Meret Schneider: Weniger Ironie, mehr Pathos

Meret Schneider: Weniger Ironie, mehr Pathos
Meret Schneider, Nationalrätin, Grüne Schweiz. (Bild: parlament.ch)

Alle Jahre wieder… stresse ich zur Adventszeit ins Bundeshaus durch die Berner Marktgasse, wobei mir das Stressen durch betont schlendernde Bernerinnen und Berner, diverse posaunende Grüppchen der Heilsarmee und den ein oder anderen Marronistand erschwert wird. Von meinem Zimmer in Bern, vorbei an leuchtenden Schneemännern im Garten der Nachbarn (welch ein Kitsch), an Weihnachtsmärkten, die inzwischen eher Streetfoodmärkten gleichen (warum jetzt Bao Buns und Tom Kha Gai am Weihnachtsmarkt?) und rein ins Bundeshaus mit Blick auf den riesigen Weihnachtsbaum in der Kuppelhalle (etwas gar pompös).

In diesem Modus der konsumkritischen, kommerzskeptischen linken Politikerin sehe ich im Glitzern der Weihnachtskugeln nur den leuchtenden Kaufimperativ, rieche beim Glühweinduft nur den bitteren Nachgeschmack der prekären Situation der Marktfahrenden und höre beim Last Christmas aus den Supermärkten nur das rhythmische Rattern einer funktionierenden Überproduktionsgesellschaft. Um nicht in komplette Ablehnung zu verfallen, habe ich mir, wie in diversen Situationen, die mir missfallen, die ich aber nicht ändern kann, eine Haltung der ironischen Distanz angeeignet, mit der ich den Insignien des Überkonsums zur Weihnachtszeit begegne. So wie Menschen “ironisch” Reality Shows sehen, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie tatsächlich mitfiebern, wenn es darum geht, wer die nächste Rose kriegt, für wen Frau Klum doch kein Foto hat oder ob es Sabrina schafft, die aufwendige Torte beim perfekten Dinner aus der Form zu kriegen. Man schaut mit,  aber natürlich nur ironisch, nur zur Belustigung, der Ausgang der Sendung oder die Teilnehmenden sind einem komplett egal, klar.

So ging ich und so gehen viele meiner Generation, wie ich beobachte, durch die Weihnachtszeit. Man geht an Familienfeste nicht ohne die Augen zu rollen über den Onkel, der sich dem generischen Maskulinum verschrieben hat. Man kauft den ein oder anderen Weihnachtsschmuck, aber den witzigen, in Form einer lachenden Aubergine, eines Spiegeleis oder eines Spongebobs und hängt ihn an die Designerlampe. Man geht mit Freunden über den Weihnachtsmarkt, mokiert sich über die immer gleichen Stände, den Preis für den Glühwein und kauft irgendein Teelicht für die Grossmutter. Und schaut dabei sehnsüchtig den Eltern zu, die ihren Kindern den ganzen Weihnachtskitsch als den Zauber dieser Saison verkaufen und ihn dadurch noch einmal selbst erleben. Die quasi gezwungenermassen noch einmal mit voller Ernsthaftigkeit Türchen öffnen, Weihnachtsgeschichten erzählen, Adventskränze basteln und am Chlausumzug den Kindern Mut zusprechen, sich dem Chlaus zu nähern.

Von der ironischen Distanz aus ihrer kinderlosen Zeit haben sie sich verabschiedet, denn die ironische Distanz ist die Feindin der Ernsthaftigkeit und der Unmittelbarkeit echter Gefühle. Manchmal sehe ich Grüppchen junger Leute, die sich über Weihnachten lustig machen oder beschweren und sehe in ihren geringschätzenden Blicken die Sehnsucht danach, sich dem Weihnachtszauber ernsthaft hingeben zu können, ohne als Kitschtante oder -onkel verschrien zu werden. Vielleicht sind die Blicke auch einfach nur geringschätzend und ich projiziere mit dem ganzen Pathos, zu dem ich zur Adventszeit in der Lage bin (und das ist eine Menge) meine eigene Sehnsucht danach hinein. Vermutlich ist es das. Und tatsächlich gönne ich mir in dieser Adventszeit und der Zeit zwischen den Jahren die volle Dosis Unmittelbarkeit und Echtheit in Bezug auf den ganzen Weihnachtszauber. Diese Unmittelbarkeit erfordert das, was ich mir durchs Jahr hindurch eigentlich nicht wünsche: Eine allumfassende Oberflächlichkeit, ohne Konsequenzen und Hintergrund einer Situation oder Handlung zu hinterfragen.

Kein Gedanke an Fair Trade bei der heissen Schokolade, keine Frage nach Sinnhaftigkeit beim Kauf des glitzernden Staubfängers, den ich einfach kaufen *muss*, kein Gedanke an Lichtverschmutzung beim Betrachten der diversen Weihnachtsbeleuchtungen. Einfach nur mitgehen, sich verzaubern lassen, auf sich wirken lassen und noch einmal in Kindheitserinnerung an die verzauberte Welt schwelgen. Ich muss sagen, ich habe es genossen und ich werde es wieder so handhaben als Kitschtante, die ich nun einmal bin, im Dezember 2026. Die Welt verbessern können wir auch Januar bis November, und auch darauf freue ich mich wieder.


Die letzten 10 Kolumnen von Meret Schneider

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert