Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Industrie gefangen im Sisyphus-Modus
Die Gestalt des Sisyphus aus der griechischen Mythologie gilt als Sinnbild für vergebliche Mühe und ewige Wiederholung. Der listige König von Korinth, der die Götter wiederholt getäuscht hatte, musste in der Unterwelt zur Strafe einen schweren Felsblock einen Berg hinaufrollen – nur damit dieser kurz vor dem Gipfel immer wieder zurück ins Tal stürzt. Auch für den Industriesektor in der Schweiz scheint die Mühsal stets von Neuem zu beginnen. Seit Jahren ist er in einer globalen Nachfrageschwäche gefangen und vermag sich trotz wiederholter Ausbruchsversuche nicht daraus zu befreien
Ursprung der Flaute liegt bei Corona
Ursprünglich ist die Industrieflaute auf Lieferengpässe während der Pandemie zurückzuführen. Das Ausmass, in dem die globalen Lieferketten während der Corona-Pandemie unterbrochen wurden, war beispiellos. Produktionsstopps in der Industrie, geschlossene Hafenterminals in Asien sowie Staus vor Häfen wie Los Angeles oder Rotterdam, die infolge von Quarantänemassnahmen und Krankheitsfällen nicht unter Volllast operieren konnten, führten weltweit zu erheblichen Lieferverzögerungen. Teilweise geschlossene Grenzen und ein Mangel an Logistikpersonal – insbesondere an LKW-Fahrern – verschärften die Situation zusätzlich. Viele Industrieunternehmen sahen sich mit fehlenden Vorleistungsgütern konfrontiert und mussten ihre Produktionslinien anhalten, was weitere Lieferausfälle nach sich zog. Als sich die Situation allmählich entspannte, bestellten zahlreiche Unternehmen übermässig und füllten ihre Lager bis an die Kapazitätsgrenzen. Bereits damals war absehbar, dass dieses Vorziehen von Bestellungen später zu Durststrecken führen würde.
Vorgezogene Käufe forderten ihren Tribut
Nach dem kräftigen Nachholeffekt, der durch teils unnötige Fiskalimpulse und hohe Überschussersparnisse während der Pandemie zusätzlich angeheizt worden war, kühlte sich die globale Güternachfrage in den Folgejahren deutlich ab. Besonders in Europa und Teilen Asiens verlangsamte sich die Industrieproduktion spürbar, was direkte Auswirkungen auf die exportabhängigen Schweizer Unternehmen hatte. Viele Abnehmerindustrien – etwa der Maschinenbau, die Automobilindustrie oder die Elektronikbranche – reduzierten angesichts geopolitischer Unsicherheiten ihre Investitionen. Infolgedessen gingen Bestellungen zurück, Lagerbestände wurden abgebaut und neue Investitionsprojekte aufgeschoben. Für die Schweizer Industrie, deren Geschäftsmodell stark auf hochwertige Investitionsgüter und spezialisierte Komponenten ausgerichtet ist, bedeutete dies eine spürbare Abschwächung der Auftragslage. Zwar konnten viele Betriebe zunächst noch von rekordhohen Auftragsbeständen zehren und ihre Produktion hoch halten. Doch die ausbleibenden Neubestellungen zwangen schliesslich zu einer Reduktion der Produktion. Der Raiffeisen KMU-PMI, ein Vorlaufindikator für das Wachstum im Industriesektor, fiel erstmals im September 2022 unter die Wachstumsschwelle. Der Procure-PMI, ein anderer Einkaufsmanagerindex, der die Exportindustrie stärker abbildet, folgte im Januar 2023.
Wiederholte Rückschläge durch externe Ereignisse
Neben der erwarteten Bestellflaute stellte die durch den russischen Überfall auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise eine erste schwere Belastung für den Industriesektor dar. Zwar ist die Schweiz weniger energieintensiv als manche Nachbarländer, doch die massive Teuerung reduzierte weltweit die Kaufkraft der Endkonsumenten. Dies beeinträchtigte die globale Güternachfrage und trug zu einer allgemeinen Investitionszurückhaltung bei. Unternehmen verschoben Modernisierungsprojekte oder Erweiterungen – was wiederum die Nachfrage nach Schweizer Industrieprodukten belastete. Im Verlauf des Jahres 2024 schien jedoch eine Verbesserung der Situation möglich. Politische Instabilität in den beiden führenden Volkswirtschaften Europas verhinderte aber dringend benötigte Strukturreformen. Eine Anhebung der Stimmung in Europa blieb daher aus.
US-Zollkrieg verhindert Gesundung
Eine weitere Chance auf Erholung wurde im Frühling 2025 durch den US-Zollkrieg zunichtegemacht. Die handelspolitische Unsicherheit erreichte nach dem ominösen 2. April 2025, an dem Donald Trump seine inzwischen als rechtswidrig eingestuften reziproken Zölle einführte, ihren Höhepunkt und drohte zeitweise auch die Finanzmärkte in den Abgrund zu stürzen. Neue Zölle und drohende Handelsbeschränkungen erschwerten langfristige Planungen und wirkten investitionshemmend. Die Verunsicherung schlug sich zudem in einer Aufwertung des Schweizer Frankens nieder, was die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie zusätzlich belastete.
Iran-Krieg droht die Erholung erneut abzuwürgen
Ende 2025 und insbesondere zu Jahresbeginn 2026 signalisierten die Einkaufsmanagerindizes vieler Länder eine erneute Verbesserung. Die Zölle hatten den Wirtschaftsverlauf weniger stark gebremst als ursprünglich vermutet. In den USA, China, Japan, Südkorea, Grossbritannien und Frankreich gelang den nationalen PMIs der Sprung über die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Bestätigungen in den Folgemonaten deuteten auf mehr als nur ein Strohfeuer hin. Daher keimte auch in der Schweiz die Hoffnung, dass nach dreijähriger Durststrecke der Wendepunkt erreicht sein könnte. Zum zweiten Mal entzog jedoch der US-Präsident dieser Hoffnung die Grundlage. Der Iran-Krieg hat mit der Blockade der Strasse von Hormuz innert kurzer Frist eine zweite Energiekrise heraufbeschworen. Über stark steigende Teuerungsraten droht diese erneut die Kaufkraft der Konsumenten zu schwächen und das weltweite Wirtschaftswachstum zu dämpfen. Zwar notierten die Einkaufsmanagerindizes der Industrie im März nochmals oberhalb der Wachstumsschwelle. Dies war jedoch vor allem verlängerten Lieferfristen geschuldet. Diese sind normalerweise ein positives Signal, da sie auf starke Nachfrage hindeuten. Diesmal waren jedoch Lieferkettenprobleme der Auslöser, weshalb die PMIs vom März ein zu positives Bild vermittelten.
Das Aufbruchsignal der Einkaufsmanagerindizes zu Jahresbeginn war breit abgestützt und geografisch weit verbreitet. Damit verband sich die Hoffnung, dass die Schweizer Industrie, die sich trotz widriger Umstände insgesamt erstaunlich widerstandsfähig erwiesen hat, die lange Schwächephase endlich hinter sich lassen könnte. Sollte die Waffenruhe in ein stabiles Verhandlungsergebnis münden und die Strasse von Hormuz wieder freigegeben werden, könnte der Schwung vom Jahresanfang noch ausreichen, um die Industrie tatsächlich aus der Flaute zu führen. Bleibt die Meerenge jedoch noch länger faktisch geschlossen, droht der Stein des Sisyphus erneut ins Tal zu rollen. (Raiffeisen/mc)