Druck macht sie stärker: Die Logik antifragiler Geschäftsmodelle

Druck macht sie stärker: Die Logik antifragiler Geschäftsmodelle
David Windisch, Fondsmanager, Rothschild & Co Bank. (Foto: zvg)

Das Zauberwort lautet «Antifragilität»: Es erklärt, warum manche Firmen von Unsicherheit profitieren – und was sie anders machen.

David Windisch, Fondsmanager, Rothschild & Co Bank

Fragile Unternehmen funktionieren im Aufschwung oft ordentlich, doch Krisen legen ihre strukturellen Schwächen schonungslos offen. Unter Druck geraten sie rasch ins Wanken. Zu dieser Kategorie zählen etwa Airlines, Tourismusunternehmen oder stark zyklische Luxusgüterhersteller, deren Geschäftsmodelle in Abschwüngen besonders anfällig sind.

Robuste Unternehmen bleiben jedoch auch in unsicheren Zeiten stabil. Energie- und Versorgungsbetriebe zum Beispiel sichern ihre Erträge selbst in Krisen ab. Sie überstehen so Turbulenzen auf den Märkten, doch von Krisen profitieren sie nicht.

Daneben existiert eine kleine, aber entscheidende Gruppe von Unternehmen, für die Volatilität, Stress und Störungen kein Risiko, sondern ein Vorteil sind. Der Risiko-Theoretiker Nassim Nicholas Taleb bezeichnet sie als «antifragil». Sie zu identifizieren ist jedoch nicht einfach, denn Antifragilität ist kein offizielles Bewertungskriterium und zeigt sich weniger in Bilanzkennzahlen oder ESG-Ratings als im Verhalten eines Geschäftsmodells unter Druck.

Die Chefs tragen Risiken mit
Antifragile Unternehmen verzichten bewusst auf maximale Effizienz, verfügen über schlanke, aber nicht überoptimierte Geschäftsmodelle, sind geografisch, kunden- und produkteseitig breit diversifiziert und halten einen hohen Anteil variabler Kosten. Hohe Margen schützen ihre Ertragskraft, während geringe Verschuldung, starke Mittelzuflüsse und Liquiditätspolster die Handlungsfähigkeit gewährleisten.

Ihre Produkte und Dienstleistungen sind notwendig und nicht beliebig verzichtbar. Häufig produzieren diese Unternehmen dort, wo sie auch ihre Umsätze erzielen, und sind dadurch weitgehend gegen Währungsschwankungen abgesichert. Gleichzeitig sind sie weniger abhängig von politisch volatilen Rahmenbedingungen. Dadurch können diese Unternehmen in Krisenzeiten investieren, Marktanteile gewinnen und von Unsicherheit profitieren, während Wettbewerber sparen müssen.

Ihre Geschäftsmodelle sind nicht für Schönwetterphasen optimiert, sondern für reale Märkte mit Rezessionen, geopolitischen Schocks und gestörten Lieferketten. Sie sind so aufgebaut, dass negative Ereignisse den Schaden begrenzen, während positive Entwicklungen umso stärker wirken und überproportionale Chancen eröffnen.

Schindler, Belimo, Accelleron, Lindt & Sprüngli
Was antifragile Unternehmen verbindet, ist kein Sektor, sondern Struktur. Hohe Margen schaffen Schutz, variable Kosten Flexibilität, geringe Verschuldung Handlungsfreiheit. Die Aufzüge von Schindler werden in vielen Gebäuden täglich verwendet. Der Umsatz des Unternehmens ist aber dank des stabilen Wartungsgeschäfts weniger abhängig von Bauzyklen, als es scheint. Wenn Investitionen in neue Gebäude zurückgehen, bleibt der Cashflow dennoch stabil – und genau dann entstehen Innovationsspielräume.

Belimo ist auf Bauteile für Gebäudeklimatechnik spezialisiert und hat sich durch Innovation zum Marktführer entwickelt. Während der Covid-Pandemie profitierte das Unternehmen von seiner gut organisierten Fertigung: Als Wettbewerber Lieferschwierigkeiten hatten, sprang Belimo ein und gewann Marktanteile. Zudem treibt die wachsende Nachfrage nach effizienter, gesundheitskonformer Gebäudetechnik das Geschäft.

Accelleron entwickelt, baut und wartet Turbolader für Schiffmotoren. Turbolader reduzieren den Verbrauch und die Abgase aber erhöhen gleichzeitig die Leistung – daher finanzieren sie sich in nützlicher Frist selbst. Das Unternehmen macht mehr als 70% des Umsatzes durch Service welcher immer anfällt.

Auch der Premium-Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli, dessen Produkte in rund 120 Ländern erhältlich sind, gehört dazu: Starke Marken, globale Diversifikation und Preissetzungsmacht sichern Nachfrage und Margen – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Nicht zuletzt, weil sich Konsumenten auch dann bewusst eine Premium-Schokoladetafel gönnen.

Renditechancen erkennen
Heute greifen Regierungen und Zentralbanken stark in die Märkte ein. Die Folge sind zahlreiche «Zombiefirmen», die künstlich am Leben gehalten werden und notwendige Strukturbereinigungen verzögern. Doch ein Reinigungsprozess wird früher oder später einsetzen.

Die nächste Krise ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Für Investoren bedeutet das: Nicht Unsicherheit gilt es zu vermeiden, sondern Geschäftsmodelle zu identifizieren, die davon profitieren. Antifragile Unternehmen liefern hier eine überzeugende Antwort. Wer in solche Strukturen investiert, erhält keine Krisenanfälligkeit, sondern gewinnt Krisenstärke. (mc/pg)

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