Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Kartell ade

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

St. Gallen – Wo man schaut, Kartelle. Ob Google oder das LKW-Kartell, das Libor-Kartell, das Bankenkartell, Vitamin-, Wurst- oder Reissverschlusskartell, Kartelle gehörten seit jeher zur kapitalistischen Wirtschaft. Immer wieder kam es zu Absprachen unter Firmen zu Mengen- oder Preisgestaltung. Dass die alle nicht gut sind oder waren, wissen wir, aber insgesamt sind sie für uns verkraftbar.

Ganz anders wenn es sich um Kartelle von Ländern der OPEC (Organisation erdölexportierender Staaten) handelt. Die können sogar der Weltwirtschaft wehtun. Lange Zeit herrschte die OPEC über die Welt. Die OPEC bescherte uns einst sogar autofreie Sonntage. Bei der kleinsten Unruhe im Nahen Osten trieben Ängste den Erdölpreis nach oben. Wiederholt löste ein Erdölpreisschock eine Rezession aus. Inzwischen ist die Abhängigkeit der Welt vom Öl aus dem Nahen Osten nicht mehr so ausgeprägt wie im letzten Jahrhundert.

Gerade die USA, stets die Achillesferse steigender Ölpreise, haben die eigene Produktion mächtig aufgerüstet und sind mehr oder weniger zum Selbstversorger geworden. Und zum weltweit grössten Förderer, knapp vor Russland und gefolgt von Saudi-Arabien. Die drei fördern alle je so um die 10 Millionen Barrel Erdöl pro Tag. Der Irak ist mit etwas über 4 Millionen Barrel die unangefochtene Nummer vier der Erdölliga. Es folgen relativ nah beieinander die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und der Iran.

Mit Russland an der Seite spielt die OPEC im weltweiten Mengengefüge zwar eine mächtige Rolle, doch die Eigeninteressen der Erdölförderer reiben das Kartell auf. Russland etwa hat nur wenig Interesse an einem tieferen Ölpreis. Unter vierzig Dollar je Barrel lässt sich dort langfristig nicht profitabel produzieren und je weiter man sich von diesem Preis entfernt, desto besser verdient man. Andererseits kommen bei höheren Preisen auch mehr Fracker ins Spiel.

Die Saudis sind einem hohen Ölpreis gegenüber ebenso nicht abgeneigt. Das Land hat mächtig Schulden aufgebaut und muss seinen aufwändigen Haushalt finanzieren. Wenn sich schon die beiden Mächtigsten im Kartell nicht einig werden, die Mengen dosiert hochzufahren, ist es kein Wunder, dass der Rest genauso aus der Reihe tanzt. Jüngst waren es die Vereinigten Arabischen Emirate, welche auf ihr souveränes Recht verwiesen, mehr Öl zu fördern. Sei’s drum, für die Weltwirtschaft sind das gute Neuigkeiten, wenn das einst so mächtige Kartell nicht mehr funktioniert.

Schon heute hat der Ölpreis ein Niveau erreicht, das die Dynamik der Weltwirtschaft bald schon mal etwas abbremsen könnte, auch weil der Sprit an den Zapfsäulen wieder teurer wird, was in den USA besonders genau beobachtet wird. Der Benzinpreis ist dort ein kleiner Gradmesser der Konsumentenstimmung. Dem Erdölkartell muss man nicht hinterher weinen. Allzu oft hat es Elend und Not über die Welt gebracht. Doch besser als beim letzten OPEC-Gipfel hätte die Organisation ihre Handlungsunfähigkeit nicht unter Beweis stellen können. Kartell ade.

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