Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Ganz schön alt, was?

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Unsere Lebenserwartung steigt bekanntlich Jahr für Jahr. Die heute geborenen Schweizer männlichen Geschlechts werden im Durchschnitt 81,5 Jahre alt, Frauen sogar über 85 Jahre. Die Schweiz nimmt in Bezug auf die Lebenserwartung eine Spitzenplatz ein. Nur in Japan und Spanien liegt sie geringfügig höher. Generell sind die Unterschiede zwischen den hochentwickelten Industrieländern aber gering. Entwicklungsländer hingegen fallen deutlich ab.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn weniger Wohlstand bedeutet auch weniger Sicherheit, schlechtere Ernährung bzw. Gesundheitsversorgung und höhere Kindersterblichkeit. Alles Faktoren, die sich statistisch logischerweise in einer tieferen Lebenserwartung widerspiegeln. Längere Lebenserwartung hin oder her, wage ich trotzdem eine Behauptung. Niemand altert gern. Notabene meine ich Altern und nicht Reifen. Alt zu werden an sich wird wohl kaum jemand als Nettogewinn von Lebensqualität wahrnehmen. Und dies selbst wenn man sich guter Gesundheit erfreut und einmal davon absieht, dass man vielleicht weniger Zwängen ausgesetzt ist. In der Schweiz heisst es dazu gern von älteren Semestern: „Ich bin froh, dass ich das (alles) nicht mehr muss.“

Doch Hand aufs Herz, das ist oft eine Portion Zweckoptimismus dahinter. Richtigerweise müsste es doch eher heissen: „Ich bin mir bewusst, dass ich das alles nicht mehr darf oder kann.“ Im Grunde genommen verlängert die steigende Lebenserwartung auch den Prozess bzw. die verschiedenen Phasen der Alterung. Wenn heute alle deutlich älter werden als frühere Generationen, muss man vielleicht schon fast ein bisschen philosophieren, wenn man die Frage beantworten möchte. Wann sind wir eigentlich alt?

Wann sind sie alt? 
Sind wir alt, wenn die Jungen (wie lange sind wir eigentlich jung? Aber lassen wir das!) uns Alte oder Alter schimpfen? Wenn wir in Rente gehen? Wenn wir gebrechlich sind oder werden, Männer graue Schläfen bekommen, keine Haare mehr haben oder bei den Frauen die Menopause einsetzt? Oder sind wir erst alt, wenn uns jemand im Bus oder Tram seinen Sitzplatz anbietet. Oder schon, wenn wir uns eine Harley zulegen oder ins Joga gehen? Wenn wir im Seniorenheim wohnen? Zum Alter ist nur eines klar, nämlich dass es nicht definiert ist, auch wenn es im Wörterbuch dazu heisst: der späte Lebensabschnitt, der auf das Berufsleben folgt. Doch auch das liefert keine eindeutigen Ergebnisse. Denn die Franzosen sind dann schon mit 58 Jahren im späten Lebensabschnitt bzw. alt, Portugiesen aber erst mit 67. Lassen wir das also besser mal bei dem bewenden und kümmern uns ums Altern.

Altern in Würde
Auch dazu gibt es Definitionen, etwa auf Wikipedia, wo es heisst: „Das Altern ist ein fortschreitender, nicht umkehrbarer biologischer Prozess der meisten Organismen, der graduell zum Verlust der normalen Organfunktionen führt und mit dem Tod endet.“ In einem allgemeinen Lexikon findet sich zu „altern“: „Etwas verliert oder ändert im Laufe der Zeit seine Eigenschaften und Qualitäten.“ Letzteres klingt besser als die Aussicht auf „Denormalisierung“ und den Tod, finde ich. Doch eigentlich interessiert das alles kaum, wenn wir in Würde altern, wie es so schön heisst. Ich verstand darunter lange, dass man sich mit den Gesetzen der Natur abfindet und akzeptiert, dass vereinfacht ausgedrückt immer weniger geht. Doch diese Interpretation ist wohl überholt. Denn viele, die altern, wollen jünger aussehen und nicht nur das. Das kostet allerdings eine Stange Geld.

Angst vor dem Altern: ein Bombengeschäft
Mittlerweile ist die Angst vor dem Altern zu einem grossen Geschäft geworden, längst nicht nur für das Gesundheitswesen. Die Rede ist von der Fitnessbranche, der Beratungs- und Schönheitsindustrie. Ich hatte neulich so eine Antifaltencreme in den Händen. Was da drauf stand, klang verlockend und überzeugend zugleich, der Preis indes weniger. Ich konnte fast nicht glauben, dass jemand für 30ml Minipackung sogenannten Anti-Ageing-Konzentrats 47 Schweizer Franken hinblättert. Aber offenbar gibt es dafür einen Markt. Und nicht nur dafür. Wegen der Angst, alt auszusehen, macht die Kosmetikindustrie mittlerweile riesige Umsätze. L’Oréal, Procter & Gamble oder Estée Lauder sind Marktführer im Anti-Aging-Markt. Gegen Falten wendeten die Deutschen 2016 über 1.5 Milliarden Dollar auf, die USA 5.4 Milliarden.

Das sind zwar beschauliche Grössenordnungen, das Wachstum indes ist bombastisch. In China zum Beispiel betrug es 45% in gut fünf Jahren, in Deutschland 21% und in Thailand gar 63%. Doch damit nicht genug. Denn schon in jungen Jahren wird heute der Körper getunt. Botox, Nasenkorrekturen, Fettabsaugen, Brustvergrösserung und was noch alles, sind gefragt wie nie. Hauptkunden sind heute (noch) Frauen und nicht etwa die über 65jährigen, sondern die 19 bis 34-Jährigen bei Brustvergrösserungen oder Nasenkorrekturen und die 35 bis 50-Jährigen für Botox oder Fettabsaugen. Bei nicht chirurgischen Eingriffen wie z.B. Botox, Lasern oder chemischen Peelings beträgt der Frauenanteil 87.5%. Bei chirurgischen Eingriffen sind es fast 85%.

Aber ich wette darauf, dass der Männeranteil zunimmt. Immerhin sagt uns das alles doch etwas. Offenbar ist die Angst vor dem Altern gross. Sind wir erst mal 65 Jahre oder älter, dann finden wir uns damit ab, dass Schönheit vergänglich ist und lassen uns nicht mehr „pimpen“. Also doch noch ein Altern in Würde und kein Kampf gegen die Zeiten. Zumindest gilt das für heutigen älteren Semester. Und in Zukunft? Bald werden wir ja vielleicht ewig leben, wenn man den Nerds in Silicon Valley glaubt. Die nehmen uns fast alles ab, nur damit wir es bequem haben im Leben. Bald wohl auch die Würde des Alterns.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Raiffeisen

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