Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Wenn Wahnsinn rational wird

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

«Seit ich Notenbanker geworden bin, habe ich gelernt, in grosser Zusammenhanglosigkeit zu murmeln. Wenn ich Ihnen über Gebühr klar erscheine, müssen Sie falsch verstanden haben, was ich gesagt habe.» Diese wahrlich originelle, aber mindestens so paradoxe Äusserung stammt von keinem Geringeren als Alan Greenspan. Der war Mitte 1987 bis Anfang 2006 Vorsitzender der US-Notenbank und – wenn man so will – der «Erfinder» des «Quantitativen Easing».

Den Börsencrash im Oktober 1987 löschte er mit einer bis dahin noch nie gesehenen Flut billigen Geldes. Das wurde danach mehr oder weniger Standard. Seit dem zücken die Geldhüter jeweils ihre Bazooka, wenn es an den Finanzmärkten rüttelt. Alan Greenspan prägte auch den Begriff «Irrational Exuberance», als während der Dotcom-Blase die Kurse gen Himmel abhoben, was diese dann wieder die Gravitation spüren liess. Ich verstehe bis heute nicht, dass dieser Herr zu einem Mythos geworden ist. Er war im Grunde nichts anderes als der erste Babysitter der Finanzmärkte. Und was für einer. So wie wenn Sie ihrem Jüngsten Zündhölzer schenken, obwohl es schon lichterloh brennt und ihn dann mit einem riesigen Eimer Wasser in der Hand warnen, bloss nicht zu zündeln. Wieso kommt eigentlich derzeit kein Notenbanker auf die Idee, zur Vorsicht zu mahnen?

Halt, das ist nicht ganz gerecht, denn hierzulande warnt der oberste Währungshüter wenigstens gebetsmühlenartig vor einer Immobilienblase. Jedoch nicht vor deren Platzen. Nur vor der Blase selbst, im Einklang zur grössten Bank der Schweiz, welche sogar einen gleichnamigen Index pflegt. Noch herrscht am Schweizer Immobilienmarkt auch nicht der irrationale Überschwang, von dem Greenspan damals faselte. Noch sind es mehrheitlich Selbstnutzer, die Eigenheime erwerben, weil sie darin günstiger wohnen als in Miete, oder institutionelle Anleger, welche die Geldpolitik der letzten Jahre systematisch aus festverzinslichen Anlagen vertrieben hat. Die Spekulanten tummeln sich woanders, auf Schauplätzen, welche die Währungshüter bisher wenig im Fokus haben. Da gibt es Währungen, welche die traditionellen Währungen – selbst unseren Franken – nur noch alt aussehen lassen. Bitcoin und Co. explodieren förmlich und immer mehr wollen Teil dieses Hypes sein. Ein Automobilkonzern wie Tesla war bis vor kurzem fast doppelt so viel wert wie alle grösseren Automobilhersteller der Welt zusammen und im Netz rotten sich Kleinsparer zusammen, um Leerverkäufer in die Knie zu zwingen. In Deutschland, dem Land der Angsthasen, wenn es um Geldanlage geht, sind wieder so viele Leute in den Aktienmarkt eingestiegen, wie seit Dotcom nicht mehr. Corona ist an den Finanzmärkten sowieso längst abgearbeitet. Und während spekuliert wird, was das Zeug hält, wartet der Wirt des Ochsen in XY-hausen noch immer auf die Soforthilfe, die er im November beantragt hat. Dank den Babysittern, die ihre Währungen dermassen manipulieren, dass Leute lieber Bitcoin, Ethereum, EOS oder was auch immer kaufen und Dividenden als Sparzinsen betrachten findet der Hype kein Ende, obwohl die Realwirtschaft längst noch nicht über den Berg ist.

Und jetzt – Hilfe! – steigen auch noch die Zinsen, weil Inflation zum neuen Narrativ an der Wall Street geworden ist, um wieder etwas Volatilität zu generieren, was gut ist für die Trader. Die Inflationshysterie ist wie das Geschrei des Babys nach Mama, verbunden mit der Hoffnung, dass sie den Babysitter mit dem Schoppen herbeiruft. Das geht dann zackig, nicht so wie die Soforthilfe für Lockdown gebeutelte Unternehmen und Haushalte. Die Währungshüter stehen schon mit der Bazooka bereit, falls die Zinsen am langen Ende weiter steigen sollten. Schliesslich würde ein abruptes Ende der Party auch denen schaden, die gar nicht eingeladen waren, wie immer argumentiert wird. Geht es Wall Street gut, geht’s der Wirtschaft gut. Fragt sich nur welcher Wirtschaft. Sicher nicht dem Frohsinn in XY-hausen. Es wird wirklich Zeit, den Verwöhnten, die nur mit Geld Geld verdienen und das Wertschöpfung nennen, klar zu machen, dass sie keinen Anspruch auf einen 24/7 Babysitter haben. Auch den hemmungslos Geld ausgebenden Regierungen sollte das mal wieder richtig eingebläut werden. Mit Schulden Geld zu verdienen ist einfach nur Wahnsinn. Und behaupte mir keiner, und schon gar nicht murmeln bitte, das sei rational.

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