Meret Schneider: Schlusslicht Schweiz dank Eigenverantwortung

Meret Schneider: Schlusslicht Schweiz dank Eigenverantwortung
Meret Schneider, Nationalrätin von 2019 bis 2023, Grüne Schweiz. (Bild: zVg)

Nach einem Wahlsonntag wie diesem (Kantonsratswahlen Kanton Zürich vom letzten Wochenende) gäbe es viel zu analysieren, zu reflektieren, Bilanz zu ziehen und sich zu fragen: warum lief es, wie es lief? Sorgen sich die Menschen nicht mehr um den Zustand unseres Planeten, den Klimawandel und unseren verantwortungslosen Umgang mit den natürlichen Ressourcen? Und dies in einer Zeit, in der wir ein Wetterextrem am anderen und einen wärmsten, trockensten Sommer oder Winter nach dem anderen zu verzeichnen haben?

Ich verstehe es nicht und kann nicht verhehlen: es lässt mich leicht konsterniert zurück. Klar wurde mir in den zahllosen Gesprächen an Standaktionen oder beim Flyern am Bahnhof: es werden attraktivere Modelle angeboten als Suffizienz und mehr Rücksicht auf Natur und Umwelt. Die Klimaproblematik werde man, so wird suggeriert, schon in den Griff kriegen, aber nicht durch Verzicht und Einschränkungen, sondern mit öko-hedonistischem Wirtschaftswachstum und Eigenverantwortung. Bloss keine staatlichen Eingriffe, keine Bevormundung und bitte keine Verbote – als mündige Konsumierende und verantwortungsvolle Unternehmen werden wir die Zeichen der Zeit erkennen und uns von selbst umweltbewusster und ressourcenschonender verhalten. Eine Art Trickle-Down-Effekt der Vernunft, die durch den zwanglosen Zwang des besseren Arguments sämtliche Schichten der Gesellschaft durchdringt und uns in eine nachhaltigere Zukunft führt. So verlockend dieses Narrativ, so fern jeglicher Realität ist es gleichzeitig.

Während allerorts die Vorzüge einer vermehrt pflanzenbasierten Ernährung gepriesen werden, ist 2022 erstmals der Fleischkonsum wieder gestiegen. Während sich mehr und mehr für Tierschutz ausgesprochen wird, steigt der Import von Tierqualprodukten wie Froschschenkeln stetig an. Und während wir brav 5 Rappen für unsere Plastiksäckchen entrichten, ist die Schweiz bezüglich Mikroplastikverschmutzung im internationalen Vergleich eines der Schlusslichter – insbesondere was die politische Regulierung betrifft. Warum? Man setze hier auf Eigenverantwortung und gerade dieses Beispiel zeigt: in der Realität funktioniert nicht, was rationalerweise eigentlich greifen müsste.

So werden laut Oceancare in der Schweiz pro Kopf und Jahr 127 Kilogramm Plastik verbraucht. 95 Kilogramm davon sind Abfall, was bedeutet, dass in der Schweiz jede Person pro Jahr Plastikmüll entsorgt, der dem Gewicht von 7300 PET-Fläschli entspricht. Damit gehört die Schweiz zu den europäischen Spitzenreitern, was den Plastikverbrauch betrifft.

14’000 Tonnen Makro- und Mikroplastik gelangen jährlich in die Schweizer Umwelt, wie Oceancare schreibt. Makroplastik sind Kunststoffteile, die grösser als 5 Millimeter sind, alles darunter wird als Mikroplastik bezeichnet. Von den 14’000 Tonnen macht der Reifenabrieb von Fahrzeugen 8900 Tonnen aus. Wo Strassen nahe an Seen vorbeigehen ist ein besonders hohes Aufkommen von Mikroplastik in den Seen nachweisbar. Der zweitgrösste Anteil macht Littering mit 2700 Tonnen aus. Plastik gelangt in Böden, ins Wasser, in Sedimente, in Schnee und sogar in den menschlichen Körper. Am Beispiel des Plastiksacks bedeutet das: Wird er nicht entsorgt, gelangt er beispielsweise in einen Fluss. Wahrscheinlich wird er, bevor er im Meer landen würde, von einem Rechen aufgehalten, herausgefischt und verbrannt. In der Zeit, in der er sich in der Umwelt befindet, wird er aber bereits von der Witterung, der Sonne und dem Wasser zersetzt und zerfällt in kleinere Teile, die vom Boden aufgenommen werden und ins Grundwasser gelangen. “Unsere Plastiksäcke selbst landen kaum als Ganzes im Meer, unser Mikroplastik jedoch schon”, sagt McLellan, die Geschäftsführerin von Oceancare.

