Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Make a deal

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

In einem von Touristen nicht besuchten, da abgelegenen und äusserlich etwas schmuddeligen Restaurant in Avola auf Sizilien erlebten wir vor einigen Jahren eine für Italien zwar nicht untypische, hierzulande aber eher seltene Szene. Während wir zu Mittag speisten, feierten im Nebenraum unzählige Gäste die Taufe eines Sprösslings. Und wie in Italien so üblich, ging es natürlich laut her. Die Erwachsenen unterhielten sich, wobei stets mehrere auf einmal sprachen und die zahlreichen Kinder versuchten diese schon mächtige Lärmkulisse durch Geschrei noch zu übertönen. Bis plötzlich ein paar Ohrfeigen schallten und dazu eine klare Ansage erfolgte. „Fertig jetzt“.

Nach kurzem Gewimmer herrschte Ruhe. Es war einerseits natürlich amüsant für uns, wie hier typische Klischees über unsere südlichen Nachbarn bedient wurden, andererseits waren wir aber auch fast etwas geschockt. Denn es klatschte schon heftig. Kurzum: nett war das nicht, aber zweifellos effizient. Lassen wir einmal die Dauer der Wirkung dieser brachialen Intervention ausser Acht, kann man sagen, die Autorität liess keine Zweifel an ihrer Rolle und hatte die Oberhand zurück.

Wie oder was?
Dieselbe Szene würde hierzulande wahrscheinlich ein gewisses Mass an Empörung hervorrufen, Kopfschütteln seitens der Beobachter und Getuschel. Wer weiss, vielleicht würde sogar jemand laut Kritik üben, wobei das nach meinem Dafürhalten eher unwahrscheinlich ist. Es braucht schliesslich eine grosse Portion Zivilcourage, öffentlich wenig zimperliche Erziehungsmassnahmen anzuprangern. Zudem wird die Privatsphäre in der Schweiz hochgehalten, was geht es uns überhaupt an? Mir geht es im Folgenden auch nicht um Recht oder Unrecht oder darum, ob anti- oder weniger autoritäre Massnahmen zu ähnlichen Ergebnissen geführt hätten. Tatsache ist indes, dass Ruhe das Ziel der elterlichen Massnahme war und diese Ruhe herrschte danach. Hier zählte einzig das Was und nicht das Wie.

An was mich das erinnert? Donald Trump, dem ist das Wie noch so egal, Hauptsache es gibt einen „Deal“, der für Amerika aufgeht. Sein Vorgänger und auch viele europäische Politiker, ob Frau oder Mann, möchten hingegen stilvoll verhandeln, auch wenn es ewig dauert und am Schluss ein fader Kompromiss ausgehandelt wird. Das ist nicht Trumps Welt. Der schert sich wenig drum, wie es ankommt, wenn er zum Beispiel jemanden aufs Übelste beleidigt oder gar das FBI drängt, jemanden aus purem Eigennutz zu durchleuchten, oder aber nicht, wenn ihm das persönlich schaden könnte.

Sein Stil – also sein „Wie“ – ist zweifellos autoritär und nimmt zuweilen schon autokratische Züge an, als ob er das Land ganz allein ohne jegliche „Checks und Balances“, also Kontrolle, regieren wolle. Doch manchmal – und das wollen sich viele nicht eingestehen, die im Konsens oder Kompromiss die einzig tragfähigen Lösungen sehen – trägt die harte Gangart für die Amerikaner auch Früchte.

Brachialer Stil
Über Sinn und Unsinn von handelsprotektionistischen Massnahmen liesse sich lange diskutieren. Fakt ist aber, dass Donald Trump mit dem jüngst beschlossenen neuen nordamerikanischen Handelsvertrag Kanada und Mexiko klare Zugeständnisse abgerungen hat. Diese trösten sich nun damit, dass Schlimmste abgewendet zu haben. Doch genau dies war wohl Trumps Verhandlungsstrategie. Mit dem Schlimmsten drohen, um so viel wie möglich herauszupressen. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn man am längeren Hebel sitzt, und das tut Amerika nach wie vor, auch auf globaler Ebene, ökonomisch, technologisch und militärisch sowieso. Unter den Präsidenten Bush Junior und Obama war dies nicht anders, doch waren diese lange Zeit in zermürbende Kriege in Afghanistan und Irak verwickelt.

Barack Obama wiederum legte zwar auch mal das Zuckerbrot zur Seite und versuchte sich mit der Peitsche, doch bald einmal nahm seine Drohungen kaum noch jemand ernst. Der syrische Diktator Baschar al-Assad überschritt mit seinen Giftgaseinsätzen gegen die eigene Bevölkerung mehrfach die von Obama gesetzte „rote Linie“ – und nichts passierte. Die anderen Grossmächte registrierten dieses Zögern und Zaudern ganz genau und wurden plötzlich forscher, insbesondere Russlands Präsident Putin, der kurze Zeit nach Obamas „roter Linie“ die bis dato zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim an sich riss.

Nur der Erfolg zählt
Die andere grosse geopolitische Rivalin der Amerikaner, die Volksrepublik China, geht ebenfalls nicht gerade zimperlich vor, wenn es um die eigenen Interessen geht. Die chinesische Wirtschaft ist schon lange nicht mehr mit dem ländlich geprägten Kommunismus früherer Jahrzehnte vergleichbar. Genauso wenig aber ist das Reich der Mitte eine faire Marktwirtschaft geworden, wie man sie sich im hochidealisierten (europäischen) Westen vorstellt oder zumindest wünscht. Der Staat übt nach wie vor einen massiven Einfluss, um nicht zu sagen Druck, auf die Wirtschaft aus. Der „Staatskapitalismus“ erlaubt es der Regierung einerseits, mit massiven Subventionen und Stützungsmassnahmen die Konjunktur und nicht nur die zu steuern, anderseits kann die Regierung via ihre Staatsbetriebe auch geopolitische Ziele verfolgen.

Hinter vielen unternehmerischen Initiativen stecken in Tat und Wahrheit staatliche Akteure. Gute Beispiele dafür sind die neue Seidenstrasse in Eurasien, welche vom Schweizer Fernsehen schon als „Chinas Weg zur Welteroberung“ tituliert wurde oder auch Chinas Infrastrukturprojekte in Afrika, welche die Rohstoffversorgung langfristig sichern sollen. Nach knapp zwei Jahren Trump hat sich die Welt schon ziemlich verändert. Die Finanzmärkte haben das längst begriffen. Trump macht „deals“, ein Begriff, der bei uns etwas zwielichtig klingt, aber letztlich Ergebnisse verkörpert im Gegensatz zu endlosen Marathonverhandlungen für zähe Kompromisse.

Das wollen die Akteure an den Finanzmärkten sehen. Seit Trump regiert, sind die amerikanischen Märkte allen anderen davon galoppiert. Ganz falsch kann er also nicht liegen, auch wenn er für viele von uns ein schlichtweg unmöglicher Typ ist. Das zählt an der Börse nur nichts und Trump scheint egal, wer was von ihm hält. Man muss ihn ernst nehmen, ob man nun will oder nicht. Zeit für deals auch oder besonders in Europa. Sonst droht ein neues spieltheoretisches Gleichgewicht. Das sogenannte Leader-Follower-Gleichgewicht. Die Rollen sind derzeit klar verteilt. Das kann nicht im Sinne des alten Kontinents sein.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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