Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Spaltig

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Jetzt habe ich brav und geduldig an der Kasse angestanden und auch noch so lange gewartet, bis die Dame vor mir ihre Sachen vom Band in ihre Einkaufstüte gepackt hat und werde schon von dem hinter mir angeraunzt. Ob ich mich nicht mal langsam nach vorne bewegen wolle, herrscht er mich an. Er sitzt mir fast im Nacken. Er hat es offenbar eilig und seit der Bundesrat entschieden hat, die Schweiz wieder etwas aufzulockern, ist hierzulande jeder, der sich noch etwas zurückhält, ein Hindernis für die Rückkehr der Masse in die gewohnte Gedanken- und Sorglosigkeit sowie das hohe Tempo des Alltags. Die alten Marotten, bald sind sie alle wieder da.

Ein bis zwei Meter…
Wie heisst es doch so schön? Was nichts kostet, ist nichts wert und wenn keine Bussen drohen, dann ist der Mindestabstand nicht mehr als ein unsichtbarer Amtsschimmel. Richtig ernst hat den Abstand davor auch kaum jemand genommen und jetzt liegt er noch 50 Zentimeter tiefer, bei nur noch 1 Meter und 50 Zentimetern statt bei 2 Metern. Wissenschaft sieht anders aus. Da ist die Medizin so vage wie die Ökonomie. Zeigt das Virus mittlerweile Ermüdungserscheinungen bei der Überwindung des letzten Meters? In Deutschland galten eins fünfzig von Anfang an. Haben die Deutschen eine zahmere Virusvariante? Die Dänen reduzierten Ende Mai von zwei Metern auf einen. Ist deren Virus noch kraftloser geworden als unseres? In Frankreich war es von Anfang an ein Meter. Hatten die Franzosen die konditionsschwächste Variante des Virus? Die Schweden wollten einen Mindestabstand erst gar nie quantifizieren. Wussten die überhaupt nichts von der Reichweite des Virus?

…mit oder ohne?
In Italien war der Mindestabstand auch nie ganz klar. In Südtirol müssen mindestens zwei Meter eingehalten werden, beim Wandern aber drei, welcher Logik auch immer das folgt. In geschlossenen Räumen hingegen gilt in den Dolomiten ein Mindestabstand von einem Meter bei gleichzeitiger Maskenpflicht. Am Strand muss in Italien der Abstand zwischen zwei Sonnenliegen mindestens eins fünfzig betragen und pro Sonnenschirm müssen zehn Quadratmeter eingeplant werden. Das würde ich mir eigentlich ganz gern vor Ort ansehen, die Umsetzung meine ich. Wer lieber im Ausland einkaufen möchte, kann zum Beispiel wieder ins Lago nach Konstanz fahren. Er sollte aber die Schutzmaske nicht vergessen, denn sonst droht ihm eine Busse zwischen 15 und 30 Euro.

In der Schweiz gibt es keine Schutzmaskenpflicht höchstens Empfehlungen, etwa im Öffentlichen Verkehr bei dichtem Gedränge eine zu tragen. Aber Achtung: wer mit dem Zug von der Schweiz nach Italien unterwegs ist, der muss in Chiasso schleunigst die Maske anziehen, denn die ist in Italien Pflicht. Bei uns wird sie empfohlen, wenn der Mindestabstand (neu: eins fünfzig) nicht eingehalten werden kann. Mit den Masken ist es wie mit dem Abstand, ein einziger Wildwuchs. Das ist kein föderales Europa, sondern ein Europa der Nationen, was unlängst auch beklagt wurde. Und das ist wohl auch mit der wichtigste Grund, dass im Schengen-Raum das Reisen so plötzlich wieder möglich gemacht wurde. Und dass die Europäische Kommission sich genötigt sah, ein riesiges – neben den vielen nationalen Paketen – Konjunkturpaket zu schnüren, das auch kräftig umverteilt. Wenigstens hier herrschte fast europaweit – ostentatives – Einvernehmen. Lassen wir die Sparsamen mal ausser Acht.

