Neue Nukleartechnologien könnten laut Studie Stromlücke verringern

Neue Nukleartechnologien könnten laut Studie Stromlücke verringern
Model eines von Toshiba entwickelten Atomreaktor der Generation III. (Foto: Flickr/Toshiba)

Bern – Weniger Stromimporte im Winter, aber finanzielle Risiken und gesellschaftliche Hürden: Die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) hat untersucht, was der Bau neuartiger Kernkraftwerke für das Schweizer Energiesystem bis ins Jahr 2070 bedeuten würde.

Bestehende Atomkraftwerke kommen an ein Betriebsende, wie Studienleiter Peter Burgherr vom Paul Scherrer Institut (PSI) bei einer Präsentation des 550-Seiten starken Berichts am Dienstag vor den Medien betonte. Parallel dazu läuft die politische Debatte über die Aufhebung des AKW-Neubauverbots. Mit der neuen Untersuchung wollten die Forschenden des PSI, der ETH Zürich, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, der Universität Bern und weiterer Institutionen eine Auslegeordnung zu den Chancen und Risiken dieser neuen Technologien für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft liefern. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Welche Nukleartechnologien wurden in der Untersuchung analysiert und welche kommen für die Schweiz in Frage?
Die Forschenden untersuchen in ihrer Analyse drei Reaktorklassen, nämlich sogenannte grosse Reaktoren der Generation III/III+, wassergekühlte kleine modulare Reaktoren (SMR) sowie fortgeschrittene modulare Reaktoren (AMR) mit alternativen Kühlmedien. Die bisher in der Schweiz erbauten und betriebenen Kernkraftwerke gehören der Generation II an.

Gemäss der Studie sind grosse Reaktoren der Generation III/III+ und wassergekühlte SMR aufgrund ihres Reifegrads die einzig realistischen Optionen für einen Baubeginn um das Jahr 2040.

Wann könnte frühestens ein neues Kernkraftwerk in der Schweiz ans Netz gehen?
Selbst wenn die Schweizer Bevölkerung das Neubauverbot aufheben würde, ist ein rascher Bau unrealistisch. Die Studie schätzt, dass von der Machbarkeitsstudie bis zur Inbetriebnahme rund 20 Jahre vergehen würden. Es braucht langwierige Bewilligungsverfahren und die Möglichkeit für fakultative Objektreferenden. Das bedeutet konkret: Würde man 2040 mit dem Bau beginnen, ginge die Anlage erst Ende der 2040-er- oder Anfang der 2050-er-Jahre ans Netz.

Was sind laut TA-Swiss die Chancen neuer Nukleartechnologien?
Neue Kernkraft kann der Studie zufolge im Schweizer Kontext einen relevanten zusätzlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Sie könnte insbesondere helfen, die für den Winter absehbare Stromlücke zu schliessen und angesichts des steigenden Bedarfs die Abhängigkeit von Stromimporten aus dem Ausland zu begrenzen. Ausserdem würde sie dazu beitragen, den Treibhausgasausstoss des Energiesystems zu senken. Die Studie stellt dabei klar, dass die Kernenergie kein Ersatz für den Ausbau erneuerbarer Energien ist: Sie würde den Bedarf an zusätzlichen Photovoltaik- und Windkraftanlagen lediglich verringern. Auch in der Umweltbilanz schneiden die Nukleartechnologien laut den Forschenden bei Indikatoren wie dem Flächenbedarf und der menschlichen Gesundheit gut ab, wenngleich kleine modulare Reaktoren (SMR) einen hohen Süsswasserverbrauch aufweisen.

Welche Voraussetzungen müssten dafür gegeben sein?
Als Voraussetzung geben die Forschenden an, dass diese neuen Reaktoren rechtzeitig verfügbar sind, ihre Kosten nicht zu hoch ausfallen, die Finanzierungs- und Projektrisiken tragbar bleiben und die erforderlichen rechtlichen und regulatorischen sowie institutionellen Voraussetzungen geschaffen werden.

Wie steht es um die Kosten?
Laut den Modellrechnungen der Studie könnten neue Kernkraftwerke die Grosshandel-Energiepreise leicht senken. Dennoch weist die Untersuchung darauf hin, dass die Baukosten enorm hoch und mit erheblichen Unsicherheiten behaftet sind. Gemäss den Analyseergebnissen zeigen internationale Referenzprojekte regelmässig massive Kosten- und Terminüberschreitungen. Wie die Autoren festhalten, ist eine rein private Finanzierung ohne staatliche Risikoteilung oder spezifische Fördermodelle kaum realisierbar. Gemäss den Modellierungen der Studie stellt der Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke die aktuell kosteneffizienteste Übergangsoption dar.

Ist das Abfallproblem bei den neuen Technologien gelöst?
Das Schweizer Gesetz schreibt zwingend die Entsorgung in einem geologischen Tiefenlager vor. Für konventionelle wassergekühlte Reaktoren ist das geplante Tiefenlager (Nördlich Lägern) laut der Untersuchung ausreichend dimensioniert und weist grosse räumliche Reserven auf, sodass hier keine grundlegend neuen technischen Hürden entstehen. Kritischer ist die Situation bei den innovativen AMR-Reaktoren: Für deren alternative Brennstoffe und Abfallarten gibt es noch viele offene Fragen bezüglich Konditionierung, Zwischen- und Endlagerung.

Wie steht die Schweizer Bevölkerung zu neuen Nukleartechnologien?
Die Gesellschaft ist laut der Untersuchung in der Nuklearfrage seit den 1970-er-Jahren tief gespalten. Zwar ist die Zustimmung zur Kernkraft durch den Ukraine-Krieg und die Sorge um die Versorgungssicherheit leicht gestiegen, doch eine stabile Mehrheit für den Bau neuer Kernkraftwerke ist den Forschenden zufolge aktuell nicht absehbar. Die Unterstützung für den Langzeitbetrieb der bestehenden Anlagen ist in der Bevölkerung deutlich höher als für Neubauten. Da der Bau neuer Werke in der Schweiz voraussichtlich mehrere aufeinanderfolgende Volksabstimmungen erfordern würde, ist das Vorhaben politisch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet.

Wie wird die Studie aufgenommen?
Die Schweizerische Energiestiftung (SES) kritisiert, die Studie rechne zugunsten der Atomkraft und klammere zentrale Risiken aus. So rechne sie mit kürzeren Bauzeiten und tieferen Baukosten, Die Folgen eines schweren Unfalls würden ebenso nicht bewertet,. Die SES hält die TA-Swiss-Studie deshalb für ungeeignet als Grundlage für politische Entscheide. (awp/mc/ps)

TA-Swiss

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