Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Die Zukunft liegt im Osten

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Vor gut zehn Jahren war ich das erste Mal zum Skilaufen im Südtirol. Kam man im Lift ins Gespräch oder lauschte solchen, dann war die Reihenfolge der Sprachen: Hochdeutsch, bzw. deutsch in allen Dialektvarianten (also auch (Süd)Tirol, Österreich, selten Schweiz), Italienisch, Ladinisch (die Sprache der Einheimischen), Niederländisch, Englisch und übrige.

Heute sieht das anders aus, der Wandel hatte sich Jahr für Jahr immer hörbarer abgezeichnet. Deutsche Dialektvarianten dominierten auch im Februar 2018, aber Hochdeutsch war seltener zu hören, dafür deutlich mehr slawische, vornehmlich westslawische Sprachen, ungarisch, estnisch, lettisch oder litauisch etc. Gemeinsamkeit: alles Sprachen aus Ländern des ehemaligen Ostblocks bzw. „des nächsten Ostens“, wenn sie mir diesen Ausdruck erlauben.

Schweiz profitiert von der Hochkonjunktur in Europa
Doch zurück in die Schweiz. Hier hadern aktuell viele mit der sibirischen Kälte, die das Land seit Anfang Woche fest im Griff hat. Wenigstens muss die Schweizer Hotellerie nicht bibbern. Noch vor kurzem hätten ihr ein paar wenige Tage schlechten Wetters grosse Sorgen bereitet. Nicht so diese Saison. Nach dem durchzogenen letzten Winter, herrscht in der Hotellerie diesmal fast schon Hochstimmung, denn gemäss neuesten Daten lagen die Logiernächte im Dezember 2017 satte 7.4% über dem Vorjahresniveau. Der kräftige Anstieg ist alles andere als nur auf den guten Schnellfall zurückzuführen, denn schon seit Monaten tendieren die Logiernächte nach oben. Die Schweiz profitiert sehr stark von der Erholung der Weltwirtschaft und der Hochkonjunktur in Europa. Gerade die europäischen Gäste – namentlich natürlich die deutschen – wurden in den letzten Jahren schmerzlich vermisst.

Mit 2.2% in 2017 mutet das Wachstum der Logiernächte aus Europa zwar nicht gerade gross aus, damit sind letztes Jahr aber rund eine Viertelmillion mehr Übernachtungen angefallen. Angesichts des immer noch sehr starken Frankens ein gutes Ergebnis. Noch stärker fiel die Zunahme bei den einheimischen Gästen (+680‘000) und denjenigen aus Asien (+590‘000) und den USA (+300‘000) aus. Gesamthaft erhöhten sich die Logiernächte 2017 um über 5% und aktuell werden wieder etwa gleich viele Übernachtungen verzeichnet wie im Rekordjahr 2008. Dies lässt viele Branchenbeobachter auf eine anhaltende Trendwende im Schweizer Tourismus hoffen.

Bemerkenswerterweise entspricht das Niveau der aktuellen Logiernächte ziemlich genau dem Stand von 1990. Während Nachbarländer wie Deutschland, Frankreich und Italien seitdem einen Anstieg von einem Viertel verzeichneten, stagnierten die Logiernächte von Schweizern praktisch. Letztere wichen vermehrt aufs Ausland aus, wohl auch wegen dem stetig aufwertenden Franken, der die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Tourismus vor allem ab 2008 massiv erodiert hat. Euphorie im Tourismus darf daher nicht aufkeimen. Der preisliche Verdrängungskampf gegenüber der Konkurrenz im In- und Ausland wird ungebremst weiter toben. Und die Bereinigung von Überkapazitäten, insbesondere im alpinen Raum, ist längst nicht abgeschlossen.

Die Aufholjagd des Ostens
Es gibt aber auch gute Gründe für Optimismus. Die Übernachtungen aus Asien, dem Nahen Osten und Osteuropa steigen schon seit Jahren kräftig an und betragen mittlerweile 6 Millionen. Alleine im letzten Jahr stiegen die Logiernächte aus China, Indien und Südkorea um 32%, resp. 23% und 35% an. Der Schweizer Tourismus wird folglich regional diversifizierter und weniger vom Klumpenrisiko Europa, vor allem aber auch dem nahen Norden, auf den die Branche so lange übertrieben setzte, abhängig.

Veränderungen im Gefüge der Weltwirtschaft begünstigen den Wandel der Gästeherkunft. Die Europäische Union und andere Industrieländer wachsen seit Jahren etwa gleich schnell wie die Schweizer Wirtschaft und können daher gemessen am BIP pro Kopf kaum zum Schweizer Wohlstandsniveau aufholen. Viele Länder im Osten haben jedoch grosse Sprünge gemacht und dank wirtschaftsfreundlichen Reformen gegenüber dem Westen stark aufgeholt. Das gilt nicht nur für Asien und Länder wie China, Südkorea oder Thailand, sondern auch für die meisten Länder Osteuropas, allen voran das bevölkerungsstarke Polen oder die Tschechische Republik und die Slowakei.

Die wachstumsstarken Länder sind vornehmlich im geografischen Osten zu finden, Afrika und Lateinamerika sind leider auf der Strecke geblieben. Die Aufholjagd des Ostens spiegelt sich entsprechend auch in den Reisezahlen wieder. Mittlerweile kommen 30% der Touristen in der Schweiz entweder aus Asien, Osteuropa oder dem Nahen Osten. Ihr Anteil dürfte weiter steigen, denn die Wohlstandsschere zum reichen Westen ist noch lange nicht geschlossen. Die Logiernächte der Deutschen in der Schweiz machen über 4% der deutschen Bevölkerung aus. Für die gesamte EU beträgt dieser Wert 2%. In den Ländern des Ostens ist diese „Marktdurchdringung“ jedoch noch viel geringer, was auf ein grosses Potential schliessen lässt.

Beispiel: In China und Indien beträgt die Marktdurchdringung lediglich 0.1%. Stiege diese auf den Durchschnitt der EU, was natürlich nicht von heute auf Morgen möglich ist, würden pro Jahr etwa 29 Mio. Logiernächte aus China und 27.3 Mio. aus Indien anfallen. Das ist zwar ein hypothetisches Beispiel, das aufgrund der begrenzten Aufnahmekapazität nicht wünschenswert ist, die immensen Potentiale im Osten aber sehr gut illustriert. Die europäischen Gäste bleiben wichtig, das steht ausser Frage. Aber die Zukunft liegt im Osten. Wenn es gelingt die neuen Gäste nicht nur bei der Stange zu halten, sondern das Potenzial auszuschöpfen, kann der Schweizer Tourismus wie Phönix aus der Asche steigen.

Was es dazu braucht ist klar. Ein Umdenken in Richtung ehrliches Interesse an anderen Kulturen inklusive einer sozialverträglichen Toleranz gegenüber weniger bekannten Gewohnheiten, Leisten auch mal ohne Berechnung, für den Standort werben ohne Verrechnung zum Beispiel. Sie verstehen nicht? Ganz einfach, richten Sie den Blick gen Osten.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Raiffeisen

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