Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: World Wide Waste

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Transparenz ist alles und dank dem Internet können wir alle sie endlich beanspruchen. Das ist zweifellos toll, nicht zu sagen eine wirklich einzigartige Errungenschaft. Hätten wir schon vor hundert Jahren das World Wide Web gehabt, hätten die Nazis vielleicht keine Konzentrationslager betreiben können, ohne dass selbst der extremste deutsche Erzpatriot Gewissensbisse bekommen hätte. Und all die Leute, die etwas ahnten, es aber nicht für wahrhaben wollten, wären informiert gewesen, dass etwas Abscheuliches läuft. Nur: hätten sie sich gewehrt?

Ich glaube nein, denn wir müssen das Rad der Geschichte gar nicht gross zurückdrehen, sondern nur das Experiment der völligen Transparenz im Präsens interpretieren. Syrien, Jemen, Weissrussland oder Birma? Fazit: Die Nazis hätten auch im Zeitalter des World Wide Web ihre Schandtaten ungestört fortführen können. Das weltweite Netz ist leider nicht mehr nur ein Hort der Information oder Aufklärung, sondern leider auch eine Quelle des Irrsinns geworden. Im Prinzip kann heute jeder Idiot irgendeinen Schwachsinn ins Netz stellen, der umso wahrer, glaubwürdiger wird, je mehr Follower er hat.

Schauen Sie mal im Netz die intellektuell unterbelichteten deutschsprachigen «Influencer» in Dubai an, die dieses Land als geile Oase zelebrieren, über den Klee loben und sich einen Dreck drum scheren, wie es dort mit der Wahrung von Menschenrechten aussieht. Kommt hinzu, dass man Bildungslücken im Netz ganz rasch schliessen kann. Bevorzugte Quelle dafür ist natürlich Wikipedia. Nicht nur für die kleine Hausarbeit in der Primarschule taugt Wikipedia, sondern auch für «anspruchsvollere» Recherchen ist Wikipedia zumindest mal erster Kontaktpunkt. Das Dumme daran: Niemand geht einer Sache noch richtig auf den Grund. Für den Alltagsgebrauch genügt ja Wikipedia. Selbst das Denken wird einem abgenommen und somit auch die Schulung des Gedächtnisses. Man trägt ja sein Wissen stets mit sich, nicht im Kopf aber in der Hosentasche.

Auch die Finanzindustrie hat das Internet schon längst entdeckt. Unter «Geldanlage» finden sich über 7 Millionen Suchtreffer, wer «Aktien» googelt, bringt es auf fast 44 Millionen Treffer. Man findet somit Informationen zuhauf, doch sind die alle auch wirklich nötig und nützlich? Eine Untersuchung zweier italienischer Ökonomen, Tullio Jappelli und Luigi Guiso, legt den Schluss nahe, dass Informationen nicht zwingend zu einem höheren Anlageerfolg beitragen. Als Massstab ihrer Analyse wählten sie die sogenannte «Sharp Ratio», die vereinfacht gesagt misst, wie viel Ertrag man für ein bestimmtes Risiko erzielt. Das erstaunliche Ergebnis: Anleger, welche sich überdurchschnittlich viel Zeit für die Informationsbeschaffung nehmen, haben eine deutlich niedrigere Sharp Ratio als solche, die sich überhaupt nicht informieren.

Weiter kommen die Forscher zum Schluss, dass Investoren, die mehr Informationen sammeln auch öfters kaufen oder verkaufen. Wäre dieses Verhalten tatsächlich rational, müsste die Sharp Ratio entsprechend besser sein. Doch trifft das Gegenteil zu. Informationen sind also nicht zwingend ein Schlüssel zum Erfolg. Es kommt erstens auf die Qualität der Informationen an und dann natürlich vor allem darauf, welche Schlüsse man daraus zieht.

Doch halt! Sind die Finanzmärkte nicht so effizient, dass sie sämtliche Informationen auch stets unmittelbar einpreisen? Das wäre schön, ist aber ein Märchen, denn wäre es wahr, könnte man eigentlich gar nichts falsch machen. Jedes Wertpapier wäre dann ja auch stets korrekt bewertet. Schnäppchen gäbe es somit nicht am Markt. Und doch sprechen viele Analysten davon, dass das eine oder andere Wertpapier günstig bewertet oder teuer sei. Wie passt das zusammen? Lawrence Harris, Finanzprofessor der University of Southern California, folgert, dass die Markteffizienz lediglich zur Bestimmung des Preisniveaus zutrifft. Der Weg von einem alten zu einem neuen effizienten Preisniveau ist hingegen alles andere als schnörkellos. Daran schuld sind unter anderem auch Spekulanten oder professionelle Händler, die Kurse zu ihren Gunsten manipulieren, etwa in dem sie sich unauffällig mit Aktien eines Unternehmens eindecken und dann jeweils zukaufen, wenn neue Informationen zu diesem Unternehmen bekannt werden. So lässt sich der Preis nach oben treiben, ganz unabhängig, ob die Information relevant ist oder nicht. Diese Kursbewegung wiederum weckt nun die Aufmerksamkeit anderer Anleger, welche allein aus der Bewegung schliessen, dass die Information eine positive Nachricht war.

Charttechniker sind da besonders fehleranfällig, denn sie achten hauptsächlich auf Kursverläufe. Topinvestoren oder sogenannte Staranalysten sind ebenso in der Lage, Kurse zu manipulieren. Oft genügt dafür schon ein kurzes Votum über ein bestimmtes Unternehmen in einem Medium und der Kurs der Aktie bewegt sich. Dieses Medium muss gar nicht mehr zwingend der renommierten Finanzpresse zugerechnet werden. Hat man erst mal einen bestimmten Bekanntheitsgrad, erreicht man heute dank Internet sehr viel mehr Leute in kürzester Zeit.

Doch wem folgen? Der Begriff «Star Analyst» generiert im Internet immerhin satte 99 Millionen Treffer. Dabei gibt es diese Spezies überhaupt nicht. So zeigt eine Auswertung von fast 50’000 Quartalsprognosen, dass Analysten, die in der Vergangenheit gut lagen, nicht auch in Zukunft besser liegen. Selbst eine Serie guter Prognosen findet stets einmal ein Ende. Denken Sie daran, wenn sie im weltweiten Netz Anlageideen suchen. Und seien Sie vor allem vorsichtig, wenn Anlageideen in einen Tweet verpackt werden. Auch aus der Finanzindustrie geht immer mehr Mist dank Internet viral. Analysten, Investoren, Fonds- oder andere Manager werden so zu «Influencern». Denken Sie daran, bevor Sie Geld anlegen.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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