Während in der Öffentlichkeit das Thema Plastikverschmutzung seinen Aufmerksamkeitszenit definitiv überschritten hat und wir uns durch den Verzicht auf Plastikröhrli und die Verwendung von Einweggeschirr aus Palmblättern bereits auf richtig gutem Weg wähnen, ist das Problem der Plastikverschmutzung in der Schweiz noch immer viel grösser, als die Öffentlichkeit gemeinhin wahrnimmt. Obwohl die Lösung eigentlich einfach wäre: klare Regulierungen, damit weniger Plastik produziert und verbraucht wird. Staatliche Eingriffe? Bevormundung? Was Herr und Frau Schweizerin so gar nicht gern hören, ist jedoch nicht illusorisch, sondern in vielen Ländern bereits Realität und bewährt sich.

Die Schweiz ist Schlusslicht in Europa, was die Massnahmen gegen Einwegplastik angeht. Die rechtlichen Grundlagen, den Plastikverbrauch mit Verboten einzuschränken, sind zwar da, in einer früheren Kolumne habe ich bereits über meine Motion für eine stärkere Sanktionierung von Littering geschrieben. Mit Artikel 30a des Umweltschutzgesetzes kann der Bundesrat unnötiges Einwegplastik verbieten. Und laut Artikel 26 könnte die Beimischung von Mikroplastik in Kosmetikprodukten verboten werden. Doch der Bundesrat zögert bei der Umsetzung und besteht auf Freiwilligkeit und – wie so oft – auf Eigenverantwortung.

Interessant ist hierbei: International engagiert sich die Schweiz stark für einen nachhaltigen Umgang mit Plastik. Im Uno-Umweltprogramm setzt sie sich für ein ambitioniertes Plastikabkommen ein, das Plastikabfall eindämmen soll. Während die Schweiz international vorwärts machen will, setzt sie auf nationaler Ebene kaum verbindliche Massnahmen um und gebietet dem massiven Plastikverbrauch kaum Einhalt. Nein, liebe liberale Mitmenschen, das Letzte, was ich möchte, ist ein Nannystaat, eine Bevormundungspolitik oder Verbotskultur – mitnichten! Aber was ich mir wünschte, von allen Individuen und der Schweiz als Land, wäre, dass wir auch und vor allem erst einmal vor unserer eigenen Haustür fötzelen. Ganz und gar eigenverantwortlich.


Meret Schneider, Eintrag bei Wikipedia
Meret Schneider, Eintrag auf der Parlamentsseite


Weitere Kolumnen von Meret Schneider

2 thoughts on “Meret Schneider: Schlusslicht Schweiz dank Eigenverantwortung

  1. Journalisten waren mal Profis. Frau Schneider kann nicht mal Plastik von Gummi unterscheiden. Zudem wird die Schweiz angeprangert, ein Schlusslicht zu sein, mindestens bei der Gesetzgebung. Das ist schlicht eine Verdrehung der Tatsachen, dass nämlich und wirklich auf freiwilliger Basis PE, PET das wäre dann Plastik) usw. gesammelt wird.
    Reifen bestehen aus Rayon, Stahl und ein Autoreifen besteht zu ca. 41 % aus Kautschuk. Kautschuk ist kein Plastik! So viel zu fundiertem Journalismus, im Versuch sich einen Hauch Klimawissen und Umweltschutzwissen anzudichten und dem geneigten Leser eigentlich Falschinformationen zu verticken

  2. Sehr geehrter Herr Glauner,
    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Frau Schneider ist, wie Sie vielleicht wissen, nicht Journalistin, sondern Politikerin und eine, wie wir finden, sehr gute Kolumnen-Schreiberin. Zu den Reifen: Das wurde auch andernorts schon so behandelt, da der Reifenabrieb sich mit anderen Teilen als Mikroplastik ablagert. «Reifenabrieb macht ein Viertel des Mikroplastiks in den Meeren aus. Das hat unter anderem das Umweltbundesamt errechnet. Zwar bestehen Reifen überwiegend aus Kautschuk, aber auch aus Zink, Cadmium, Blei und Kunststoff. Das alles wird beim Autofahren abgerieben.» Also, der geneigte und aufmerksame Leser, zu denen wir erfreulicherweise auch Sie zählen dürfen, wird hier durchaus mit fundierten Informationen versorgt.

    https://www.swrfernsehen.de/marktcheck/reifenabrieb-autoreifen-mikroplastik-umwelt-100.html#

Schreibe einen Kommentar