Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Wenn der Handel stockt

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Globalisierung ist ein weit gefasster Begriff. Er bezeichnet die globalen Verflechtungen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und zahlreichen anderen Bereichen der Gesellschaft. Die Bezeichnung kursierte im englischen Sprachraum wohl schon in den 1930er und 1940er, ging dann aber vergessen. Kein Wunder, denn im Zweiten Weltkrieg und noch Jahre danach war jedes Land streng darauf bedacht eine autarke Wirtschaft aufzubauen. Erst in den 1960er tauchte „die Globalisierung“ langsam wieder in der Literatur auf. Wo ich aufwuchs, wurde sie damals langsam spürbar. Es gab Bananen und erste, wenn auch wenige so doch, japanische Fahrzeuge auf den Strassen. In den frühen 1980er Jahren haben dann der amerikanische Trendforscher John Naisbitt und der deutsche Harvard-Ökonom Theodore Levitt mit ihren Büchern und Artikeln den Begriff der Globalisierung endgültig popularisiert.

Genauso breit wie die Globalisierung definiert ist, gehen die Meinungen darüber auseinander, wann sie eigentlich begonnen hat. Manche Historiker orten den Beginn der Globalisierung z.B. im Jahr 1492 und der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, andere im späten 18. Jahrhundert und der industriellen Revolution in England, wieder andere im Jahr 1991 und dem Fall der Sowjetunion. Auch in der Ökonomie gibt es keinen klaren Konsens, am ehesten noch für das Jahr 2001, als China in die Welthandelsorganisation WTO aufgenommen wurde. Der Beitritt hat dem Reich der Mitte das Tor zur Welt geöffnet und der Welt eine riesige Fabrik beschert, die den Globus seit dem unentwegt mit günstigen Massenartikeln überschwemmt. Die Konsumenten im Westen hatten so über Nacht eine grössere Kaufkraft. China selbst entwickelte sich mit den Jahren vom Agrarland zu einer Supermacht, die wohl in wenigen Jahren das Bruttoinlandprodukt der USA erreichen und somit zu grössten Volkswirtschaft der Welt wird.

Globalisierungsgifte Finanzkrise und Corona
Früh schon wurde die Globalisierung auch kritisiert, vornehmlich von linker Seite, z.B. der 1998 gegründeten Nichtregierungsorganisation Attac. Beanstandet wurden die grosse Macht der multinationalen Unternehmen oder die Umweltverschmutzung, z.B. durch die Supertanker auf den Weltmeeren, aber auch die ungleiche Verteilung der Globalisierungsgewinne. So richtig in Verruf geraten ist die Globalisierung aber erst durch die Finanzkrise von 2008/2009. Sie erdrückte den zuvor noch herrschenden Globalisierungsboom. Seit der Finanzkrise hat die Weltwirtschaft nie wieder ähnliche hohe Wachstumsraten erzielt wie zuvor. In den Schwellenländern – mit Ausnahme von China – platzte der Traum, bald zu den reichen Ländern aufholen zu können. In den Industrienationen wiederum mussten die Notenbanken die Märkte jahrelang mit Liquidität versorgen, um überhaupt ein, wenn auch mageres Wirtschaftswachstum erzielen zu können. Bis heute ist die Geldpolitik nicht wieder in normale Bahnen zurückgekehrt. Das Gleiche gilt auch für die Staatsverschuldung, die in vielen Ländern heute weitaus höher liegt als vor zehn Jahren.

Corona schliesslich hat diesen unheilvollen Trend, über die eigenen Verhältnisse zu leben, noch akzentuiert. Gleichzeitig werden die Menschen im eigenen Land in ihre Schranken verwiesen und dürfen vom Duft der weiten Welt nur mal eben träumen, so wie damals vor der Globalisierung die geburtenstarken Jahrgänge, für welche ein Trip über den Atlantik zum Weihnachtsshopping völlig utopisch anmutete. In der Bevölkerung etlicher Länder hat sich mit der Zeit die Ansicht durchgesetzt, die Globalisierung sei nicht die Lösung, sondern eher die Ursache vieler wirtschaftlicher Probleme, z.B. das tiefe Lohnwachstum. Arbeitsplätze aus der Industrie wurden schon Jahre zuvor massenweise ins Ausland verlagert, aber erst die Finanzkrise und die quälend langsame Erholung danach haben die Empörung darüber richtig geschürt. Gewiefte Politiker machten sich diese Unzufriedenheit zu Nutze. Der Brexit oder die Wahl Donald Trumps z.B. wären in einem weniger angeheizten, polarisierenden Klima wohl kaum passiert.

