Erfolgreiche Anleger denken und handeln in Zyklen
Zug – Wer an der Börse jede Schlagzeile als Neuigkeit liest, übersieht die grösseren Muster darunter. Konjunktur, Generationen und Weltmächte folgen Rhythmen, die sich seit Jahrhunderten wiederholen. Für Anleger führt das zur unbequemen Frage: Welche Jahreszeit haben wir gerade?
Ein Gastbeitrag von Hannes Hörtnagl und Benjamin Deutsch, Invest in Best
Nikolai Kondratieff hat für seine Idee mit dem Leben bezahlt. Der russische Ökonom beschrieb in den 1920er-Jahren lange Wellen von rund einem halben Jahrhundert, in denen kapitalistische Volkswirtschaften aufblühen, später erlahmen und sich erneuern. Die Botschaft, dass der Kapitalismus seine Krisen immer übersteht, passte nicht zu Stalins Weltbild. Kondratieff kam ins Lager. Seine Wellen laufen weiter.
Zyklisches Denken ist unbequem. Wer sich an einen immerwährenden Aufschwung und dauerhaft steigende Kurse erst einmal gewöhnt hat, ist schwer vom Gegenteil zu überzeugen.
Ob Lagerhaltung oder Bauwirtschaft: Die Welt tickt seit jeher im Takt der Zyklen
Die Ökonomie kennt viele solcher Rhythmen, und sie überlagern sich. Der britische Geschäftsmann Joseph Kitchin beobachtete in den 1920er-Jahren Lagerzyklen von drei bis fünf Jahren. Der französische Arzt Clément Juglar hatte 1862 Investitionszyklen von sieben bis elf Jahren beschrieben. Simon Kuznets fand Wellen von 15 bis 25 Jahren in Bauwirtschaft und Infrastruktur. Ray Dalio hat dem Bild den langfristigen Schuldenzyklus hinzugefügt: Über Jahrzehnte wachsen die Schulden schneller als die Einkommen, bis die Last untragbar wird und über Inflation, Umschuldung oder Abwertung abgebaut werden muss.
Zyklen haben viel mit Erinnerung zu tun. Die Historiker William Strauss und Neil Howe beschreiben im Sachbuch „The Fourth Turning“ für die US-Wirtschaft einen Rhythmus von 80 bis 100 Jahren. Das entspricht der Spanne eines langen Menschenlebens. Sie gliedern diese Phase in vier Abschnitte und vergleichen diese selbst mit Jahreszeiten: einen Frühling starker Institutionen, einen Sommer des Aufbegehrens, einen Herbst, in dem das Vertrauen bröckelt, und einen Winter der Krise, aus dem eine neue Ordnung hervorgeht.
Wer eine Krise durchlebt hat, baut Schutzmauern. Seine Kinder halten sie für übertrieben, die Enkel schliesslich lassen jede Vorsicht vermissen. An den Finanzmärkten lässt sich seit Langem Dasselbe beobachten. Die Bankenregeln, die Washington nach dem Crash von 1929 erliess, galten Jahrzehnte später als Hemmschuh und fielen 1999. Neun Jahre darauf kam die Rechnung mit dem Platzen der Immobilienblase in den Vereinigten Staaten, die immense Schockwellen um den Globus schickte und etwa Griechenland in die Staatspleite rutschen liess.
Auch Weltmächte haben ein Ablaufdatum
Eine Ebene darüber liegen die Zyklen der Imperien: Bildung, Innovation und Handel begründen den Aufstieg, eine Reservewährung festigt ihn. Dann folgen steigende Schulden, wachsende Ungleichheit im Inneren und eine aufstrebende Konkurrenzmacht. Wer heute auf Staatsdefizite, Zollkonflikte und die Rivalität zwischen Washington und Peking blickt, erkennt Historikern vertraute Motive. Ob und wann es zum „grossen Knall“ kommt, weiss niemand. Einen fixen Termin nennen Zyklen nie. Sie liefern Wahrscheinlichkeiten.
Wie investiert man richtig in einer Welt der Zyklen?
Aus diesen Beobachtungen ist unser Ansatz entstanden, den wir „Investieren nach Jahreszeiten“ nennen. Die häufigste Frage, welche Aktie gerade attraktiv aussieht, steht dabei ganz am Schluss. Zuerst klären wir, in welcher Phase sich die Weltwirtschaft befindet. Im Frühling der Börsen-Jahreszeiten springt die Konjunktur an, Kredit wird günstig, Risiko wird belohnt. Im Sommer läuft die Wirtschaft heiss, Rohstoffe und Inflation ziehen an. Im Herbst kühlt das Wachstum ab, Qualität und Liquidität gewinnen an Wert. Im Winter geht Kapitalerhalt vor Rendite.
Mit dem Kalender haben diese Jahreszeiten nichts zu tun. Ein ökonomischer Sommer kann drei Jahre dauern oder auch acht. Deshalb prüfen wir das zyklische Bild gegen Fundamentaldaten, Makroindikatoren und Liquidität, gegen die Positionierung der Marktteilnehmer und am Ende gegen das Kursverhalten selbst.
Im Actively Managed Certificate (AMC), dessen Anlagestrategie wir als Portfoliomanager für die ZEUS Anstalt für Vermögensverwaltung verantworten, setzen wir diesen Gedanken um. Jede Anlageklasse kann dort zwischen null und 100 Prozent gewichtet werden, von Aktien über Anleihen und Edelmetalle bis zu Rohstoffen und Kryptowährungen. Einen Winter übersteht man schlecht mit einem Portfolio, das laut Statut stets überwiegend in Aktien stecken muss.
Frühlingstage im Januar
Wo stehen wir heute? Der Schuldenzyklus zeigt erkennbar ein spätes Stadium, die geopolitische Ordnung verschiebt sich sichtbar. Davon darf man sich als Anleger auch nicht täuschen lassen, wenn sich immer wieder wärmere Tage im Börsen-Winter dazwischenschieben. Uns beschäftigt weniger, ob es morgen schneit. Wir beobachten, ob die Tage kürzer werden.
| Die Autoren Die Tiroler Jugendfreunde Hannes Hörtnagl und Benjamin Deutsch gründeten 2018 die Invest in Best AG mit Sitz in Zug. Dabei handelt es sich um eine Bildungsplattform für Wirtschaft, Märkte, Gesundheit und Unternehmertum. Hörtnagl kam über Polizeidienst, Politik und eigene Firmen zum Kapitalmarkt, Deutsch über ein Volkswirtschaftsstudium sowie 20 Jahre Marktpraxis und die Strategiekenntnisse als Pokerspieler. Als Portfoliomanager der Liechtensteiner ZEUS Anstalt verantworten beide die Strategie eines börsennotierten AMC. |