Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Hilflos

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

St. Gallen – Letzte Woche war echt was los, und diese erst. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem wir nicht von völlig neuen Umständen überrollt werden. Wenn man die Nachrichten hört, gibt es im Grunde nur noch ein Thema. Das Virus ist überall. In Europa sind die jüngst beschlossenen, abschottenden Massnahmen nur ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg, der direkt in die Rezession führt, unweigerlich.

Nach heutigem Kenntnisstand wird uns Corona nicht eben nur die kommenden vier Wochen beschäftigen, sondern weit darüber hinaus. Diese Krise ist eine ernsthafte Herausforderung für die Staatengemeinschaft, jedes Land und letztlich für jeden einzelnen von uns. Es ist schwer, sich damit abzufinden, zum gefühlten Nichtstun verurteilt zu sein. Sich abzuschotten und möglichst jedem Kontakt aus dem Weg zu gehen, ist zum Alltag geworden. Noch dürfen wir ein bisschen mehr als andere in Europa, aber im Vergleich zu vorher ist das nichts.

Als ich diese Woche nach Zürich fuhr, war die Welt nicht wieder zu erkennen. Kein Verkehr, die Innenstadt, die sonst pulsiert, war ausgestorben und die wenigen Leute, die man sah, waren eilig unterwegs, zielstrebig und auf sich konzentriert. Zürich erlebt gerade den Wechsel von einem Extrem ins andere, statt der üblichen Hektik herrscht fast schon Totenstimmung. Ich erwischte mich dabei, wie ich mir insgeheim das alte, wenn auch nervige, überfüllte Zürich herbeiwünschte.

Virus zwingt zum Umdenken
Doch damit ist wohl bis auf weiteres Schluss. Wir müssen umdenken, denn das Virus zwingt uns dazu. Wenn es tatsächlich eingedämmt werden soll, dann wird sich unser Leben drastisch ändern, einen Vorgeschmack wie bekommen wir zurzeit ja schon. Die Frage ist nicht, wie wir hier wieder heraus kommen, sondern wie wir damit auskommen. Das wird etliche an Grenzen des Schmerzes bringen.

Der Stillstand der Wirtschaft bedroht die Existenz von unzähligen Unternehmen jeder Grösse und aus allen erdenklichen Branchen. Je länger er dauert, desto mehr Substanz und Reserven wird er verzehren. Es wird keinen anderen Weg geben, der Staat muss nun dafür sorgen, dass sich der Flächenschaden einigermassen in Grenzen hält. Das werden nun alle tun. Die bis unters Dach verschuldeten Chinesen genauso wie die Amerikaner. Und die Europäer und Japaner sowieso.

Rasch viel Geld ausgeben
Alle werden Geld ausgeben, das sie im Grunde nicht haben, um die Wirtschaft zu stützen. Wir hier in der Schweiz sind da in einer besseren Ausgangslage, denn unsere Staatfinanzen lassen es zu, auch bisher nicht für möglich gehaltene Beträge aufzuwerfen. Es muss aber vor allem rasch gehen. Neben der bewährten Kurzarbeit, die möglichst unbürokratisch abzuwickeln ist, braucht es auch Massnahmen für die vielen kleineren Unternehmen, deren Inhaber keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung haben, aber auf Lohn angewiesen sind.

Es steht ausser Frage, dass diese Krise die Schweiz am Ende mehr kosten wird als die Subprime Krise. Das haben die Aktienmärkte begriffen. Sie wissen, dass viele Unternehmen schon bald am Tropf der Staaten hängen werden und von diesen gerettet werden müssen. Und dass die Geldpolitik auch nicht mehr helfen kann. Sie, auf die sich die Märkte verlassen konnten, all die Jahre, hat nur Opium im Giftschrank, aber kein Anti-Corona-Serum. (Raiffeisen/mc/ps)

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