Krypto in seinem «2003»-Moment: Vom Hype zur Substanz

Krypto in seinem «2003»-Moment: Vom Hype zur Substanz
Eliézer Ndinga, Director of Research bei 21Shares (Bild: 21Shares)

Von Eliézer Ndinga, Global Head of Research, 21Shares

Die jüngsten Kursrückgänge am Kryptomarkt werden von Kritikern als erneuter Beweis für das Scheitern der Anlageklasse gewertet. Doch wer nur auf Preise schaut, verkennt, was sich darunter verändert. Von einer existenziellen Krise kann keine Rede sein. Was wir derzeit erleben, erinnert vielmehr an die Zeit nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Damals brachen die Kurse ein, aber das Internet verschwand nicht – es wurde erwachsen. Genau an diesem Punkt steht Krypto heute.

Die Jahre 2020 und 2021 waren eine historische Ausnahmesituation. Notenbanken stellten enorme Liquidität bereit, viele Menschen hatten Zeit und verfügbares Kapital, Risikoanlagen boomten weltweit. Aktien, NFTs, Memecoins und Kryptowährungen wurden zum Spielball eines spekulativen Überschusses. Bewertungen entfernten sich zunehmend von realer Nutzung. Der anschliessende Abschwung – steigende Zinsen, weniger Liquidität, prominente Insolvenzen wie FTX – war schmerzhaft, aber notwendig. Auch Anfang der 2000er-Jahre brauchte es eine harte Bereinigung, bevor nachhaltiges Wachstum möglich wurde.

Bitcoin verlor zeitweise rund 77 Prozent an Wert, Ethereum über 80 Prozent. Solche Rückgänge wirken dramatisch und nähren Zweifel. Doch auch Amazon brach nach dem Jahr 2000 massiv ein – und legte damit den Grundstein für seine spätere Erfolgsgeschichte. Entscheidend ist nicht, wie tief die Kurse fallen, sondern ob in dieser Phase tragfähige Strukturen entstehen. Genau das lässt sich heute beobachten.

Der Markt hat sich deutlich konsolidiert. Ein Grossteil der Marktkapitalisierung entfällt inzwischen auf wenige etablierte Netzwerke wie Bitcoin, Ethereum oder Stablecoins. Viele hochspekulative Projekte sind verschwunden. Kapital konzentriert sich auf Anbieter mit realer Nutzung und wachsender Akzeptanz. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines Reifeprozesses.

Auch institutionell hat sich das Bild verändert. Universitätsstiftungen, grosse Vermögensverwalter und börsengehandelte Produkte haben Krypto dauerhaft ins Anlageuniversum integriert. Für professionelle Investoren ist die Anlageklasse nicht mehr nur ein kurzfristiges Spekulationsobjekt, sondern ein Baustein strategischer Überlegungen. Diese Entwicklung vollzieht sich leiser als frühere Rallys – ist aber strukturell weit bedeutender.

Parallel dazu schreitet die Einbindung in das bestehende Finanzsystem voran. Zahlungsdienstleister, Fintech-Unternehmen und Banken prüfen konkrete Anwendungen. Stablecoins erreichen Transaktionsvolumen in der Grössenordnung etablierter Zahlungsnetzwerke. Die Technologie tritt in den Hintergrund und wird zur Infrastruktur – ähnlich wie das Internet nach 2003 nicht mehr als Experiment galt, sondern als selbstverständliche Grundlage wirtschaftlicher Aktivität.

Hinzu kommt eine allmähliche regulatorische Klärung. Nach Jahren der Unsicherheit entstehen klarere Rahmenbedingungen. Erfahrungsgemäss sind es gerade solche Phasen rechtlicher Stabilisierung, die langfristige Investitionen ermöglichen. Auch beim Internet folgte auf die Exzesse der späten 1990er-Jahre keine technologische Stagnation, sondern der Beginn nachhaltiger Wertschöpfung.

Natürlich bleiben Risiken. Nicht jedes Projekt wird überleben, nicht jede Vision wird Realität. Doch genau diese Selektion ist Voraussetzung für Substanz. Märkte, die zwischen tragfähigen Modellen und leeren Versprechen unterscheiden, werden robuster – nicht schwächer.

Wer heute allein auf fallende Kurse blickt, wiederholt den Fehler vieler Beobachter nach 2000. Damals wurden sinkende Bewertungen mit strukturellem Scheitern verwechselt. Heute zeigt sich erneut: Preisbewegungen und fundamentale Entwicklung verlaufen nicht immer synchron. Während die öffentliche Stimmung schwankt, werden im Hintergrund Strukturen geschaffen, die langfristig tragen können.

Krypto tritt in eine Reifephase ein, nicht in den Niedergang. Der Markt wird anspruchsvoller, Kapital selektiver, Erwartungen realistischer. Genau das ist das Kennzeichen eines erwachsenden Sektors.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob die Spekulationsblase geplatzt ist – das ist sie. Die entscheidende Frage ist, was danach entsteht. Die Antwort zeichnet sich bereits ab: weniger Lärm, mehr Struktur; weniger Versprechen, mehr Anwendung; weniger Euphorie, mehr wirtschaftliche Einbindung.

Das ist kein Ende. Es ist der Beginn der substanziellen Phase. (21Shares/mc/ps)

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