Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Milliarden auf Distanz

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Wenn kommende Woche Restaurants, Läden und Museen wieder öffnen, der Wochenmarkt zurück ist und Schulkinder die Strassen beleben, kehrt zumindest fürs Auge annähernd die Normalität zurück. Man spürt bereits jetzt, dass die Strassen nicht mehr ganz so leer sind wie zum Höhepunkt des Lockdown und im öffentlichen Verkehr die Personenzahlen wieder etwas zunehmen.

Genau betrachtet sind wir aber noch immer meilenweit entfernt von der sonst alltäglichen Mobilität. Denn wir sollen nach wie vor auf Distanz zueinander gehen. Mir macht das nichts weiter aus, aber offenbar tun sich viele Menschen schwer damit, die Abstandsregeln einzuhalten. Dass uns unsere Bundespräsidentin für die Zeit des Lockdown ein Lob ausspricht und festhält, im grossen und ganzen hielten sich die Schweizer und Schweizerinnen an die Abstandsregeln, zeugt von einer rosarot gefärbten, optimistischen Wahrnehmung. Tatsächlich sieht es anders aus. An der Eingangstüre zum Kiosk am Bahnhof Luzern hängt ein Zettel mit der Aufschrift „maximal 2 Personen“ und drin befinden sich 4 Leute. An der Kasse im Aldi in Baar spüre ich den Atem eines offenbar ungeduldigen Kunden im Nacken. Prokopf-Konzepte scheitern letztlich an den Menschen. Auch wenn draussen schön abgezählt wird, dass die zulässige Kundenzahl pro Quadratmeter in den Läden nicht überschritten wird, wird es im Laden dennoch zu eng, wenn alle gleichzeitig ans Kühlregal drängen. Zwei Meter? Nie und nimmer.

Wenn nun die Restaurants wieder aufgehen, wird es interessant sein, wie die verschiedenen Betreiber die Auflagen umsetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele unter der aufgezwungenen Kapazitätsbeschränkung ihren Betrieb rentabel führen können. Auf manchen Toiletten dürfte es so oder so eng werden. Was für Restaurants gilt, gilt auch für die meisten Bergbahnen. Sie sind auf eine hohe Auslastung angewiesen. Zwei Meter Abstand sind da Gift, ob die Menschen sich nun dran halten oder nicht, der Betreiber muss es wohl.

Bloss keine Giesskanne
Die Wirtschaft wird nach der Vollbremsung im April auch im Mai und voraussichtlich bis in den Sommer hinein noch nicht auf Touren kommen. Dann könnte eine zaghafte Wende einsetzen, vorausgesetzt es kommt nicht zu dieser ominösen zweiten Welle. Die hohe Auslastung der Kapazitäten wie vor der Krise wird aber 2020 kaum mehr erreichbar sein. Denn es wird immer klarer, dass die Schweiz mitten in der Rezession steckt. Der Bund gibt sich zwar grosszügig, noch nie musste ein Schweizer Parlament – noch dazu im Eildurchgang – so viel Geld bewilligen, doch trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass das alles schon mal da gewesen ist. Denn inzwischen stehen sie alle Schlange. Nicht mehr nur die kleinen Gewerbetreibenden sondern, auch die Fluggesellschaften, die Maschinenbauer, die Automobilindustrie, deren Zulieferer und so weiter.

In Gastgewerbekreisen wird die Wahrscheinlichkeit hoch gehandelt, nach der 20% der Betriebe im laufenden Jahr Konkurs gehen könnten. Das lässt aufhorchen. Vor drei Monaten lief es im Gastgewerbe nämlich noch wie geschmiert. Alles deutete auf einen Rekordwinter hin, nachdem schon in den Jahren zuvor die Übernachtungszahlen deutlich angezogen hatten. Und doch haben es viele Betriebe offenbar nicht geschafft, genug Substanz aufzubauen.

Wir laufen daher mit jedem Hilfspaket für die Wirtschaft zunehmend Gefahr, ihr mehr zu schaden als zu helfen, in dem nicht wettbewerbsfähige Unternehmen am Leben gehalten werden. Wenn der globale Wettbewerb so mörderisch ist, dass man Margen erwirtschaftet, die gerade mal reichen, von der Hand in den Mund zu leben, dann ist das eigentlich Indiz mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Weltweit fliessen nun wieder Staatsgelder in genau die Bereiche der Wirtschaft, welche nicht zum ersten Mal, beim Staat anklopften, sondern wiederholt gerettet werden mussten.

Diese Anspruchskultur ist hierzulande zum Glück noch nicht flächendeckend vorzufinden und die automatischen Stabilisatoren im Arbeitsmarkt sind effizienter als die Giesskanne. Die Schweiz ist bekanntlich nicht geübt darin, so viele Milliarden auf einen Schub auszugeben. Sie tut folglich gut daran, genau zu prüfen, wem sie finanziell unter die Arme greift.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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