Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: China-Katar-Katarrh

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

St. Gallen – China war bei Finanzanalysten in den letzten gut fünfundzwanzig Jahren ausserordentlich beliebt. Wer den eloquentesten Auguren meiner Branche schon in den frühen 1990er-Jahren Gehör schenkte, konnte kaum das Ende deren Ausführungen abwarten, vor lauter Angst etwas zu verpassen. Viele gaben in den Pausen etlicher Finanzmarktveranstaltungen, zu denen die verschiedenen Banken luden und an denen die China Euphoriker auftraten, gleich Kauforder für chinesische Wertpapiere, denn die Story war mehr als eindeutig.

China war schlichtweg magisch anziehend, der rasch aufsteigende Stern im Fernen Osten, der sich nun allen öffnete und einen Superlativ nach dem anderen jagte. Wer da nicht investiert war, musste sich schon fast dumm vorkommen. Bei Wachstumsraten der Wirtschaft von 10 % oder sogar mehr schien es fast unmöglich, etwas falsch zu machen, man musste einfach an diesem Wirtschaftswunder partizipieren. Und viele taten dies und fuhren meist auch sehr gut damit. Vor allem natürlich die «first mover», welche damals auch einstiegen. Doch danach kam ein Hype, der fundamental betrachtet auf immer labilerem Boden stand und einige Investoren, welche die Gier packte, jeweils auch auf dem falschen Fuss erwischte. Da waren die Rückschläge im Soge der Finanzkrise, welche noch als globales Desaster interpretiert werden dürfen, dann die kalte Dusche – nicht zu sagen der Crash – im Sommer 2015, der eher auf China beschränkt war und der dahingehend mündete, dass sich einige und beileibe nicht unwichtige chinesische Indizes bis Anfang 2016 fast halbierten. Wer also zu spät einstieg, verlor eine ganze Menge Geld. So einfach wie auch schon kann man in China nicht mehr outperformen, wie das im Finanzlatein heisst.

Wenn man nun die jüngere Geschichte betrachtet, zeigt China mehr und mehr wieder seine hässliche Fratze. Über dreissig Jahre nach dem «Massaker» auf dem Platz des himmlischen Friedens (Tiananmen) und der Niederschlagung eines Volksaufstandes ist China in Bezug auf Menschenrechte und Freiheit seiner Bürger kaum weitergekommen. Im Gegenteil: die Uiguren, diese komplett unterdrückte ethnische Minderheit ruft seit Jahren vergebens SOS und in Hongkong wird jeder erdenkliche Protest im Keim erstickt. Daneben geht die Zwangsumsiedlung von Volksmassen ungeniert weiter. Und dazu kommt ein aussenpolitisches Säbelrasseln, das mehr als beunruhigend ist. Das vorläufig letzte Kapitel bildet das Verschwinden der einstigen Weltranglisten-Ersten im Tennis-Doppel Peng Shuai, welche Vergewaltigungsvorwürfe gegen ein ranghohes chinesisches Politikkomiteemitglied erhob. Die Beziehung zwischen den Beiden mag komplex sein, den Vorwurf der Vergewaltigung hingegen hielt Peng Shuai stets aufrecht, auch wenn es vielleicht auch mal einvernehmlichen Sex zwischen beiden gab. Chinas Führung wollte den Vergewaltigungsvorwurf mal so eben unter den Teppich kehren, doch die ganze Welt suchte inzwischen Peng Shuai. Das erstmals richtig intensiv, obwohl in China fast täglich Menschen verschwinden, wenn sie dem Regime nicht (mehr) genehm sind. Wer weiss schon, ob Thomas Bach, der Präsident des olympischen Komitees mit der jungen Dame vorletzten Sonntag tatsächlich über Video gesprochen hat? Bei Bezeugungen internationaler Sportverbandsdirektoren sollten sowieso immer die Alarmglocken klingeln und die dilettantischen Versuche des Regimes in Peking, der Welt mittels gefakter Selfies und vermeintlicher Echtzeitaufnahmen zu versichern, es sei alles im grünen Bereich mit dem Tennisass, stinken zum Himmel. Staatspropaganda vom Feinsten, der höchstens Thomas Bach Glauben schenken dürfte. Will man in diesem Land wirklich die Olympischen Spiele sehen? Wer weiss schon, ob die chinesische Staatsführung vor lauter Oberwasser am Ende nicht gleich noch in Taiwan einmarschieren lässt. Aber klar doch, Olympia wird stattfinden und die Analysten werden weiter auf China setzen. Sensibelchen sollte sich ja auch nicht am Finanzmarkt tummeln, denn da geht Profit moralischen Bedenken vor.

Wir werden kommenden Winter schliesslich auch Fussballweltmeisterschaften am Golf abhalten. In Katar, dem Wüstenstaat, der dank ohne eigenes Zutun, nur dank Öl reich geworden ist, der die Menschenrechte mit Füssen tritt und der mit seinem Geld Fussballklubs und Luxushotels und andere Immobilien aufkauft, Banken beherrscht und Influencer in seinem Hofstaat (weniger krass als in Dubai) bei Laune hält, damit diese ihm wohlgesonnene Lobeshymnen verbreiten. Auch in Katar verschwinden Menschen, nur sind es dort Billiglohnempfänger und keine Prominente, weshalb das unter dem Radar segelt. Und wehe man ist schwul oder lesbisch, dann droht sogleich Gefängnis. Doch auch dort gibt es interessante Investmentopportunitäten, besser gesagt: Niemand sagt nein, wenn die Scheiche mit ihren Milliarden locken. Was dem FC Bayern München oder PSG, dem französischen Serienmeister im Fussball, recht ist, muss dem Rest der Welt aber noch lange nicht billig sein, auch maroden Schweizer Luxusherbergen nicht. Denn diese Geschichte hat genauso wenig eine Moral, wie die Lobhudelei auf China. Es geht hier einzig und allein um den schnöden Mammon. Der Westen ist käuflicher geworden denn je und damit wird er umso erpressbarer. So werden wir weder nach China oder Katar, geschweige denn Weissrussland oder Russland unser wichtigstes Gut exportieren können, namentlich Menschenrechte. Im Gegenteil, deren Geld unterwandert uns und unsere Werte, bis der Katarrh chronisch wird. Katarrh ist schon «schleimig» genug, wird zwar selten, aber doch auch mit einer Wurmfortsatzentzündung in Verbindung gebracht. Sie ahnen wahrscheinlich, was ich meine, Opportunitäten hin oder her, «wes Brot ich ess, des Lied ich singe» ist nicht ok. (Raiffeisen/mc/ps)

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