SGKB investment views: Hütet Euch vor der Inflation

Thomas Stucki
Von Thomas Stucki, Chief Investment Officer bei der St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Vor zwei Jahren fürchteten sich die Finanzmärkte vor einer Deflation. Die Zentralbanken begründeten ihre Geldschwemme damit. Die Pessimisten sahen sich in ihren Prognosen für «japanische Verhältnisse» bestätigt und die Aktienmärkte stotterten. Negative Inflationsraten hat man in den meisten Ländern jedoch nie gesehen. Das Wachstum der Weltwirtschaft ist heute so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Einzelne Volkswirtschaften wie diejenigen Deutschlands oder der USA nähern sich der Überhitzung.

Dennoch ist die Geldpolitik der Zentralbanken mit dem Hinweis auf eine zu tiefe Inflation immer noch expansiv. Die Fed begründet damit ihre Politik der langsamen Zinserhöhung. Für die EZB ist es der Anlass, trotz überdurchschnittlichen Wachstumsraten immer noch mit der grossen Keule zuzuschlagen. Das beruhigt die Finanzmärkte und lässt die Anleger von goldenen Zeiten und neuen Aktienhochs träumen. Sollte die Inflation an Dynamik zulegen und die Zentralbanken unter Druck geraten, restriktiver zu werden, wäre ein böses Erwachen der Anleger die Folge.

Die aktuellen Inflationsraten sind tief und es zeigt sich kein Trend nach oben. In den USA hat der Inflationsdruck im letzten Jahr gar abgenommen. Der wichtigste Inflationsindikator für die Fed, die PCE Kernrate, liegt mit 1.5% deutlich unter den angestrebten 2%. In der Eurozone verläuft die Inflationsentwicklung bei 1.4% stabil. Auch in Deutschland ist mit 1.7% kein überdurchschnittlicher Preisdruck erkennbar. In der Schweiz ist die Inflationsrate in den letzten Monaten deutlich gestiegen, liegt mit einem Wert von 0.8% aber im Komfortbereich der SNB. Zudem ist der Anstieg vor allem auf den schwächeren Franken zurückzuführen. Einzig in Grossbritannien ist der Preisdruck mit 4.2% deutlich höher als von der Zentralbank erwünscht. Für die Zinsentwicklung bei den Obligationen sind jedoch die Inflationserwartungen der Fi-nanzmärkte wichtiger als die effektiven Inflationsraten; sie sind ebenfalls noch tief. Nach einem starken Sprung nach oben im Herbst 2016 haben sie sich stabilisiert.

Quelle der (ausgefallenen) Teuerung
Es gibt viele Theorien, warum die Inflation nicht mehr ansteigen wird, von den preisdämpfenden Effekten des Internets bis zur Alterung der Bevölkerung. Dennoch sollte man mögliche Quellen einer höheren Inflation nicht aus den Augen lassen. Eine davon sind die Rohstoffpreise, insbesondere die Energiepreise. Der Erdölpreis ist seit dem letzten Sommer um 40% gestiegen, derjenige von Erdgas um 25%. Das äussert sich bereits in höheren Benzinpreisen und erhöht die Produktionskosten. Das wird sich mit der Zeit in Preiserhöhungen auswirken. In den Jahren zuvor drückten tiefere Energiepreise jeweils die Inflation nach unten.

Der noch wichtigere Faktor sind steigende Löhne. In den Statistiken lassen sich diese noch nicht erkennen. Die Lohnforderungen der deutschen Gewerkschaften zeigen aber, dass angesichts der tiefen Arbeitslosenraten der Druck zunimmt. In den USA hat Walmart den Mindestlohn von 10 auf 11 Dollar pro Stunde angehoben. Offiziell hat die Firma das mit den Einsparungen durch die Steuerreform begründet. In der Realität dürfte es für Walmart schwierig geworden sein, genügend Leute zu finden, nachdem ihre Konkurrenten die Löhne angehoben haben.

Psychologischen Faktoren der Inflationserwartungen
Wenn sich die Anzeichen eines stärkeren Inflationsdruckes verdichten und die Anleger beunruhigt werden, ist ein Überschiessen der Inflationserwartungen nach oben möglich. In der Folge bereitet sich die Diskussion aus, ob die Zentralbanken zu lange gewartet haben und die Inflationsentwicklung nicht mehr unter Kontrolle haben. Ein Sprung der Kapitalmarktzinsen nach oben sowie schnellere und frühere Zinserhöhungen durch die Zentralbanken kippen die Stimmung an den Aktienmärkten ins Negative und lassen die Kurse purzeln. Bei diesem Szenario sind wir noch nicht. Es lohnt sich aber, auf der Hut zu sein und die Inflationsentwicklung sorgfältig zu beobachten.

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 35 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von 6,0 Milliarden Franken. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

St. Galler Kantonalbank AG
Die St.Galler Kantonalbank wurde 1868 gegründet und ist seit 2001 an der Börse SIX Swiss Exchange kotiert. Der Kanton St. Gallen hält als Mehrheitsaktionär 54.8% des Aktienkapitals. Als Universalbank bietet sie den Kunden in ihrem Heimmarkt die gesamte Palette von Finanzdienstleistungen an. In Zürich ist sie mit einer auf Vermögensverwaltung spezialisierten Niederlassung präsent. Mit ihrer umfassenden Dienstleistungspalette betreut sie Privatkunden in der Deutschschweiz in allen Fragen der privaten Vermögensplanung und Vermögensverwaltung. Am 31. Dezember 2016 beschäftigte die St.Galler Kantonalbank Gruppe insgesamt 1227 Mitarbeitende und verwaltete Kundenvermögen von CHF 38.3 Milliarden. Das Stammhaus besitzt Staatsgarantie und das Aa1-Rating von Moody’s.

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