nie versiegenden digitalen Geldbrunnens. Dieser ist aus der Idee des Helikoptergeldes entstanden. Der Geldbrunnen schreibt nun mit wiederkehrender Regelmässigkeit auch den privaten und nicht nur öffentlichen Haushalten strafzinsfreie Beträge auf deren Girokonten gut, sobald diese in finanzielle Engpässe geraten oder Investitionen tätigen wollen. Geld selbst taugt nur noch als Verrechnungseinheit für digitale Zahlungen. Es existiert in dem Sinne nur noch virtuell. Ansonsten ist es wertlos, da im Überfluss vorhanden und so vom einstigen Wertaufbewahrungsmittel zu teurem Ballast geworden. Ich erinnere mich noch gut, wie ich meinen Kindern erklären wollte, was eigentlich Zinsen sind oder besser mal waren. Dass sie der Preis für Geld oder Kapital seien, dass ihnen eine wichtige Signalfunktion für die Wirtschaft zukomme und dass Zinsen auch eine Entschädigung für Konsumverzicht in der Gegenwart darstellen und damit sozusagen den Lohn fürs Sparen. Ich scheiterte grandios damals. Der Jüngste hatte eben am Weltschuldentag, der am 31.10.2021 aus dem Weltspartag hervorgegangen war, sein erstes Jugendleasingkonto bei der Erdbank eröffnet. Dank der frühen Aufnahme von Krediten erlebte er das neue Wirtschaftswunder am eigenen Leib und eine der grössten Innovationen der Menschheit. Die Erfindung des Perpetuum Mobile in einem geschlossenen Schneeballsystem. Da grenzt schon fast an Zauber. (Raiffeisen/mc/ps)

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