Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Warten auf Godot

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder so gelangweilt von einem Buch war wie von Samuel Becketts „Warten auf Godot“, um das ich in der Schule leider nicht herum kam. Die Becket-Fans mögen mir dieses Urteil bitte verzeihen, vielleicht war ich damals noch nicht reif genug für diese anspruchsvolle Sorte Dramen, aber ich konnte das einfach nicht zu Ende lesen, weil ich das ewige Warten schon schnell satt hatte. Mit einer vertieften Studie einer Erläuterung des Werkes habe ich mich damals knapp durch die Prüfung gerettet. Worum gehts grob bei diesem Klassiker?

Zwei Clochards warten irgendwo auf einer Landstrasse auf jemanden, den sie nicht kennen und von dem sie nicht wissen, ob er jemals kommt. Sie wissen nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Das ist natürlich nicht der Stoff für einen kurzweiligen Roman, aber so ist nun mal die Handlung und sie dauert stolze zwei Akte lang. Die Beiden befördern im Grunde nichts Neues zu Tage ausser völlig absurden Wortwechseln und gelegentlichen Unstimmigkeiten untereinander mit jeweils folgender Versöhnung. Zudem erfinden die beiden Protagonisten Estragon und Wladimir alles Mögliche zum Zeitvertreib und diskutieren auch verschiedene Varianten, sich selbst ums Leben zu bringen. Das Erscheinen von Diener Lucky und seinem Herrn, dem Landbesitzer Pozzo, der eigentlich ein Tyrann ist, sorgt nur für noch mehr Verwirrung.

Die Story allein ist schon fast legendär obskur. Letztlich gibt es kein Happy End, nein nicht mal ein eigentliches Ende der Geschichte. Das menschliche Dasein ist demnach ziemlich sinnlos, wir warten alle auf etwas, aber wissen nicht genau auf was und ob es jemals geschieht. So komisch, irrational und verrenkt sind wir Menschen eben, lautet meine Interpretation des grossen Klassikers. Literaten und Literaturbeflissene bitte ich um Verzeihung für diese interpretatorische Vereinfachung.

„Würde Gold kaufen“
Mich erinnert „Warten auf Godot“ irgendwie an viele Menschen, denen ich in meiner (bisherigen) Berufslaufbahn begegnet bin. Noch bevor ich selbst in der Finanzbranche tätig war, riet mir ein Finanzanalyst aus dem Freundeskreis im Jahre 1988 Gold zu kaufen. Er rechne schon bald mit einem markanten Ausbruch des Goldpreises nach oben. Damals kostete eine Feinunze Gold etwa 450 Dollar. Der Gute war konsequent, wartete satte zehn Jahre und war dann auch ehrlich genug, mich wissen zu lassen, er sei schliesslich aus Gold ausgestiegen – mit Verlust, er verkaufte die Feinunze für knapp 260 Dollar. Er sei wohl doch ziemlich danebengelegen mit seiner Prognose. Lag er nicht, nur das Timing war schlecht, wie man heute weiss. Denn Gold notierte gut zehn Jahre später bei 1‘900 Dollar. Hätte er doch nur, aber der Konjunktiv hat eben noch niemandem geholfen.

Warteprofis
Auf etwas an den Finanzmärkten zu warten, ist so unvernünftig wie das Verhalten Estragons oder Wladimirs. Mit ganz wenigen Ausnahmen, etwa wenn man Aktien kauft und noch eine anständige Lebenserwartung vor sich hat. Irgendwann, mit der Betonung auf „irgend“, verdient man dann etwas, je nach Timing. An den Finanzmärkten warten sie traditionell immer auf irgendeinen Godot. Die Finanzmarktjongleure sind gegenüber Estragon und Wladimir aber im Vorteil. Sie haben zumindest eine vage Vorstellung von dem, auf was sie warten und kennen sogar gleich mehrere Godots, die ich ihnen noch namentlich vorstelle. Ansonsten stecken die Finanzmarktteilnehmer aber in derselben Zwickmühle wie die Romanfiguren.

Wann und ob überhaupt Godot reinschaut, wissen auch die am besten informierten Cracks unter den Finanzmarktinvestoren nicht. Da sie aber die Zukunft handeln, sind sie zum Warten verdammt. Denn eine Prognose für die Zukunft lässt sich erst dann bestätigen, wenn sie definitiv eingetreten ist. Die Finanzmärkte sind eine typische Wartebranche. Warten ist Teil des Berufs. Die Finanzmarktteilnehmer spielen zur Überbrückung der Langeweile während der Wartezeit wie bei „Warten auf Godot“ diverse, teils ziemlich sinnlose Spielchen. Die machen aber das Warten erst recht unerträglich und haben so wohlklingende Namen wie Volatilität, Unsicherheit, Neubeurteilung, Enttäuschung oder ähnlich.

Alleskönner Godot
Ich stelle Ihnen nachfolgend einige Godots mit Nachnamen vor – Godot Gold kennen Sie ja schon bereits. Die bekanntesten Godot entstammen der Familie Zins. Die ist eng verwandt mit Familie Inflation. Auf Godot Inflation warten die Finanzleute zwar noch keine Ewigkeit, aber der Termin für die Zusammenkunft wurde die letzten Jahre stets verschoben. Ausserdem wartete man zwischenzeitlich auf einen unehelichen Sohn der Inflationsfamilie, den Godot Deflation. Familie Zins kennt drei Dynastien. Godot Zinsheber, Godot Zinssenker und Godot Zinswender. Godot Zinsheber wanderte schon vor Jahren aus Europa aus, denn hier fand er keine Arbeit mehr und niemand wartete mehr auf ihn. Eben wurde er auch von den USA ausgesteuert.

Der bekannteste Godot ist seit mehreren Jahren der mit Nachnamen „Zinswender“. Er kam 2010 auf einen Sprung vorbei, die Renditen von 10-jährigen Bundesobligationen stiegen damals von einem auf zwei Prozent. Dann liess er sich fast zwei Jahre lang nicht blicken und sorgte 2013 für etwas Entspannung. Die Renditen stiegen damals von 0.3% auf 1.3%. Das bisher letzte Mal sah man Godot Zinswender im Sommer 2016. Er peitschte die Rendite der 10-jährigen Eidgenossen von minus 0.7% auf knapp über null Prozent und ward dann wieder verschwunden. Seitdem wartet niemand mehr auf ihn an den Märkten. Ich glaube Godot Zinswende ist ein Phantom. Godot Brexit ist auch so ein Kerl.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Raiffeisen

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