Virus schädigt Image
Das Neuland Covid-19-Virus ist noch immer wenig erschlossen. Und das lässt allerhand Skurriles keimen. Der mächtigste Mann der Welt behauptete eben gerade, dass man es mit dem Virus auch übertreiben könne, etwa in dem man zu viel teste, gestreng der Logik, was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss. Er hatte auf Twitter auch schon andere Tipps zu Corona auf Lager, was ihm noch mehr Kopfschütteln einbrachte. Der englische Premier verhielt sich lange Zeit sehr – sagen wir mal – zu locker und unvorsichtig und Jair Bolsonaro, Präsident Brasilliens, ist wahrscheinlich einer der wenigen, der noch bis vor kurzem alle und jede per Handshake grüsste.

Die zur Selbstpromotion angelegte Adria-Tour Novak Djokovic’s, der Nummer 1 im Welttennis, endete eben in einem Covid-19-Virus-Desaster für den Tennisprofi selbst, denn er wurde positiv getestet und hat mit seiner aufgesetzten Unbekümmertheit seine Familie gefährdet, seine Kinder und sein ganzes Umfeld, und wahrscheinlich hat er auch seine Frau und andere angesteckt. Davor hatte er sich kategorisch geweigert, sich testen zu lassen. Im sozialen Netz war dazu zu lesen: „Es war schon immer klar, dass Djokovic nicht die hellste Kerze auf der Torte ist. Doch das schlägt alles“. Man sehe, das Virus kann nicht nur Leben gefährden, Staatsführer der Lächerlichkeit preisgeben, sondern das Image ruinieren.

Von wegen Disruption
Covid-19 hat unsere Gesellschaft nicht nur gespalten, sondern auch den Wertedualismus gefördert. Denn wie ich mit dem Typen hinter mir hadere, hadert der ja genauso mit mir. Wir haben wohl beide recht, obwohl der eine schwarz und der andere weiss sieht. Kein Bundesrat, kein Parlament, geschweige denn die Heerscharen von Immunologen oder Medizinern können uns eine Antwort darauf geben, wer sich denn nun richtig verhält oder nicht. Bin ich ein Moralapostel oder er ein unverbesserlicher Besserwisser? Bin ich paranoid oder er fatalistisch? Als es noch Bussen gab, wenn’s überhaupt welche gab, war zwar auch nicht klar, wer recht hatte, aber wenigstens wusste jeder, was rechtens ist und was nicht. Trotz des Spaltes, den das Virus aufriss, hatte es aber trotz wirtschaftlichen Kollateralschaden nicht die disruptive gesellschaftliche Wirkung, die man ihm ursprünglich zugetraut hatte, zumindest noch nicht – zweite Welle vorbehalten.

Wirtschaftlich betrachtet könnte der Schaden indes kaum höher sein. Es braucht aber offenbar mehr, um unsere Gewohnheiten, die guten wie die schlechten, nachhaltig zu brechen. Wenigstens wurde der Typ an der Kasse hinter mir nicht handgreiflich, ganz gegen den Trend. Denn immer mehr Jugendliche, wie über das Wochenende in den Zeitungen zu lesen war, werden das. Auch diese Spezies war virusbedingt stillgelegt. Die Fitnesscenter fürs Muskelpumpen waren geschlossen und viele städtische Hotspots ebenso. Und so konnten sich die Heisssporne für eine ganze Weile weder am See noch sonst wo anpöbeln und anschliessend verprügeln oder gar niederstechen. Wenn sie die Zeit dafür genutzt hätten, statt Muskeln die Hirnzellen zu trainieren, wäre das mindestens eine kleine Disruption. Aber selbst die blieb aus, und schon ist wieder alles, wie es war, in Therwil oder Genf, wo es eben gerade wieder krachte. Üble Gewohnheiten vertreibt auch kein Virus. Was braucht es denn noch?

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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