Globetrotter trifft Flugscham
Früher waren Weltenbummler eine seltene und bewunderte Spezies, bevor sie dank Globalisierung zu einer schier unkontrollierbaren Masse wurden und uns so die Grenzen der Globalisierung langsam vor Augen führten. Der Begriff der Flugscham könnte es nicht besser umschreiben. Man schämt sich heuer für etwas, was man sich immer schon leisten wollte (die geburtenstarken Jahrgänge) oder konnte (die Jahrgänge danach). Selbst vor der Sprache machte die Globalisierung keinen Halt. Im deutschsprachigen Raum wurde seit jeher eher in der „Fäkalsprache“ geflucht, es hiess einfach „Scheisse“ oder „verpiss Dich“. Heute haben sich die im angelsächsischen oder mediterranen schon lange verbreiteten sexuellen Schimpfwörter global durchgesetzt. „Fuck (you)“ ist ein unschönes aber Allerweltswort geworden. Selbst „Globalist“ wird heute als Schimpfwort benutzt, zumindest von Donald Trump. Ein Globalist ist in diesem Zusammenhang ein skrupelloser Agent des Freihandels, der den Profit multinationaler Unternehmen über das nationale Interesse stellt.

Die USA führen seit 2016 und der Wahl Trumps konsequenterweise eine protektionistische Handelspolitik. Fast die gesamten Importe aus China sind mittlerweile mit Strafzöllen belegt, was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Die in Genf domizilierte Welthandelsorganisation hat die Strafzölle vor wenigen Wochen zwar als illegal gebrandmarkt. Doch die einst respektable Organisation, die theoretisch dafür sorgen soll, dass im Handel gewisse Fairnessregeln eingehalten werden, wird von den USA (und anderen Länder) längst ignoriert. Wer heute Handelsverhandlungen führt, tut dies bilateral. Multilaterale Gespräche über eine Vertiefung des internationalen Freihandels gibt es fast keine mehr.

Schweiz in jedem Fall betroffen
Für die Schweiz sind das weniger gute Nachrichten. Der Welthandel war aufgrund des Handelskonflikts zwischen den USA und China bereits 2019 rückläufig. Die Corona-Krise dürfte nun zu noch mehr Protektionismus führen, so wie dies in schwierigen Zeiten häufig der Fall ist. Die Schweiz aber ist als offene Volkswirtschaft mitten in Europa stark vom Aussenhandel abhängig. Der Heimmarkt ist schlicht zu klein, weshalb die Industrie auf den Export angewiesen ist. Auf der globalen Einwohnerrangliste belegt die Schweiz zwar bloss Platz 99. Die qualitativ hochstehenden Exportprodukte sind auf dem Weltmarkt aber derart gefragt, dass nur 17 andere Länder noch mehr Waren exportieren als die Schweiz. Für den Wohlstand der Schweiz ist es deshalb entscheidend, dass der internationale Handel nach der Corona-Krise keine weiteren Rückschläge erleidet. Die oben erwähnte Kritik an der Globalisierung ist in vielen Punkten zwar schlüssig und berechtigt. Im Falle der Schweiz sind aber auch die vielen Vorteile offensichtlich, welche die Globalisierung gebracht hat. Wer hierzulande über den Freihandel herzieht, muss sich auch bewusst sein, dass dessen Einstellung mit Wohlfahrsteinbussen gerade in der Schweiz verbunden wäre. Andererseits hat unser Land
über Jahrhunderte hinweg auch stets bewiesen, aus jeder Konstellation das Beste machen zu können, vor allem auch vorteilhafte diplomatische Lösungen vorantreiben zu können. Nicht Handeln ist gefragt zur Zeit, sondern Verhandeln.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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